Verloren am Urnersee

Das Dorf Sisikon an der gesperrten Axenstrasse geniesst die Ruhe – und hadert trotzdem

Sisikons Gemeindepräsident Timotheus Abegg kann sich problemlos auf der Axenstrasse fotografieren lassen. Im Dorf fährt momentan kaum ein Auto vorbei. Foto: Fabian Biasio

Sisikons Gemeindepräsident Timotheus Abegg kann sich problemlos auf der Axenstrasse fotografieren lassen. Im Dorf fährt momentan kaum ein Auto vorbei. Foto: Fabian Biasio

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Minutenlang kommt nichts. Gar nichts. Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht auf der Strasse ein Kia mit Urner Kennzeichen auf. Dann wieder nichts. Keine Zürcher, keine Deutschen, keine Holländer. Kein Ferienverkehr, keine Lastwagen. Dafür hört man das Glockengebimmel der Schafe, die am Hang hoch über dem Dorf grasen. Nie hat der Tourismus-Werbespruch «Juwel am Vierwaldstättersee» besser zu Sisikon gepasst als jetzt.

Normal ist diese Ruhe nicht. Mitten durch das Urner Dorf mit 400 Einwohnern führt die Axenstrasse, die als Gotthard-Zufahrtsstrecke Teil des Nationalstrassennetzes ist. In Sisikon befindet sich das Nadelöhr. Normalerweise passieren 16'000 Fahrzeuge pro Tag die schmale Strasse. Manchmal müssen Lastwagen aufs Trottoir ausweichen, um zu kreuzen – gleich neben dem Schulhaus. «Dein Leben schützen, Unterführung benützen», heisst es auf einem Wegweiser für Fussgänger. Wer beim Fussgängerstreifen die Strasse queren will, ist wohl selber schuld.

Der Verkehr Richtung Gotthard wird umgeleitet, Sisikon ist nur von Brunnen aus erreichbar. Foto: Fabian Biasio

Die Stille in diesen Tagen ist nur dem Umstand geschuldet, dass die Axenstrasse seit Ende Juli gesperrt ist. Felssturzgefahr! Unterbrüche können zwar immer wieder vorkommen, schliesslich ist die Route nach einer Steilwand am Ufer des Urnersees benannt. Doch in der Regel geht die Strasse nach ein paar Tagen wieder auf. Eine wochenlange Sperre wie jetzt gab es letztmals in den 1990er-Jahren. Nun müssen Autofahrer und Lastwagenchauffeure einen Umweg via Luzern machen. Für Sisikon ist das Fluch und Segen zugleich.

«Wir spüren die Strassensperrung in allen Lebenslagen», sagt der parteilose Gemeindepräsident Timotheus Abegg. Polizei, Feuerwehr, Spital, Kehrichtabfuhr: Alles musste neu organisiert werden. Die Post schafft es nicht mehr, jedem Briefe und Pakete zuzustellen. Das Brot für den Dorfladen, die Filiale einer Bäckerei aus Altdorf, wird um den ganzen Vierwaldstättersee herumgefahren. Das dauert rund eine Stunde länger, sofern es im Raum Luzern keinen Stau hat.

Auf der Strasse ist Sisikon vom restlichen Kanton Uri abgeschnitten. Die Zufahrt ist nur vom schwyzerischen Brunnen her möglich. Eine Frau erzählt von ihrer Tochter, die im Kanton Nidwalden arbeitet. Sie benutzt jetzt die Fähre und kommt nur noch einmal pro Woche nach Hause. «Ansonsten übernachtet sie bei ihrem Freund.»

