Vergiss es!

Wie das Gehirn im Traum unwichtige Erinnerungen löscht.

Schlaf: Gewisse Neuronen räumen Gedächtnis-Ressourcen für den kommenden Tag auf Foto: Christof Schürpf/Keystone

Schlaf: Gewisse Neuronen räumen Gedächtnis-Ressourcen für den kommenden Tag auf Foto: Christof Schürpf/Keystone

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Eines Nachmittags im April 1929 kam ein Journalist einer Moskauer Zeitung mit einem ungewöhnlichen Problem in das Büro von Alexander Lurija: Er konnte einfach nicht vergessen. Lurija, ein Neuropsychologe, testete den Mann, indem er ihn mit Folgen von Zahlen, Wörtern, fremdsprachigen Gedichten und wissenschaftlichen Formeln bombar­dierte. All das konnte Solomon Schereschewski, wie der Mann hiess, der später als «S.» in die Fachliteratur einging, problemlos rezitieren. Er erinnerte sich auch noch nach vielen Jahren, immer wenn ihn Lurija testete, perfekt an die Zahlenfolgen.

Seine Fähigkeit, sich zu erinnern, hatte für S. im Alltag allerdings auch Nachteile. Für ihn war es sehr schwierig, abstrakte Konzepte oder symbolisch-bildliche Sprache zu verstehen. Zudem war er sehr schlecht darin, Gesichter zu erkennen, weil er sich diese immer zu einem bestimmten Zeitpunkt mit spezifischen Ausdrücken und Eigenschaften gemerkt hatte.

Die Fähigkeit zu vergessen, so wurde den Wissenschaftlern nach Lurijas Beschreibungen langsam klar, ist genauso wichtig wie die Fähigkeit, sich zu erinnern.

«Wir werden jeden Tag mit vielen Informationen überflutet, und viele davon werden im Gedächtnis abgespeichert», sagt der Neurobiologe Ronald Davis vom Scripps Research Institute in Jupiter im US-Bundesstaat Florida. «Aber wir können mit all diesen Informa­tionen schlicht nicht umgehen.»

Forscher wie Davis führen ins Feld, dass Vergessen ein aktiver Mechanismus ist, den das Gehirn einsetzt, um unnötige Informa­tionen auszusortieren und so Platz zu schaffen für neue Erinnerungen. Andere Wissenschaftler gehen noch weiter: Sie sind der Meinung, dass Vergessen unabdingbar ist für die geistige Flexibilität, welche die Basis ist für kreatives Denken und Fantasie.

Die MCH-Neuronen feuerten im REM-Schlaf am stärksten

Nun haben japanische Forscher eine Gruppe von Nervenzellen entdeckt, die dafür verantwortlich sein könnten, dass das Gehirn vergessen kann. Der Neurowissenschaftler Akihiro Yamanaka und sein Team fanden bei der Erforschung der Schlafregulation von Mäusen die sogenannten MCH-Neuronen – MCH steht für melanin-concentrating hor­mone. Das berichteten sie kürzlich im Fachmagazin ­«Science».

Die meisten Neuronen im Gehirn sind dann aktiv, wenn die Tiere wach sind. Anders die MCH-Neuronen im Hypothalamus – einer Hirnregion, die unter anderem den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert. Sie feuern dann am stärksten, wenn sich die Tiere im sogenannten REM-Schlaf befinden. Diese Schlafphase zeichnet sich durch schnelle Augenbewegungen aus, einen erhöhten Puls, und – zumindest bei Menschen – durch lebhafte Träume.

Als die Forscher die elektrischen Signale der MCH-Neuronen weiterverfolgten, fanden sie heraus, dass diese Neuronen Zellen in einer anderen Hirnregion, dem Hippocampus, dämpfen; er spielt eine zentrale Rolle bei der Festigung von Gedächtnisinhalten.

Die Mäuse erinnerten sich nicht mehr daran, welche Objekte sie schon gesehen und beschnuppert hatten.

Um die Rolle der MCH-Neuronen genauer zu untersuchen, benutzten die Forscher einen genetischen Trick, mit dem sie die MCH-Neuronen ein- oder ausschalten konnten. Zuerst zeigten die Forscher den Mäusen eine kleine Plastikbanane sowie ein Holzspielzeug, das die Nager erkunden konnten. Danach aktivierten oder hemmten die Forscher die Aktivität der MCH-Zellen via den genetischen Schalter. Dann brachten sie die Mäuse zurück in ihre Käfige, wo eines der Objekte gegen ein neues ausgetauscht worden war.

Als sie dann das Verhalten der Mäuse analysierten, waren die Forscher überrascht: Bei den Mäusen, bei denen sie die MCH-Neuronen aktiviert hatten, verschlechterte sich das Gedächtnis; die Mäuse erinnerten sich nicht mehr daran, welche Objekte sie schon gesehen und beschnuppert hatten. Sie näherten sich dem bekannten Objekt gleich häufig wie dem neuen.

