Imam ruft in Basel zum Jihad auf

In einer Moschee wird der Kampf gegen Ungläubige gepriesen.

Der Moscheeleiter behauptet, den vollen Namen des Predigers nicht zu kennen. Illustration: Kornel Stadler

Der Moscheeleiter behauptet, den vollen Namen des Predigers nicht zu kennen. Illustration: Kornel Stadler

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Scheich Omar steht am Strassenrand, in Jeans und blau-weiss gestreiftem Hemd. Ein schwarzes Auto hält an, der Scheich öffnet die Beifahrertüre und steigt ein. Am Lenkrad sitzt Nabil Arab, der Leiter der König-Faysal-Moschee in Basel. Er holt den syrischen Imam ab und bringt ihn zum Gotteshaus an der Friedensgasse in Grossbasel. Scheich Omar ist nicht sein richtiger Name, so nennen ihn bloss manche Moscheebesucher, wobei «Scheich» eine arabische Bezeichnung für Respektspersonen oder Religionsgelehrte ist.

Ob und wo Scheich Omar religiöse Studien absolviert hat, weiss aber vielleicht nur er selbst. Nabil Arab sagt nur, dass der Imam aus der syrischen Metropole Aleppo stamme, jetzt in Deutschland lebe und mit Deutschlernen beschäftigt sei. Er nennt ihn Ibrahim und behauptet nicht zu wissen, wie er richtig heisst. «Warum ist sein Name so wichtig? Unsere Moschee hat kein Geld, und Ibrahim hilft uns, indem er die Freitagspredigt übernimmt.»

Die Gemeinde sei friedliebend, wird beteuert

Die König-Faysal-Moschee, eines der grössten muslimischen Gebetshäuser Basels, lässt einen Imam predigen, von dem sie nicht einmal den Namen kennt? Dabei ist es nicht ganz uninteressant, was Scheich Omar alias Ibrahim den bis zu 200 Gläubigen predigt, die am Freitag in die ursprünglich durch saudiarabisches Geld finanzierte Moschee strömen. Es sind keineswegs nur Radikale, die an der Friedensgasse der kehligen Stimme des Imams mit der eckigen Brille lauschen. Die grosse Mehrheit der Moscheebesucher sind harmlose und gemässigte Muslime mit arabischen Wurzeln, aber auch balkanstämmige Gläubige. Extremisten würde Nabil Arab gerne fernhalten, das gelinge aber nicht immer, denn eine Moschee sei ja ein offenes Haus. Jeder sei zum Gebet willkommen. «Wir sind eine friedliebende Gemeinde und der Schweiz dankbar, dass wir hier leben dürfen.»

Im eben erst zu Ende gegangenen Fastenmonat Ramadan klang Imam Ibrahim alias Scheich Omar allerdings nicht immer ganz so friedlich. Er sprach auch vom Jihad, was übersetzt «Anstrengung» bedeutet. Gemeint ist die Anstrengung auf dem Weg Allahs. Davon gibt es zwei verschiedene Arten: Der grosse Jihad ist zum Beispiel der Kampf gegen die eigenen Laster, die Anstrengung, ein guter Muslim zu sein. Der kleine Jihad dagegen ist der bewaffnete Kampf gegen die Ungläubigen – oder politisch korrekt ausgedrückt: gegen die Andersgläubigen. Für Nabil Arab kommt da nur ein Verteidigungskrieg infrage und keine offensiven Operationen. Islamistische Terrorgruppen sehen das anders. In seiner Freitagspredigt nahm der Imam der König-Faysal-Moschee zuerst Bezug auf den grossen, nach innen gerichteten Jihad und sprach erst danach vom bewaffneten Kampf: «Ramadan ist der Monat des Jihad. Der Jihad auf dem Wege Gottes. Der Monat des Jihad gegen die eigenen Leidenschaften. Der Monat der islamischen Eroberungen, und es besteht eine enge Beziehung zwischen dem Fasten und dem Jihad. Mit Fasten kämpft man gegen sich selbst und gegen die eigenen Gelüste und gegen Satan. Mit dem Jihad kämpft man gegen die Feinde Gottes.» Wer aber sind diese Feinde? Das könnten auch Muslime sein, Muslime, die zum Beispiel mordeten oder vergewaltigten, antwortet Nabil Arab verschmitzt.

«Ihre Seelen werden bei Gott sein»

Danach geht der Imam in seiner Predigt auf eine historische Schlacht ein, den ersten grossen Sieg von Prophet Mohammed gegen seine ungläubigen Widersacher in Mekka vor rund 1400 Jahren: Auf Allahs Weg hätten die Muslime damals den Jihad und das Martyrium begrüsst. Der Syrer spricht jetzt ganz klar vom bewaffneten Kampf, allerdings im historischen Kontext. Doch dann erklärt er seinen Zuhörern, welche Lehren aus dieser Schlacht zu ziehen seien: «Der Jihad ist eine Tugend auf dem Wege Gottes. Denn der Jihad ist die Höhe der Hügel der Religion und der Weg der Macht der Gläubigen. Er ist, nach dem Glauben an Gott, der beste Weg, mit dem man Gott näher kommt.» Der bewaffnete Jihad als höchste Tugend? Das klingt wie ein verkappter Aufruf zum bewaffneten Kampf gegen Ungläubige. Die al-Qaida oder der Islamische Staat (IS) würden da noch weiter gehen: Für sie ist der gewaltsame Jihad nicht nur eine hohe Tugend, sondern schlichtweg Pflicht für jeden waffenfähigen Muslim.