Brigitte Born geniesst die neu gewonnene Ruhe vor dem Dorfladen. Foto: Fabian Biasio

Immerhin fährt die Bahn wieder in beide Richtungen. Das ist nicht selbstverständlich. Wegen einer Gleissanierung sollten die Leute eigentlich mit Bussen transportiert werden. Das funktioniert jetzt aber auch nicht mehr – und führt am Bahnhof zu absurden Durchsagen: «Der Ersatzbus fällt aus. Es fahren zusätzliche Extrazüge.» Montags ist sogar ein Schiffstaxi für die Pendler unterwegs. Und die Oberschüler, die den Unterricht im urnerischen Flüelen besuchen, kommen am Morgen zu spät, weil der Zug nicht rechtzeitig ankommt.

Trotz all den Einschränkungen sagt Brigitte Born: «Ich finde es jetzt schön.» Sie sitzt auf der Bank vor dem Dorfladen, den sie führt. Üblicherweise kann man sich dort aufgrund des Strassenlärms kaum unterhalten. «Man hört jetzt sogar die Vögel pfeifen. Und die Luft ist sauber.» Die Sisikerinnen und Sisiker entdecken momentan gerade auch die Vorzüge ihres Dorfes, wenn der Verkehr ausbleibt. Aber eigentlich sollte dies schon längst der Normalzustand sein.

Dorf träumt von Umfahrung, Bund macht nicht vorwärts

Vor 50 Jahren erteilte der Bundesrat den Kantonen Uri und Schwyz den Auftrag, eine neue Axenstrasse zu planen. Gebaut wurde bis heute nicht. Es gibt zwar ein fertiges Projekt inklusive Umfahrungstunnel für Sisikon, dieses ist jedoch durch Einsprachen von Umweltverbänden blockiert. Im Dorf ist der Ärger über die Gegner gross. «Axenverhinderer» werden sie genannt. «Das Verbandsbeschwerderecht müsste abgeschafft oder zumindest eingeschränkt werden», sagt Gemeindepräsident Abegg. Es dürfe nicht sein, dass Verbände willkürlich Totalopposition machen könnten.

Seine Wut richtet sich nicht nur gegen die Alpeninitiative oder den Verkehrs-Club der Schweiz. Seit fünf Jahren sind deren Einsprachen im fernen Bern beim Verkehrsdepartement hängig, ohne dass dieses einen Entscheid gefällt hätte. «Bis jetzt bekamen wir nur blumige Antworten. Der Fall sei komplex, die Abklärungen aufwendig», sagt Abegg. «Die Verzögerung ist für uns nicht nachvollziehbar, unsere Geduld ist am Ende.» Es sei an der Zeit, dass sich auch der Bundesrat wieder einschalte. Letztmals äusserte sich Doris Leuthard 2014 zur Axenstrasse. «Seither herrscht Funkstille.» Ausgerechnet in Sisikon, wo man das Rütli im Blick hat – die Wiege der alten Eidgenossenschaft liegt auf der gegenüberliegenden Seeseite –, fühlt man sich von der modernen Bundesverwaltung vernachlässigt.

In Sisikon wird momentan gebaut – wenn auch keine Umfahrungsstrasse. Die SBB sanieren die Gleisanlage. Foto: Fabian Biasio

Arthur Zwyssig beschäftigt sich schon lange mit dem Fall. Früher, als er für die FDP im Urner Landrat sass, so heisst das Urner Kantonsparlament, reichte er Vorstösse ein. Erfolglos. Die Baudirektoren von Uri und Schwyz nähmen alles «als gottgegeben» hin, sagt er. Auch von den Bundespolitikern höre man nicht viel. Und mit den Schwyzer Behörden sei es ohnehin schwierig. «Sie hatten nie ein Interesse an der Axe. Nach Brunnen hört der Kanton für sie auf», sagt der Ingenieur. Die Schwyzer scheuten die Kosten für den Unterhalt der neuen Strasse. Dabei sind auch sie gefordert. 2016 lehnte das Volk in einer kantonalen Abstimmung eine Initiative, welche sich gegen den Neubau stellte, klar ab.

