Verloren und vergessen

Ein Besuch bei den Kindern des Waadtländer Jihadisten Damien G. in einem syrischen Internierungslager. Sie blicken einer ungewissen Zukunft entgegen.

Die Familie des Waadtländer Jihadisten Damien G. alias Abu Suleiman al-Swissri: Frau Yusra und die Kinder Aisha, Sabri und Nadim (v. l.). (Foto: Kurt Pelda)

Die Familie des Waadtländer Jihadisten Damien G. alias Abu Suleiman al-Swissri: Frau Yusra und die Kinder Aisha, Sabri und Nadim (v. l.). (Foto: Kurt Pelda)

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Ohne Schuhe trippelt Sabri* durch das Internierungslager. Von der Sonne aufgeheizt wie im Backofen, verbrennen die spitzen Schottersteine seine Fusssohlen. Der Dreijährige macht einen gequälten Eindruck und hängt sich an die Hand seiner Mutter. Auf dem anderen Arm trägt Yusra M. Sabris kleine Schwester Aisha*, auch sie ist barfuss. Yusra gibt Sabri die Schuld, dass er ohne Sandalen unterwegs ist: Er habe seine Schuhe im Zelt vergessen, in der die Familie untergebracht ist. Die Kinder sind schmutzig, und aus Sabris Nase läuft Schleim, der langsam eintrocknet.

Sabri und Aisha sind zwei von insgesamt sechs Kindern im Internierungslager al-Hol, welche die Schweizer Staatsbürgerschaft besitzen. Yusra hat einen belgischen Pass, sie kam mit ihrem ersten Sohn, dem Belgier Nadim*, 2014 nach Syrien, kurz nachdem der Islamische Staat das Kalifat ausgerufen hatte. In Raqqa, der Hauptstadt des Islamischen Staats (IS), heiratete sie zunächst einen Belgier, mit dem sie aber nicht glücklich wurde.

Bundesbern schiebt Entscheid vor sich her

Sie schaffte es, sich von ihm scheiden zu lassen, und lernte über eine befreundete belgische Jihadistin den Konvertiten Damien G. alias Abu Suleiman al-Swissri aus dem Waadtländer Städtchen Orbe kennen. Dieser hatte sich in der Romandie radikalisiert. Der heute 29-Jährige schloss sich schon 2013 dem syrischen Ableger der al-Qaida an. 2014 wechselte er zum IS, und Ende 2015 heiratete er Yusra. Die gemeinsamen Kinder Sabri und Aisha wurden 2016 bzw. 2017 geboren.

Seit Monaten schieben die Behörden im 3000 Kilometer entfernten Bern einen Entscheid über die Zukunft der Kleinen vor sich her. Wie sollen sie mit den Schweizer Kindern umgehen, die in Lagern der kurdisch dominierten Demokratischen Kräfte Syriens (DKS) im Nordosten des Landes zusammen mit ihren Müttern festgehalten werden?

Bekannt sind inzwischen sieben Fälle, alles Romands: Neben Sabri und Aisha sind das zwei von ihrer Mutter entführte Genfer Mädchen sowie deren in Syrien geborene Halbschwester, der kleine Sohn des Genfer Jihadisten Daniel D. und eine zweijährige Lausannerin, die im «Kalifat» der Islamisten auf die Welt kam und sich jetzt im Internierungslager Roj befindet. Über die Erwachsenen hat der Bundesrat längst entschieden: Er wird keine Jihadisten in die Schweiz zurückholen. Bei Kindern wollen die Behörden dagegen jeden Fall einzeln prüfen, und das kann im bürokratischen Berner ­Dickicht recht lange dauern. Die sieben Schweizer sind im Alter zwischen einem und dreizehn Jahren. Abgesehen von den beiden ­Genfer Mädchen wurden alle Kinder im Kriegsgebiet geboren.

Die Abteilung für ausländische Familien im Internierungslager al-Hol. (Foto: AFP)

Nach aussen vertritt Mutter Yusra immer noch die Ideologie des IS. Terroranschläge in Paris rechtfertigt sie zum Beispiel damit, dass es ja Frankreich gewesen sei, das den IS zuerst bombardiert habe. Und wer angegriffen werde, dürfe auch zurückschlagen. Gewalttaten wie Enthauptungen oder Steinigungen seien integraler Bestandteil des Islam, also nicht verhandelbar. Das Gleiche gelte für den bewaffneten Jihad. Der sei Pflicht für jeden waffenfähigen Muslim.

