«Verheiratete Männer ohne grossen Sextrieb funktionieren am besten»

Hanns-Christian Gunga erforscht, wie wir uns bei extremen Bedingungen verhalten – und warum dann die Hemmungen fallen.

Wo auch immer er ist, schaut er sich auch die Speisekarten der Restaurants an: Hanns-Christian Gunga. Foto: Norman Konrad

Wo auch immer er ist, schaut er sich auch die Speisekarten der Restaurants an: Hanns-Christian Gunga. Foto: Norman Konrad

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Wer sein Büro im sechsten Stock auf dem Klinikgelände der Charité in Berlin betritt, fühlt sich in eine Epoche versetzt, in der Mediziner noch Universalgelehrte waren. Auf den Tischen stapeln sich Bücher, anatomische Studien und Fossilien bevölkern den Raum, von der Decke baumelt das Modell der internationalen Raumstation ISS, und in einem verglasten Wandschrank stehen dicke Folianten – die wissenschaftlichen Tagebücher von Hanns-Christian Gunga, Professor für Weltraummedizin und extreme Umwelten. Diese Woche ist sein neues Sachbuch «Am Tag zu heiss und nachts zu hell» erschienen. Es handelt von Menschen in Extremsituationen und zeigt: Der Klimawandel ist bei weitem nicht die einzige Überforderung.

Herr Gunga, es ist verdammt heiss in Ihrem Büro! Haben Sie keine Klimaanlage?
Nein. Wir setzen uns hier sozusagen gleich dem Stress aus, den man mit dem Klimawandel erleben wird.

Wie heiss ist es denn hier drinnen?
Etwas über 30 Grad. Ich habe ein Klimamessgerät, mit dem ich manchmal Protokoll führe.

Hitze macht uns aggressiv, schreiben Sie in Ihrem neuen Buch. Um wie viel steigt Ihr Aggressionspotenzial, wenn die Sonne hier so richtig reinknallt?
Wir haben in der Regel ein angenehmes Arbeitsverhältnis. Daher tauschen wir uns mit Humor über die Situation aus, dass wir im Klimawandel leben, den aber hier auf der sechsten Etage schon vollzogen haben. Wenn es die nächsten 20 Jahre so weitergeht, ist das die Temperatur, die man normalerweise erwarten darf. Nicht nur in meinem Büro.

Warum entfesselt Hitze die Aggression?
Wir funktionieren bei hohen Temperaturen nicht mehr, machen mehr Fehler. Das merken wir und sind sauer auf uns selber. Wenn ich dann mit anderen zusammentreffe, denen es gleich geht, kann es rasch mal zu Auseinandersetzungen kommen. Im Verkehr ist das bekanntlich keine Seltenheit, da werden unterschiedliche Meinungen mit unterschiedlicher Heftigkeit zum Ausdruck gebracht. Das liegt an dem archaischen Hormon Vasopressin, auch ADH genannt. Es sorgt dafür, dass wir Flüssigkeit speichern können. Wenn wir einen Flüssigkeitsmangel haben und der Körper dieses Hormon vermehrt ausschüttet, werden wir aggressiv. Der Körper schaltet auf Überlebenskampf.

Die Frauen schnitten zum Teil sogar besser ab als die Männer. Bei einer rein männlichen Crew mit sechs Personen kam es in Norwegen während einer einmonatigen Isolation zu deutlichen Rivalitäten. Hanns-Christian Gunga

Was bedeutet das für die Fussball-WM im heissen Katar: Es wird mehr gefoult und geholzt?
Das wird eine maximale Herausforderung für die Veranstalter und die Spieler. Auch wenn die Stadien teilweise klimatisiert sind, ist es für diese Art des Hochleistungssports einer der ungeeignetsten Orte, den man auf der Welt finden kann. Schlimmer ist es nur in anderen Gebieten Arabiens oder in der Subsahara.

