Verwesungsgeruch in der Notaufnahme

Die venezolanische Diktatur versucht, die miserablen Zustände in den Spitälern im Land zu vertuschen. Ein Besuch.

Eine Leichenhalle in der Notaufnahme, gleich daneben wird medizinischer Müll gestapelt: Blick ins Domingo-Luciani-Spital in der venezolanischen Hauptstadt Caracas.

Eine Leichenhalle in der Notaufnahme, gleich daneben wird medizinischer Müll gestapelt: Blick ins Domingo-Luciani-Spital in der venezolanischen Hauptstadt Caracas.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Tonfall der Ärztin Andrea (Name geändert) ist ausdruckslos, ihre feinen Gesichtszüge unlesbar. «Wie soll man denn ohne fliessendes Wasser ein Krankenhaus betreiben?», sagt sie im Domingo-Luciani-Spital in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. «Es ist unmöglich, Patienten zu untersuchen, wenn man sich nicht die Hände waschen kann», fährt Andrea fort. Die Wasserversorgung würde jeweils an den Wochenenden ausfallen, sagt die Ärztin. «Normalerweise bereits ab Freitagabend. Wir müssen dann mit Einweghandschuhen auskommen. Aber es gibt auch Tage, da haben wir weder Wasser noch Handschuhe.» Andrea geht ein erhebliches Risiko ein: In der venezolanischen Diktatur muss sich medizinisches Personal vor Repressalien fürchten, wenn es offen mit Journalisten spricht – geschweige denn, sie durch ein Krankenhaus führt.

Im Empfangsbereich werden ambulante Behandlungen durchgeführt, mehrere Patienten sitzen mit Infusionen auf den Wartebänken. Im düsteren Gang der Notaufnahme zeigt Andrea den Weg zu den verschiedenen Abteilungen. Im Reanimationsraum ist die Klimaanlage ausgefallen. Im warmen Zimmer werden vier Patienten in Betten von Familienangehörigen betreut. Die Ärztin beugt sich vor und flüstert: «Hier sterben viele Menschen unnötig. Uns fehlt zum Beispiel oft Adrenalin – das macht es fast unmöglich, jemanden wiederzubeleben.»

Die Pädiatrie-Abteilung ist wegen eines Kindes mit Diphtherie geschlossen. Diese Infektion der Nase und der Kehle ist hochansteckend und potenziell lebensbedrohlich – mit einer Impfung könnte sie aber leicht verhindert werden. Das Kind stirbt innert einiger Tage. Die Station wird dekontaminiert und später wieder geöffnet.

Wie die Masern war auch die Diphtherie in Venezuela so gut wie ausgerottet. Doch mit dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems verbreiteten sich diese Krankheiten wieder. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bisher 1631 Fälle von Masern und 976 von Diphtherie bestätigt. Die Situation ist so schlimm, dass die Regierung die Veröffentlichung von Gesundheitsdaten eingestellt hat – genau wie die Veröffentlichung von Wirtschafts- oder Kriminalitätsstatistiken zuvor.

Eine überwältigende Ansammlung an Korruption und Inkompetenz

Vor der Gynäkologie sagt Andrea, dass das Spital Geburten nur in Notfällen durchführe – für mehr mangelt es an Geräten und Medikamenten. Ärzte müssen schwangere Frauen regelmässig abweisen, sie sollen sich ein an­deres Krankenhaus suchen. Doch an medizinischer Ausrüstung fehlt es im ganzen Land. Gemäss Amnesty International reisen Tausende schwangere Frauen in Nachbarländer. Die Kindersterblichkeit hat den höchsten Stand seit 25 Jahren erreicht. «Zu den Ur­sachen gehören der Mangel an Me­dikamenten, wie Antikoagulantien, Schmerzmittel, Antibiotika, Antiseptika, der Mangel an grundlegenden medizinischen Geräten und Materialien, wie Skalpelle, Nadeln und Handschuhe, und die ständig sinkende Zahl von medizinischem Personal, das noch bereit ist, ohne Ausrüstung und Bezahlung zu arbeiten», fasst die Organisation zusammen.