«Granaten fielen auf das Zelt neben uns, und ein Mädchen in unserer Nähe wurde von einer Kugel am Kopf ­getroffen.»Yusra

Hinter der harten Schale der 28-Jährigen lässt sich jedoch erkennen, dass bei Yusra gewisse religiös begründete Haltungen schon aufgeweicht sind. Anders als viele der in al-Hol internierten ­Jihadistinnen trägt sie zum Beispiel keine schwarzen Handschuhe, sodass ihre rotorange lackierten Fingernägel gut sichtbar sind. Sie spricht zwar ­hinter einem schwarzen Gesichtsschleier, doch ist ihr langes Kleid ­rosafarben und nicht schwarz, wie von der Religionspolizei des IS ­vorgeschrieben.

Nach Baghuz waren die Kinder traumatisiert

Yusra und ihr Schweizer Ehemann harrten bis fast zum Schluss in Baghuz aus, der letzten Bastion des IS auf syrischem Boden. Anfang März ergaben sie sich den DKS, worauf die Mutter und die Kinder nach al-Hol gebracht wurden. Den Vater sperrten die Kurden dagegen in einem Gefängnis für Jihadisten ein. Er gilt als gefährlich. «Nach ­Baghuz waren meine Kinder traumatisiert», erzählt Yusra. «Granaten fielen auf das Zelt neben uns, und ein Mädchen in unserer Nähe wurde von einer Kugel am Kopf ­getroffen. Einmal liess ich die Kinder im Innenhof einer Moschee zurück, um Nahrung zu suchen. Als ich zurückkam, gab es da ein grosses Loch in der Moschee, und am Boden waren Blutlachen.» Doch zum Glück hatte eine andere Jihadistin die Kinder rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Sabri sei nun derart traumatisiert, dass er es nicht zulasse, dass sich die Mutter mehr als ein paar Meter von ihm entferne. Er vermisse auch den Vater, von dem die Familie nun schon vier Monate lang nichts mehr gehört habe.

Die Religionspolizei operiert im Untergrund

Das Essen im Lager sei ausreichend, wenn auch sehr eintönig, fährt Yusra fort. Vom Trinkwasser bekämen die Kinder hingegen ständig Durchfall. Sabri ist inzwischen hinter seiner Mama eingeschlafen, und Aisha beginnt zu weinen. Die Augen der Kleinen wirken wie jene von Erwachsenen. Erst als der wieder aufgewachte ­Sabri auf einen Drehstuhl gesetzt wird, der vor dem Büro des kurdischen Geheimdienstes steht, macht der Dreijährige grosse Augen und strahlt. Zum ersten Mal lächelt er.

Radikale IS-Anhängerinnen greifen häufig andere Frauen oder das Wachpersonal an. (Foto: AFP)

Yusra und die Kinder leben in einem abgetrennten Teil von al-Hol, der für rund 3000 ­ausländische Familien reserviert ist. «Ich halte mich von den Menschen fern, weil es manchmal Streit gibt, Zelte abgebrannt werden und Menschen für ihre Ideen gestorben sind», sagt Yusra. Sie spielt damit auf die ­Aktivitäten der ­IS-Religionspolizei an, die im Untergrund weiterhin operiert. Eine internierte Frau, die ihren Gesichtsschleier nicht mehr tragen wollte, wurde von ­radikalen IS-Anhängerinnen umgebracht. Mehrmals griffen Jihadistinnen das Wachpersonal mit Messern an. «Der IS versucht, seine Strukturen in den Lagern zu erweitern», erklärt die 25-jährige Chefin der drei kurdischen Internierungslager, Judi Serbelend. Dabei gehe es nicht nur um die Religionspolizei, sondern auch um geheime Treffen und Einschüchterungsaktionen gegen abtrünnige IS-Frauen. «Wir können inzwischen nur noch in grosser Zahl und bewaffnet in die Abteilung für Ausländerinnen von ­al-Hol eindringen. Sonst werden wir angegriffen.»

Viele IS-Frauen halten sich versteckt

Cihan*, die Geheimdienstchefin von al-Hol, berichtet von ihren Versuchen, die beiden aus Genf ­entführten Mädchen zu finden. ­Malika*, die 13-jährige Genferin, die Ende Januar verwundet und im Rollstuhl in al-Hol eingeliefert wurde, habe sie vor ein paar Tagen getroffen, im schwarzen Nikab. Sie sei zu Fuss unterwegs gewesen, also offenbar genesen. Malika habe sofort gesagt, dass sie Schweizerin sei. Als Cihan sie fragte, wo denn ihre Mutter und ihr Zelt seien, habe Malika geantwortet: «Selbst wenn du auf der Stelle tot umfielst, würde ich dir nicht sagen, wo sich unser Zelt befindet.» Dann sei das Mädchen davongerannt.