Am Amazonas wüten derzeit heftige Waldbrände. Klimaforscher warnen vor den Folgen für das Weltklima. Bereiten Ihnen die Bilder aus Brasilien Sorgen?
In der Tat bereitet mir das Sorgen. Es werden hier ja langfristige Schäden gesetzt.

Ihr Buch handelt von Menschen in Extremsituationen. Nicht nur Hitze und Klima bringen uns an die Grenzen, auch Isolation überfordert den Menschen. Warum brennen uns in der Abgeschiedenheit die Sicherungen durch?
In der Isolation kann man einer Situation nicht entfliehen, auch wenn sie unerträglich ist und einer in der Gruppe total nervt. Wenn mich hier einer aufregt, treffe ich den einfach nicht mehr. Das geht in der Isolation nicht. Es gibt keinen Escape-Knopf. Wenn man in die Antarktis guckt, gibt es Hinweise, was in isolierten Gruppen passieren kann. Das geht bis zu physischen Auseinandersetzungen.

Wie in der russischen Antarktis-Station Bellingshausen. Dort stach ein russischer Forscher seinen Kollegen aus Chile mit einem Messer nieder.
Der Chilene hatte ständig verraten, wie die Geschichten in den Büchern aus der Bibliothek der Station ausgehen – gegen den ausdrücklichen Wunsch des Russen.

Hanns-Christian Gunga. Foto: Norman Konrad

Der nun wegen versuchten Mordes vor Gericht steht. Der Vorfall mutet absurd an.
Das ist er aber nicht. In der Isolation reichen schon Kleinigkeiten, damit eine Situation aus dem Ruder läuft. Zum Beispiel, dass einer seine Zahnbürste ständig einen Zacken zu weit links oder rechts hinlegt. Oder Sie legen Ihr Handy auf den Tisch, und ich schiebe es immer zwei Zentimeter zu Ihnen rüber. Damit sage ich: Dieser Teil des Tischs ist mein Territorium. Dieses territoriale Verhalten kann in isolierten Kleingruppen Feindschaften schaffen, die dazu führen, dass eine Situation hochkocht, weil man ihr nicht entfliehen kann. Der Leiter einer Mission muss ein unglaubliches Gespür haben, wo sich Potenziale entwickeln, die ausser Kontrolle geraten.

Um das zu verhindern, versucht man mit Experimenten zu klären, wie man ein Team optimal zusammensetzt. Was hat man herausgefunden?
Verheiratete Männer «funktionieren» am besten, vorausgesetzt, sie sind seit mehr als 24 Monaten verheiratet und haben keinen allzu ausgeprägten Sexualtrieb. Sie sind für eine Gruppe in der Regel besser als Singles. Bei simulierten Raumfahrtmissionen in Tauchkammern zeigte sich zudem, dass reine Frauenteams im Vergleich zu reinen Männergruppen bei der Teamleistung gleich gut abschnitten.

Das widerlegt das Klischee, dass unter Frauen unweigerlich ein Zickenkrieg ausbricht.
Die Frauen schnitten zum Teil sogar besser ab als die Männer. Bei einer rein männlichen Crew mit sechs Personen kam es in Norwegen während einer einmonatigen Isolation zu deutlichen Rivalitäten.

Man weiss zum Beispiel, dass es zu Konflikten kommt, wenn eine Frau Beziehungen mit mehreren Männer hat.Hanns-Christian Gunga

Was war passiert?
Die Männer waren alle ungefähr im gleichen Alter, was an sich schon mal ein Stressfaktor ist, weil es dann leichter zu Rivalitäten kommt. Im Wesentlichen geht es immer darum, wer in der Gruppe wirklich das Sagen hat und wer der Meinung ist, dass er dazu eigentlich besser befähigt sei. In reinen Männergruppen wird das stark in der Hierarchie ausgefochten. Das war auch bei diesem Experiment in Norwegen der Fall. Da gab es einen Kandidaten, der von Anfang an meinte, er wäre besser dazu geeignet, die Gruppe zu führen, als die Person, die vorher dafür ausgewählt wurde.

