Justiz blockiert Geld bei Firma von Freund des Bundesanwalts

Vermögenswerte einer Firma eines engen Vertrauten von Bundesanwalt Lauber wurden eingefroren. Die Brisanz wurde unterschätzt, der Fall blieb vier Monate liegen.

Kennen sich aus der gemeinsamen Zeit in Liechtenstein: René Brülhart (l.) und Michael Lauber. Foto: Keystone

Kennen sich aus der gemeinsamen Zeit in Liechtenstein: René Brülhart (l.) und Michael Lauber. Foto: Keystone

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Was geschieht, wenn ein Freund des obersten Schweizer Strafverfolgers plötzlich auf den Radar von dessen Behörde gerät? ­Diese Frage stellt sich ausgerechnet jetzt, da die Wiederwahl von Bundesanwalt Michael Lauber durch eine Disziplinarunter­suchung wegen der Fifa-Affäre gefährdet ist. Doch damit nicht genug: Die heikle Angelegenheit betrifft einen der grössten Fälle, den die Bundesanwaltschaft derzeit behandelt. Und bei Laubers Freund handelt es sich um eine politisch exponierte Person, einen sogenannten PEP.

Der PEP heisst René Brülhart. Der 46-Jährige ist Vorzeigemann der Geldwäscherei-Bekämpfung, Übername in den Medien: «James Bond der Finanzwelt». Der gebürtige Freiburger präsidiert die Finanzaufsicht im Vatikan und ist bestens vernetzt. Von 2010 bis 2012 war er Vizevorsitzender der Egmont-Gruppe, des Zusammenschlusses der nationalen Anti-Geldwäscherei-Behörden.

Brülhart und Lauber lernten sich vor bald 20 Jahren kennen, als sie gemeinsam die Geldwäscherei-Meldestelle in Liechtenstein aufbauten. Seither sind sie befreundet. «Sie treffen sich in unregelmässigen Abständen im privaten Rahmen», bestätigt eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft.

Nun taucht Brülharts Name im Grossverfahren der Bundesanwaltschaft rund um die verschwundenen Milliarden des malaysischen Staatsfonds 1MDB auf. Der zu prüfende Verdacht: Zu ihm, dem Geldwäscherei-Bekämpfer, könnte schmutziges Geld geflossen sein. In einer Stellungnahme verbittet sich Brülhart «jegliche Spekulationen über eine Beteiligung von mir oder einer meiner Unternehmungen am 1MDB-Fall oder an irgendwelchen anderen unkorrekten oder gar strafbaren Aktivitäten».

2,5 Millionen Franken für die beiden Brülhart-Unternehmen

Dass der Vertraute Laubers auf den Radar der Bundesanwaltschaft geraten ist, kam so: René Brülhart ist nicht nur Finanzaufseher im Vatikan, sondern gleichzeitig in einer anderen, mindestens so verschwiegenen Branche tätig: der Informationsbeschaffung. Etwas zugespitzt ausgedrückt, arbeitet er als freiberuflicher Geheimdienstler. Der Geldwäscherei-Bekämpfer stand dabei einem Klienten bei, dem die Bundesanwaltschaft im 1MDB-Skandal Korruption, schwere Geldwäscherei und Weiteres vorwirft.

Für seine Tätigkeiten führt Brülhart eine eigene Firma, die RnB AG in Zürich. Zudem ist er Verwaltungsratspräsident und zu einem Drittel beteiligt an der Schweizer Niederlassung der weltweit operierenden TD International, deren Nähe zu amerikanischen Geheimdienstkreisen bekannt ist. Zahlungen an diese beiden Firmen sind der Grund, weshalb Brülhart nun bei der Bundesanwaltschaft ein Thema ist.

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Die Zahlungen kamen von einer Seite, die im 1MDB-Skandal zentral ist: von der Ölgesellschaft Petrosaudi beziehungsweise deren Mitbegründer Tarek Obaid. Der schweizerisch-saudische Doppelbürger mit lange exzellenten Beziehungen ins Königshaus der Sauds soll mitgeholfen haben, bis zu 1,8 Milliarden Dollar 1MDB-Gelder abzuzweigen. Obaid bestreitet via seinen Genfer Anwalt jegliches Fehlverhalten. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Im Herbst 2015 war bekannt geworden, dass die Bundesanwaltschaft im Fall 1MDB ermittelt. Just in dieser Zeit sicherte sich Obaids Petrosaudi die Dienste der TD International von Brülhart und seinen Geschäftspartnern. In den beiden folgenden Jahren erfolgten Zahlungen, die nun einen Geldwäscherei-Verdacht begründen: 2016 und 2017 überwies Petrosaudi insgesamt rund 2,5 Millionen Franken an die TD International. 2017 kam noch eine Zahlung von Petrosaudi-Direktor Tarek Obaid an René Brülharts RnB AG von rund 50'000 Franken hinzu.

