Der Verdrängungskampf im Weinhandel tobt

Grösserer Kampf um den immer kleineren Kuchen: Digitec Galaxus baut sein Angebot im hart umkämpften Weinmarkt aus. Gleichzeitig trinken die Schweizer aber immer weniger.

In der Schweiz überbieten sich die Detailhändler Coop und Denner (im Bild) mit Sonderangeboten für Weine. Foto: Keystone

In der Schweiz überbieten sich die Detailhändler Coop und Denner (im Bild) mit Sonderangeboten für Weine. Foto: Keystone

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Was haben Wein und Waschmittel gemeinsam? Viele Kunden schlagen beim Einkauf nur dann zu, wenn sie einen grosszügigen Rabatt erhalten. In der Schweiz überbieten sich die Detailhändler Coop und Denner mit Sonderangeboten für Weine. 20-Prozent-Aktionen auf das ganze Sortiment gibt es regelmässig und oft gleich für eine ganze Woche. Auch an Nachlässe von 50 Prozent haben sich Kunden längst gewöhnt. Die Margen für die Händler schrumpfen. Jetzt kommt das Geschäft mit Wein weiter unter Druck.

Der grösste Schweizer Onlinehändler Digitec Galaxus baut seinen Weinhandel stark aus. Über 12'000 Weine wird das zur Migros gehörende Unternehmen neu ins Sortiment aufnehmen. Dabei wird Galaxus mit dem Online-Weinhändler Flaschenpost zusammenarbeiten. Galaxus verspricht sich viel von dem Deal. «Das wird unserem Umsatzwachstum im Weinbereich weiteren Schub verleihen», sagt Manuel Furrer, der bei Galaxus für das Weinsortiment zuständig ist. Bislang führte der Händler rund 5000 Weine.

Der Schweizer Weinmarkt ist bereits hart umkämpft. Laut David Morant vom Beratungsunternehmen Carpathia gibt es über 3600 unabhängige Weinhändler in der Schweiz. Neben vielen Kleinstbetrieben mischen auch bekannte Namen wie Mövenpick und Bindella mit. Die deutschen Discounter Lidl und Aldi sind mit ihren Tiefpreisen zu den zehn grössten Schweizer Weinverkäufern aufgestiegen.

Gleichzeitig trinken die Schweizerinnen und Schweizer immer weniger Wein. Lag der Konsum im Jahr 1997 noch bei über 43 Litern pro Kopf und Jahr, waren es 2017 noch 33 Liter. Vom kleiner werdenden Kuchen zehren durch den Markteintritt neuer Onlinehändler immer mehr Firmen. «Beim Wein herrscht ein intensiver Verdrängungskampf. Der stärkere Auftritt von Galaxus wird den Wettbewerb weiter anheizen», sagt Morant.

Auch Amazon dürfte in der Schweiz bald mitmischen

Das werden auch die beiden Platzhirsche Coop und Denner zu spüren bekommen, die ebenfalls je einen eigenen Onlineshop betreiben und gemeinsam über 40 Prozent des Schweizer Weinmarkts beherrschen. Der neue Deal von Galaxus überrascht: Anstatt dass die beiden Migros-Töchter Galaxus und Denner gemeinsame Sache machen, kommt Flaschenpost zum Zug. Dessen Mitbesitzer ist ironischerweise Renzo Schweri, ein Enkel des Denner-Gründers Karl Schweri. Galaxus hat auch Gespräche mit Denner geführt – bislang ohne Einigung.

Flaschenpost hat ein grösseres Weinsortiment als Coop und Denner. Das Unternehmen hat ein eigenes Lager. Daneben lässt es sich auch von anderen Schweizer Händlern beliefern. Für Galaxus ist die grosse Auswahl ein entscheidender Faktor. «Als Onlinehändler ist es uns wichtig, ein möglichst breites Sortiment anzubieten. Die Verkaufsläden der Detailhändler können das nicht», sagt Furrer. Derzeit baut das Unternehmen zusätzlich ein eigenes Weinlager auf, um Kunden direkt beliefern zu können.

Junge Unternehmen wie der auf Frischwaren spezialisierte Onlinemarkt Farmy haben ebenfalls Wein in ihr Sortiment aufgenommen. Onlinehändler wollen, dass die Kunden möglichst den gesamten Wocheneinkauf in ihrem Shop erledigen. Um ein breites Publikum anzusprechen, darf auch Wein nicht fehlen.

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Zwar machen Onlineverkäufe beim Wein in der Schweiz laut Carpathia erst etwa 10 Prozent aus. Das ist aber schon deutlich mehr als bei Lebensmitteln, wo der Anteil bei rund 2 Prozent liegt. David Morant von Carpathia rechnet damit, dass die Onlinehändler weitere Marktanteile gewinnen werden.

Auch online sind Rabatte auf Weinen häufig. Wegen der hohen Versandkosten für die schweren Weinflaschen ist das noch ruinöser als beim Ladenverkauf. Mit kleinen Warenkörben können Händler im Internet kaum Geld verdienen. «Bei einem Einkauf unter 100 Franken bleibt nicht viel als Gewinn übrig», sagt Morant.

Einige Marktteilnehmer rechnen damit, dass sich der Wettbewerb schon in Kürze nochmals zuspitzen wird. In der Branche wird schon länger herumgereicht, dass der US-Gigant Amazon sein Sortiment für die Schweiz stark erweitern wird. Die Hinweise darauf haben sich zuletzt verdichtet. «Ich erwarte, dass auch Amazon bald in der Schweiz Wein verkaufen wird», sagt Dominic Blaesi von Flaschenpost.



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Erstellt: 30.06.2019, 14:15 Uhr

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