Bei einer anderen Isolationsstudie in Moskau mit elf Männern setzte man zusätzlich eine Frau mit in die Tauchkammer. Ergebnis: Die Gruppe brach völlig auseinander. Das Experiment musste aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden.
Man hatte den Versuch gezielt so angesetzt, um zu sehen, ob sich bestimmte Konflikte im Vorfeld erkennen lassen. Dazu muss man eine gewisse Grenzsituation aufbauen. Deshalb wurde dieses Geschlechterverhältnis gewählt.

Elf Männer und eine Frau allein in einer Kammer – das klingt nach Stress.
Vor allem für die Frau. Es kam dann im Rahmen einer Feier zu handgreiflichen Übergriffen gegenüber der weiblichen Person.

Mit anderen Worten: Die Männer hatten sich nicht mehr im Griff?
Einige suchten körperlichen Kontakt zur weiblichen Person, der abgewiesen und trotzdem physisch eingefordert wurde. Das veranlasste den Leiter der Gruppe dazu, sich mit der Frau so zurückzuziehen, dass die anderen nicht mehr rankamen. Wenn so etwas passiert, ist die gesamte Mission gefährdet.

Sie haben gerade zusammen mit der europäischen Weltraumbehörde ESA eine Studie zum sexuellen Verhalten während einer Überwinterung in der Antarktis begonnen. Wie kamen Sie darauf, das zu untersuchen?
Uns interessiert, wie Männer und Frauen mit ihrer Sexualität umgehen. Das sexuelle Verhalten hat auf der einen Seite ein erhebliches Potenzial, um eine Mission zu harmonisieren. Das ist die positive Seite der Geschichte. Es gibt aber auch eine andere Seite. Man weiss zum Beispiel, dass es zu Konflikten kommt, wenn eine Frau Beziehungen mit mehreren Männer hat.

Wie gehen Sie bei Ihrer Studie vor: Müssen die Forscher aus der Antarktis rapportieren, was sich in ihrem Sexleben tut?
Wir führen verschlüsselte Interviews durch. Die Ausgangsthese ist, dass es bei Männern und Frauen eine unterschiedliche Entwicklung gibt. Wir gehen davon aus, dass die männliche Sexualität und das Verlangen abklingt. Aus Hormonmessungen weiss man, dass der Testosteronspiegel nach ein paar Monaten deutlich sinkt. Kurz vor der Rückkehr in die normale Welt steigt er wieder an. Bei den Frauen erwarten wir, dass das Gefahrengefühl grösser ist als bei Männern. Uns interessiert, wie sie damit umgehen. Frauen schildern, dass sie sich einem erhöhten Gefahrenmoment ausgesetzt sahen. In den USA wird gerade von der Universität Boston untersucht, ob ein Wissenschaftler in der Antarktis mehrere Assistentinnen sexuell belästigt hat. Auf der anderen Seite gibt es inzwischen auch den ersten Tinder-Match in der Antarktis.

Das allgegenwärtige Licht wirkt unseren natürlichen Bedürfnissen entgegen.Hanns-Christian Gunga

Wer Extremsituationen erlebt, hat oft Mühe, sich nach der Rückkehr wieder in der Normalität zurechtzufinden und sich in die Familie einzu-fügen. Wie viele Scheidungen gibt es deswegen?
Ich kenne die Zahl nicht. Aber es ist eine so bemerkenswert hohe Zahl, dass dafür ein eigener Name geschaffen wurde: «Submariner’s Wife Syndrom». Man könnte es auch Antarktis-Syndrom nennen, aber es wurde bei U-Boot-Besatzungen erstmals beschrieben. Die Männer sind monatelang weg, und die Frau beginnt, die Familie selber zu organisieren. Wenn der Mann zurückkommt, merkt er, dass seine Frau ein eigenes System entwickelt hat, um zu überleben, und er beginnt querzuschiessen. Es hat sich gezeigt, dass es die schwersten Konflikte nicht während einer Mission gab, sondern danach, wenn die Männer aus den U-Booten raus und zu Hause in der Familie abgetaucht sind.