Dass der Imam in der Friedensgasse den gewaltsamen Jihad und nicht den Kampf gegen die eigenen Laster meint, geht auch aus seinen weiteren Ausführungen hervor: Der Prophet habe seine Gefährten so aufgezogen, dass sie sich beeilten, in den Jihad zu ziehen und dabei ihr Vermögen und das eigene Leben zu opfern. Es sei ihnen egal gewesen, im Kampf zu sterben oder weiterzuleben. «Denn die Körper der Märtyrer werden unter der Erde liegen, und ihre Seelen werden bei Gott sein.» Und der Prophet habe gesagt: «Die Macht der islamischen Nation liegt im Jihad.» Als er mit diesen Aussagen konfrontiert wird, versucht sich der Imam herauszureden: Er habe doch nur aus der Prophetentradition zitiert. Ausserdem habe er nicht den gewaltsamen Jihad gemeint, sondern die grosse Anstrengung, gegen die eigenen Laster anzukämpfen.

Nabil Arab beschwichtigt, die ganze Predigt beziehe sich doch nur auf den historischen Kontext jener Schlacht vor 1400 Jahren und habe nichts mit der Gegenwart zu tun. Keiner der Zuhörer würde das als Aufruf zum bewaffneten Kampf missverstehen. Am Ende der Diskussion verspricht er aber, den Imam zurechtzuweisen wegen der Aussage, der gewaltsame Jihad sei die höchste Tugend nach dem Glauben an Gott. Ausgerechnet diese Passage wurde in der deutschen Übersetzung ausgelassen, die der Basler Ilber Dauti alias Scheich Bilal vorlas.

Als Treffpunkt extremistischer Muslime bekannt

Moscheeleiter Arab mag ernsthaft bemüht sein, die kleine Minderheit der Extremisten in seinem Gotteshaus im Zaum zu halten. Er wirft ihnen vor, sich mit ihren langen Bärten und Gewändern nach aussen als Muslime zu geben, in Wirklichkeit vom Islam aber nur wenig verstanden zu haben. Dennoch ist es eine Tatsache, dass die König-Faysal-Moschee seit langem auch ein Treffpunkt extremistischer Muslime ist.

So hat Spetim Dauti, Bruder des erwähnten Scheich Bilal, immer wieder Gruppen von radikalisierten jungen Männern um sich geschart. Zu ihnen gehörten auch zwei Muslime, die später als IS-Jihadisten im syrisch-irakischen Konfliktgebiet den Tod fanden. Spetim Dauti, der früher an der Friedensgasse die Übersetzung der Freitagspredigten voller Pathos vortrug, machte sich auch einen Namen bei der Koranverteilaktion «Lies!». Vor Scheich Omar predigte in der Moschee ein anderer Syrer, der Vater jener beiden Baselbieter Schüler, die ihren Lehrerinnen den Handschlag verweigerten. Das sorgte 2016 schweizweit für Debatten.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.06.2019, 22:06 Uhr

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Spur nach Saudiarabien

Laut Nabil Arab, dem Leiter der Basler König-Faysal-Moschee, hat das Gotteshaus an der Friedensgasse früher rund 20'000 Franken pro Jahr aus Saudiarabien erhalten. Das sei aber schon Jahre her, nun kämpfe die Moschee mit Geldproblemen und sei auf Spenden der Gläubigen angewiesen. Weil das Gotteshaus in den Medien im ­Zusammenhang mit Radikalisie­rungen erwähnt wurde, lehnen es ­Banken offenbar ab, der Moschee­stiftung ein Konto zu eröffnen.
Ganz unbegründet wirken ­solche Bedenken allerdings nicht. Stiftungsratspräsident ist der ägyptischstämmige Mahmoud Fadl in Meyrin, der zugleich im Vorstand der Genfer «Hilfsorganisation» ­Islamic Ighatha Association sitzt. Dabei handelt es sich um den Schweizer Ableger der saudiarabischen International Islamic Relief Organization (IIRO).
Der französische Auslandgeheimdienst verdächtigte die IIRO schon im Jahr 2000, Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden mit 4,5 Millionen Dollar unterstützt zu haben. 2006 setzten die UNO und die USA die IIRO-Filialen auf den Philippinen und in Indonesien auf ihre Terrorlisten, ebenfalls wegen vermuteter Geldzahlungen an islamistische Terrororganisationen in Südostasien. Die beiden Ableger wurden erst 2016 wieder von den Listen entfernt. Die Genfer Islamic Ighatha Association existiert seit 2008. (K.P.)

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