Lauber erfuhr angeblich vier Monate lang nichts

Wofür das viele Geld? In Rechnungen, die das Tamedia-Recherchedesk einsehen konnte, sind die Gegenleistungen von TD International für Petrosaudi schlicht mit «Professional Services» umschrieben. Das lässt viel Spielraum für Interpretationen. Doch weder Brülhart noch Obaid wollen sich zum Zweck der Zahlungen äussern. Brülhart schreibt: «Bei allen Mandaten stelle ich hohe Anforderungen an die Integrität und Vertraulichkeit meiner Arbeit. Zu allfälligen Geschäftsbeziehungen mit möglichen Mandanten (...) kann ich mich deshalb nicht äussern.»

Die Schweizer Bank, bei der die 2,5 Millionen Franken von Petrosaudi für die beiden Brülhart-Firmen eintrafen, wollte die Hintergründe der Zahlungen wohl ebenfalls abklären. Offenbar bekam sie keine befriedigende Erklärung. Deshalb gelangte sie an die Geldwäscherei-Meldestelle. Von dort ging im September 2018 eine Verdachtsmeldung an die Bundesanwaltschaft, wie deren Sprecherin erklärt. Die «entsprechenden Vermögenswerte» seien «umgehend blockiert» worden. Über den Umfang der blockierten Vermögenswerte und den aktuellen Stand der Dinge gibt die Bundesanwaltschaft keine Informationen.

Brülhart betont nun, dass weder er noch die erwähnten Gesellschaften in einem Verfahren der Bundesanwaltschaft oder in sonstigen Strafverfahren beschuldigt seien. Er weist darauf hin, «dass Strafbehörden gerade in Untersuchungen von Wirtschaftsstrafverfahren oft auch Konten von unbeteiligten Drittpersonen beschlagnahmen, die nichts mit den untersuchten Vorwürfen zu tun haben».

Video: Lauber holt zum Gegenschlag aus

«Das ist einfach nur absurd»: Michael Lauber an der Pressekonferenz in Bern. Video: Keystone

Allerdings ist es auch eher selten, dass bei Firmen eines staatlichen Geldwäscherei-Bekämpfers Geld eingefroren wird. Und noch seltener, dass es sich dabei um einen Vertrauten des Chefs der beschlagnahmenden Behörde handelt. Deshalb drängt sich die Frage auf: Was unternehmen die Strafverfolger des Bundes zusätzlich, wenn ein Freund des Bundesanwalts in einem so delikaten Zusammenhang auftaucht? Und dies erst noch in einem Schlüsseldossier.

Gemäss Bundesanwaltschaft geschah nach der Vermögenssperrung erst einmal – nichts. In der Darstellung der Behörde dauerte es rund vier Monate, bis man intern die Brisanz der Verdachtsmeldung erkannte. Erst im Januar 2019 seien «im Zuge der weiteren Bearbeitung» und «aufgrund der offiziellen Funktion von René Brülhart im Bereich der Geldwäscherei-Bekämpfung» das interne Controlling und die Geschäftsleitung informiert worden, schreibt die Sprecherin. Also: auch Bundesanwalt Lauber. Wie es seither mit der Prüfung der Verdachtsmeldung weiterging, ist nicht bekannt.

Und noch eine Frage steht im Raum: Versprach sich die Ölgesellschaft Petrosaudi dank TD International und Brülhart einen direkten Zugang zum Bundesanwalt? Gemäss der Zeitung «Le Temps» liefen im Frühjahr 2018 Verhandlungen über einen Deal zwischen der Bundesanwaltschaft und Petrosaudi. Solche Einigungen sind für Beschuldigte in Strafverfahren oft elegante Lösungen, da sie eine Gerichtsverhandlung stark verkürzen und die Urteile vorab ausgehandelt werden.

Brülhart arrangierte Treffen mit Schweizer Geheimdienst

War ein solcher Deal, zu dem es bisher nicht kam, Thema bei den gelegentlichen Zusammenkünften des Bundesanwalts mit seinem alten Vertrauten? Die Sprecherin der Bundesanwaltschaft verneint: Im privaten Austausch «äussert sich der Bundesanwalt nicht zu Strafverfahren». Auch habe es keine Treffen Laubers mit Obaid gegeben: «Bundesanwalt Michael Lauber hat sich nicht mit Organen von Petrosaudi, die im Rahmen des Falles 1MDB der BA Beschuldigte sind, oder anderen Petrosaudi-Vertretern oder deren Rechtsvertretern getroffen.»