Konflikte soll es auch bei Kriegsheimkehrern geben, einige ziehen relativ rasch wieder aus dem ehelichen Schlafzimmer aus.
Es gibt tatsächlich Heimkehrer, die sich im Garten wieder ihren eigenen Unterstand ausgehoben haben und hinter den Sandsäcken ihre Matratze aufbauten. Eine Situation ohne Schutzvorrichtungen kam diesen Haudegen ungeheuerlich vor. Wenn man tagtäglich in Angst gelebt hat und lernen musste, auf alles Mögliche zu achten, führt das zu maximalem Stress. Und schliesslich zu Schlaflosigkeit. Wir wissen von Kriegsheimkehrern, die erst im Freien ihren Frieden und Schlaf fanden.

Die Schlaflosigkeit gehört inzwischen zu den grossen Zivilisationskrankheiten. In Ihrem Buch schildern Sie den Grund: Die Nächte sind zu hell.
Das allgegenwärtige Licht wirkt unseren natürlichen Bedürfnissen entgegen. Durch die künstliche Beleuchtung und die verschiedenen Strahlungsquellen, seien es Handys, Telefone oder Bildschirme mit ihrem relativ hohen Anteil an blauen Strahlen, wird die Ausschüttung des Hormons Melatonin unterdrückt, das den Tag-Nacht-Rhythmus im Körper regelt.

Auch Flüge über mehrere Zeitzonen bringen diesen Rhythmus durcheinander. Sie waren gerade in Peru. Wie fit sind Sie?
Ich bin noch nicht auf meinem eigentlichen Schlafzyklus und erwische mich, dass ich Sachen vergesse, die ich normalerweise nicht vergesse.

Was haben Sie in Peru gemacht? Einen Feldversuch am lebenden Objekt in lebensfeindlicher Höhe?
Das war ein ganz spezieller Feldversuch mit meinem jüngsten Sohn. Er ist Koch. Wir haben eine Expedition in die peruanische Küche gemacht und zehn Tage in den besten Restaurants in Lima gegessen. Die peruanische Küche ist phänomenal.

Wie reagiert ein Hochschulprofessor wie Sie, wenn der Sohn erklärt, dass er Koch werden will?
Als Vater war ich ein bisschen entsetzt, als er nach der mittleren Reife sagte, dass er das Abitur nicht machen will. Meine Frau ist Akademikerin, ich bin Akademiker – im klassischen deutschen akademischen Bildungshaushalt ist das schon ein bisschen komisch. Mir passte das gar nicht, aber meine Frau sagte, sei doch froh, wenn ein Jugendlicher sagt, was er will. Ich muss meiner Frau recht geben. Er ist glücklich bei der Sache und macht das mit Bravour. Und er hat mir da selber ein bisschen die Welt eröffnet – wo immer ich bin, klappere ich die Restaurants ab, um zu schauen, was dort auf der Speisekarte steht.



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Erstellt: 24.08.2019, 19:11 Uhr

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Hanns-Christian Gunga, 65, lehrt und forscht als Universitätsprofessor für Weltraummedizin und extreme Umwelten an der Berliner Charité, eine der grössten Universitätskliniken Europas. Der Mediziner, Geologe und Paläontologe ist stellvertretender Direktor des Instituts für Physiologie. Gunga hat verschiedene internationale Raumfahrtmissionen begleitet. Seine Forschungsreisen führten ihn unter anderem in die Antarktis. Er ist verheiratet, Vater von drei Söhnen und lebt in Berlin.

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