Fünfzig Meter von der Réception entfernt liegt ein starker Verwesungsgeruch in der Luft. «Das ist die Leichenhalle – sie haben die Toten nicht weggebracht», sagt Andrea. «Die Leichenhalle sollte eigentlich im Keller in einer abgelegenen Zone sein und nicht hier neben den Patienten.» Warum das so ist? «Ich habe keine Ahnung, aber es ist nicht richtig.» In einem Gang neben der Leichenhalle stapeln sich medizinische Abfälle offen im Korridor. Ein undefinierbares Rinnsal, durchmischt mit Blut, erstreckt sich vom Abfall aus über den Boden zur anderen Seite. Einige Wochen zuvor habe sich der Müll über den gesamten Korridor erstreckt, sagt Andrea später.

Im Gegensatz zur düsteren Notfallstation ist das Atrium schön und gross. Das Spital Domingo Luciani wurde 1987 als letztes der grossen öffentlichen Spitäler von Caracas eröffnet. Seine Architektur mit den vielen exponierten Zementelementen und offenen Innenräumen hinterlässt einen soliden Eindruck. Mit ausreichender Versorgung, professioneller Verwaltung und Wartung könnte es ein ausgezeichnetes Krankenhaus sein – wie es früher eines war.

Ein Krankenhaus ohne Bluttests?

Aber fast alles, was nicht blosser Zement ist, verfällt. Andrea zeigt auf einen abgeschlossenen Raum: «Da ist das Labor, wir mussten es schliessen. Die Leichenhalle hat es über die Lüftung kontaminiert. Aber selbst wenn es offen wäre, fehlen uns die Reagenzien für die meisten Bluttests.» Ein Krankenhaus ohne Bluttests? «Im Moment, ja. Aber das ist nicht alles: Auch unsere Röntgengeräte und unser MRI sind kaputt. Wir haben nicht einmal Ultraschall.» Einige Tage später stehen für Notfälle wieder rudimentäre Bluttests und Röntgenaufnahmen zur Verfügung.

Die unmittelbare Ursache für den Mangel in Venezuela ist die katastrophale Wirtschaftspolitik. Es gäbe Labors im Land, die viele der fehlenden Medikamente synthetisieren könnten. Doch sie kommen nicht an die nötigen US-Dollars, um die Ausgangsstoffe zu importieren. Dies geschieht, weil Venezuela fast ausschliesslich Öl exportiert. Die dafür erhaltenen US-Dollars fliessen zur staatlichen Ölfirma und damit zur Regierung, wo sie versickern. Zudem erwirtschaftet die fatal geführte staatliche Ölfirma immer weniger und verschuldet sich zunehmend. Obwohl tiefe Ölpreise dies beeinflussen können, bleibt die viel wichtigere Variable die schiere Ineffizienz der Ölfirma: Im Vergleich zum Beginn der Nullerjahre hat sich die Ölproduktion des Unternehmens halbiert.

Hinter diesen unmittelbaren Gründen für den Zerfall Venezuelas steckt letztlich der Machthunger der Regierung. Wie Hugo Chávez vor ihm hebt Nicolás Maduro loyale Diener in Machtpositionen, zumeist Militärangehörige. Der Spitaldirektor des Domingo Luciani ist ein Oberst der venezolanischen Armee. Und so wurden seit nunmehr 19 Jahren hohe Beamte nach dem Motto «Loyalität vor Professionalität» ausgesucht, was zu einer überwältigenden Ansammlung an Korruption und Inkompetenz geführt hat.

Abwarten und die Flagge küssen: Staatspräsident Maduro Foto: Reuters

Angesichts des Medikamentenmangels müssen Ärzte die Patienten auffordern, selbst Medikamente zu suchen. Gesundheitsprobleme, die mit moderner Medizin einfach behandelbar wären – wie ein Asthmaanfall oder zu hoher Blutdruck –, werden plötzlich zu ernsthaften Problemen. Pflegepersonal und Ärzte führen diesen harten Kampf zudem zu Löhnen, die nicht einmal ausreichen, um ihr nacktes Überleben zu sichern. Andrea weiss von einer Krankenschwester, die abends Obst aus ihrem Garten verkaufen muss.