Traumatische Erinnerungen zu löschen, wird schwierig

Anders diejenigen Mäuse, deren MCH-Zellen gehemmt wurden. Sie spielten häufiger mit dem neuen Objekt. Das deutet darauf hin, dass sie sich gut an die Banane und das Holzspielzeug erinnern konnten und diese Objekte nicht nochmals auskundschaften mussten.

Der Unterschied im Verhalten war so offensichtlich, dass die Forscher nur schon beim Beobachten sagen konnten, bei welchen Tieren die MCH-Neuronen gedämpft waren. Kommt dazu, dass der Effekt nur dann eintrat, wenn die Aktivität der MCH-Neuronen während des REM-Schlafs unterdrückt worden war. Wurden die Zellen gehemmt, wenn die Mäuse wach waren oder sich in einer anderen Schlafphase befanden, dann hatte das keinen Einfluss auf die Leistung beim Gedächtnistest.

«Diese Resultate lassen den Schluss zu, dass die MCH-Neuronen aktiv daran beteiligt sind, dass wir unwichtige Informationen wieder vergessen», sagt Yamanaka. Und weil diese Nervenzellen während des REM-Schlafs am aktivsten sind, könnte das erklären, warum Menschen sich so schlecht an ihre Träumen erinnern, wenn sie aufwachen. «Die Neuronen räumen Gedächtnis-Ressourcen für den nächsten Tag auf.»

Es würde durchaus Sinn ergeben, sagt Davis, dass die Hirnareale, die für die Bildung von Gedächtnisinhalten zuständig sind, auch mit deren Tilgung zu tun haben.

Es gibt wahrscheinlich jedoch viele Prozesse, die daran beteiligt sind, wann und wie das Gehirn vergisst. «Wenn wir lernen, und das tun wir den ganzen Tag, sorgen verschiedene Vergessmechanismen dafür, dass das Gedächtnis langsam erodiert», sagt Ronald Davis. So weiss man, dass Veränderungen im Feuerungsmuster der Nervenzellen, eine Schwächung der synaptischen Verbindungen und die Bildung neuer Neuronen alle bis zu einem gewissen Grad zu einem Gedächtnisverlust beitragen.

Es würde durchaus Sinn ergeben, sagt Davis, dass die Hirnareale, die für die Bildung von Gedächtnisinhalten zuständig sind, auch mit deren Tilgung zu tun haben. Es sei, wie wenn man sich entscheide, ein Zimmer neu zu streichen: Zuerst entferne man die alte Farbe.

Wir seien aber noch weit davon entfernt – wenn es überhaupt je möglich sein sollte –, trauma­tische Erinnerungen auslöschen oder schöne Erinnerungen leichter zugänglich machen zu können, sagt Yamanaka. Für den Moment gehören solche Optionen ins Reich der Fiktion, wie etwa im Film «Vergiss mein nicht», in dem die Pro­tagonistin Clementine, gespielt von Kate Winslet, dank eines neuen Verfahrens gezielt alle Erinnerungen löschen kann.

© «The New York Times»



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Erstellt: 19.10.2019, 17:33 Uhr

Die Frau, die nie etwas vergessen kann

Viele von uns ärgern sich, wenn sie wieder mal etwas vergessen haben, den Namen einer Schulfreundin etwa oder den Zahnarzttermin. Einem paar Dutzend Menschen weltweit geht es genau umgekehrt: Sie können nichts vergessen, was sie ab einem bestimmten Alter erlebt haben. Und das kann die Betrof­fenen sehr belasten.
Die Amerikanerin Jill Price war die Erste, die sich vor knapp 20 Jahren an einen Gedächtnisforscher wandte: Ihre Erinnerungen würden sie ununterbrochen und unkontrollierbar verfolgen, das sei extrem erschöpfend, sagte Price, die sich an jeden Tag erinnert, seit sie 14 Jahre alt ist. Es war dann der von Price kontaktierte Neurobiologe James McGaugh, der das hyperthymestische Syndrom (HSAM – Highly Superior Autobiographical Memory) als Erster beschrieb.
Seither sind in der Fachliteratur etwa ein Dutzend Fälle von Menschen beschrieben, die wie Price sich an jeden Tag im Leben ­erinnern (episodisches Gedächtnis), die aber bei anderen Aufgaben zum Teil grosse Mühe bekunden, etwa beim Lernen von Fakten (semantisches Gedächtnis). Was genau zu der speziellen Fähigkeit führt, ist weitgehend unklar, möglicherweise sind gewisse für das Gedächtnis wichtige Hirnstrukturen bei den Betroffenen vergrössert. (nw)

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