Dass Tarek Obaid die Nähe zu den Schweizer Behörden sucht, ist jedenfalls nicht weit hergeholt. «Le Temps» deckte auch auf, dass sich Obaid vor Ende 2017 über Monate mit Agenten des Nachrichtendienst des Bundes (NDB) getroffen hatte. Die Westschweizer Zeitung fragte, ob er diesen Kontakt suchte, «weil es notwendig war, den guten Willen der Bundesbehörden zu gewinnen».

Brülhart schreibt, ihm stehe es frei, neben seinem päpstlichen Auftrag «andere Mandanten zu beraten, sofern kein Interessenkonflikt besteht».

Zusätzliche Recherchen zeigen: Bei einem Treffen zwischen Obaid und dem stellvertretenden NDB-Direktor Paul Zinniker am Flughafen Zürich war auch René Brülhart dabei. Der Mann aus dem Vatikan war es auch, der die geheime Zusammenkunft eingefädelt hatte. Der NDB nahm dazu ebenso wenig Stellung wie Brülhart.

Für den Kirchenstaat scheint es kein Problem zu sein, dass sein oberster Geldwäscherei-Bekämpfer nebenamtlich einen Geldwäscherei-Verdächtigen unterstützte. Tommaso Di Ruzza, der Direktor der vatikanischen Finanzaufsicht, schreibt, seine Behörde kommentiere keine «Spekulationen», welche «angebliche Mandate» ihres Präsidenten betreffen. Brülhart sei nicht operativ für die Behörde tätig und erfülle sein Mandat «mit einem hohen Grad an Professionalität und Integrität».

Brülhart schreibt, ihm stehe es frei, neben seinem päpstlichen Auftrag «andere Mandanten zu beraten, sofern kein Interessenkonflikt besteht». «Ohne höchste Anforderungen an die Einhaltung von rechtlichen Vorschriften und ethischen Standards», fährt der «James Bond der Finanzwelt» fort, «wäre es mir unmöglich, verantwortungsvolle Mandate wie das Präsidium der Finanzaufsicht des Vatikans glaubwürdig wahrzunehmen.»

Mitarbeit: Catherine Boss und Oliver Zihlmann



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Erstellt: 12.05.2019, 19:22 Uhr

Der Fall 1MDB: Darum geht es

Im 1MDB-Verfahren geht es um unvorstellbar viel Geld, das aus dem malaysischen Staatsfonds 1Malaysia Development Berhad (1MDB) verschwunden ist. Bei der Aufarbeitung des Falls spielt die Schweizer Bundesanwaltschaft eine führende Rolle. Aktuell untersucht sie Transfers von gegen 10 Milliarden Dollar, wovon mehr als 7 Milliarden über Schweizer Bankkonten geflossen sind. Es scheine, so die Bundesanwaltschaft, dass 6 Milliarden «in einer Art verwendet wurden, die Schweizer Strafrecht verletzt». In der Schweiz sind aktuell Vermögenswerte von rund 400 Millionen eingefroren.

Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft begannen im August 2015. Einerseits richten sie sich gegen die aufgelöste Bank BSI sowie die Falcon Bank. Andererseits laufen die Ermittlungen gegen sechs natürliche Personen, nämlich zwei ehemalige 1MDB-Funktionäre, zwei Funktionäre von Staatsfonds aus Abu Dhabi sowie zwei Petrosaudi-Männer, darunter Tarek Obaid.

Das Verfahren gegen die Petrosaudi-Männer eröffnete die Bundesanwaltschaft als letztes, nämlich im November 2017. Dies, obwohl die Online-Plattform «Sarawak Report» schon ganz zu Beginn, als der Milliardenskandal Stück für Stück öffentlich wurde, viele Dokumente zu den dubiosen Deals zwischen Petrosaudi und 1MDB publiziert hatte. Insgesamt flossen rund 1,8 Milliarden Dollar von 1MDB zu Petrosaudi.

Angeblich war das Geld für Joint-Venture-Projekte im Öl-Förderbereich bestimmt, die aber nie umgesetzt wurden. 700 Millionen wurden direkt zu einem Geschäftsmann weitergeleitet, der dem damaligen Präsidenten Malaysias, Najib Razak, nahesteht. Razak wurde 2018 abgewählt. Ihm wird derzeit in Malaysia der Prozess gemacht.

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