Lagerchefin Judi ist überzeugt, dass Sahila F.*, Malikas Mutter, ihre Behausung regelmässig wechsle. Man wisse von vielen ­IS-Frauen, die falsche Namen angäben und sich versteckt hielten. Der Grund sei entweder, dass sich diese Frauen im Kalifat an schweren Verbrechen beteiligt hätten oder eben in ihrem Heimatland. Sahila F. weiss, dass sie in der Schweiz nicht nur wegen Mitgliedschaft im IS, sondern auch wegen Kindesentführung zur Verhaftung ausgeschrieben ist. Seit Februar warten die in Genf lebenden Väter der beiden Mädchen sehnlichst, dass die Bundesbehörden ihre Töchter endlich heimführen – bisher vergeblich.

Hoffnung auf Rückkehr in die Schweiz aufgegeben

Im Gegensatz zu al-Hol ist Roj ein kleines Lager. Hier haben die DKS die weniger stark radikalisierten IS-Frauen und deren Kinder untergebracht. Wer durch das glühend heisse Camp schlendert, sieht überall blonde Kinder mit europäischen Gesichtszügen.

Eines davon ist die zweijährige Asma, ein süsses, schüchternes Mädchen. Sie ist die Tochter von Selina S.* und Adnan B.*, beides Schweizer aus Lausanne. Noch vor einem Jahr ­hatte Selina S. im Gespräch mit der SonntagsZeitung ähnliche Ideen zum Besten gegeben wie Yusra heute. Im Unterschied zur Belgierin fühlte sich Selina S. aber schon damals vom IS verraten und verkauft. In der Zwischenzeit habe sie sich deradikalisiert, versichert Lagerchefin Judi Serbelend. «Ich kenne Selina gut. Sie hat sich vor versammelten IS-Frauen mit klaren Worten gegen den IS ausgesprochen. Das war sehr mutig. Sie hat die Nase voll vom IS und vom Islam. Nur aus Angst, dass radikale Frauen ihrer Tochter etwas antun könnten, trägt sie immer noch ein Kopftuch.» Die offenbar geläuterte Lausannerin bestätigt diesen Zwischenfall.

Zugleich gibt sie ihrer Verzweiflung über die Haltung der Schweizer Behörden Ausdruck. Obwohl sie gerne in die Schweiz zurückkehren und sich der Justiz stellen würde, habe sie jede Hoffnung aufgegeben. «Ich habe mich auf das Leben hier im Lager eingestellt. Es gibt kein Entrinnen.»

* Name geändert



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Erstellt: 03.08.2019, 18:04 Uhr

Geheimtreffen in Genf

Ende Juni weilte eine hochrangige Delegation der Demokratischen Kräfte Syriens (DKS) und der kurdischen Selbstverwaltung aus dem Norden ­Syriens in Genf. Offiziell ging es dabei um ein Abkommen mit der UNO, das der Rekrutierung von Kindersoldaten durch die DKS ein Ende setzen soll.

Am Rand der Verhandlungen kam es erstmals auch zu einem Geheimtreffen mit Vertretern des schweizer­ischen Aussendepartements (EDA). Kernthema waren dabei die Kinder von Schweizer Jihadisten, die ­heute zusammen mit ihren Müttern in Lagern der DKS interniert sind. Dabei machte die kurdische Delegation den Schweizern klar, dass sie gerne bereit sei, diese Kinder ausreisen zu lassen – allerdings nur in Begleitung ihrer Mütter. Das aber widerspricht der kommunizierten Haltung des Bundesrats, laut der man erwachsenen Jihad-Reisenden die Rückkehr in die Schweiz verwehren will.

Das EDA wollte zum Treffen keine Stellung nehmen. Schon länger steht der Nachrichtendienst des Bundes mit den syrischen Kurden in Kontakt. Laut hochrangigen DKS-Kommandanten haben die Schweizer Behörden die Kurden gebeten, Journalisten möglichst keinen Zugang zu den Jihadisten mit Schweizer Staatsbürgerschaft zu gewähren. Der NDB sagt auf Anfrage, er habe keine solchen Wünsche in Syrien deponiert. Sollte das Gegenteil behauptet werden, so sei «nicht der NDB Ursprung eines solchen Vorgehens». (K.P.)

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