Kaum jemand bestellt in der Beiz «Poulet im Körbli»

Am letzten Wochenende stellten die Sisiker Tische auf die Strasse, feierten mit 400 Leuten ein Fest. Ein Mühle-Spielfeld, das auf den Asphalt gemalt ist, zeugt noch davon. Es ist gut möglich, dass dieses noch zum Symbol des Kampfs der Dorfbewohner werden wird. Anlass des Festes war nicht nur die neue Lebensqualität. «Es war auch eine Demonstration. Wir wollen zeigen, dass etwas gegen den Verkehr in unserem Dorf unternommen werden muss», sagt Gemeindepräsident Abegg, der sich fürs Fotografieren absichtlich auf die Strasse stellt.

Die Axenstrasse ist wegen Felssturzgefahr gesperrt. Foto: Fabian Biasio

Alle im Dorf sind für die Umfahrung. Selbst die, die jetzt unter der Sperrung leiden. Gerade in den Beizen und auf dem Campingplatz hat es deutlich weniger Gäste. Fernfahrer legen momentan keine Pause in Sisikon ein. Dabei leben alle sechs Restaurants in der Gemeinde vom Durchgangsverkehr.

Im Sternen sind die Tische zwar schön aufgedeckt, doch kaum ein Gast sitzt im Speisesaal. Es hilft auch nicht, dass das Schild am Strassenrand selbst in Zürich ein Begriff ist: «Poulet im Körbli» (sic!) ist die Spezialität des Hauses. Wirt Biri Prabaskaran, der aus Sri Lanka stammt, verkauft das Menü unter der Woche jetzt noch fünf- bis sechsmal. Wenn die Axenstrasse offen wäre, käme er auf das Drei- bis Vierfache. Prabaskaran und seine Frau können die Arbeiten momentan im Betrieb allein erledigen. Die Aushilfen benötigen sie nicht. Und trotzdem haben sie geöffnet. «Wir müssen positiv bleiben und weitermachen. Ob wir jetzt zehn oder fünfzig Gäste haben, wir sind 14 Stunden am Tag für unsere Gäste da.»

Die Familie Prabaskaran hat im Sternen nur wenig Kundschaft. Foto: Fabian Biasio

Im Hotel Eden sieht es ähnlich aus. Chef Guido De Moliner ist daran, die Gartenwirtschaft für die Übertragung des Eidgenössischen Schwingfests zu schmücken. Kabel, Fahnen und Zwilchhosen liegen herum. Kurz vor Mittag hat er normalerweise keine Zeit für solche Arbeiten. Im Betrieb mit zehn Festangestellten ist der Umsatz um 50 bis 60 Prozent zurückgegangen – und das in der Hauptsaison. Kurzarbeit einzuführen, war keine Option. «Da wir trotzdem noch Reservationen haben, können wir nicht einfach schliessen», sagt De Moliner. «Sonst denken unsere Gäste, wir hätten sowieso zu und kommen im nächsten Jahr nicht mehr.» Er mag aber nicht jammern. Auch er geniesst die Ruhe. Und er fühlt sich nicht allein gelassen. «Die Leute aus dem Dorf und der Umgebung sind sehr solidarisch und besuchen uns abends oder an den Wochenenden.»

In Sisikon hält man zusammen. Komme, was wolle. «Ich habe noch nie in einem Dorf einen solchen Zusammenhalt erlebt», sagt Abegg, der in Altdorf aufwuchs. Die Gefahr ist aber gross, dass ausserhalb der Gemeinde bald wieder alles vergessen ist. Die Sperrung der Axenstrasse soll noch bis Mitte September dauern. Die Zürcher und die Deutschen werden auf jeden Fall zurückkehren, im Dorf wieder «Poulet im Körbli» essen und dann weiterdüsen. Alles wird wieder seinen normalen Lauf nehmen. Viele Sisiker machen sich keine Illusionen: «Ich weiss nicht, ob ich die Umfahrung noch erleben werde», sagt selbst Zwyssig, der 63-jährige Alt-Landrat.



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Erstellt: 24.08.2019, 21:14 Uhr

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