Regierungstreue Beamte machen Spitalangestellte für den Materialmangel verantwortlich. Sie behaupten, dass das Personal Vorräte stehlen und an private Kliniken weiterverkaufen würde. Das mag vorkommen, aber sicherlich nicht in einem Volumen, das die Versorgungskrise erklären würde.

Medikamente bis zu 3000 Prozent teurer

Andrea hat diesen Vorwurf selbst erlebt. Drei Polizisten brachten einen stark unterernährten Häftling mit Tuberkulose in die Notaufnahme. Als die Ärztin dem Patienten intravenös eine Zuckerlösung verabreichen wollte, musste sie sich eines zu kleinen Venenkatheters behelfen, sodass die Behandlung länger dauerte. Einer der Polizisten beschuldigte sie kurzum, sie habe die nicht vorhandenen grösseren Katheter geklaut.

Venezuelas Pharmazeutische Vereinigung (Fefarven) schätzt, dass in über 80 Prozent der Fälle die nötigen Medikamente fehlen. Bei chronischen Leiden wie Krebs, HIV oder Diabetes sind es sogar 90 Prozent. Und die Preise der wenigen Medikamente, die noch erhältlich sind, sind allein im Januar zwischen 1000 und 3000 Prozent gestiegen, sagt Fefarvens Präsident Freddy Ceballos. Die Regierung will aber nicht zugeben, dass es in Venezuela eine echte Versorgungskrise gibt, und lehnt humanitäre Hilfe von anderen Ländern und NGOs ab.

NGOs organisieren die Logistik

Der Medikamentenmangel hat zu gross angelegten Sammeloperationen von Privatpersonen geführt. Eine der wichtigsten Initiativen ist die Acción Solidaria (Solidaritätsaktion). Die ursprüngliche Mission der NGO war es, Menschen über HIV aufzuklären. Aber als die Aktivisten den dringenden Bedarf an antiretroviralen Medikamenten sahen, begannen sie, diese informell ins Land zu bringen. Heute organisiert die NGO die Logistik von Hunderttausenden Einzelspenden von Medikamenten aller Art aus aller Welt. Die Spenden gelangen zunächst an ihre Zentren in Miami und Madrid. Von dort aus werden sie dann entweder im Gepäck einzelner Aktivisten ins Land gebracht, oder die NGO schickt die Medikamente ins Land.

Die Zentrale in Caracas verfügt über ein kleines Callcenter mit drei Mitarbeitern. Aus ganz Venezuela rufen Patienten an und fragen, ob ihre benötigten Medikamente verfügbar sind. Die NGO verteilt die Medikamente gratis. Zusätzlich bietet das Zentrum eine rudimentäre medizinische Untersuchung und Bluttests an.

Korrektur: Die Beschreibung der Operationen von Acción Solidaria wurde nach der Publikation angepasst.

Erstellt: 19.05.2018, 23:08 Uhr

Artikel zum Thema

Venezuelas Ölspur führt in den Zürcher Kreis 1

Ein Vermögensverwalter in der Zürcher Altstadt ist in einen Schmiergeldfall rund um die Entourage von Hugo Chávez involviert. Mehr...

Soll man dieses Bild auszeichnen?

Video Für die einen ist der Mann auf dem diesjährigen «Pressebild des Jahres» ein kriegerischer Held. Für die anderen ein Terrorist. Und dann stellt sich die Frage, ob das Bild Krisenvoyeurismus ist. Mehr...

Unfreie und unfaire Wahlen

Nicolás Maduro hat die Präsidentschaftswahlen auf heute Sonntag vorgezogen. Seine prominentesten Gegner hat er von der Wahl ausgeschlossen, das wichtigste oppositionelle Wahlbündnis Mesa de la Unidad Democrática (Rundtisch der demokratischen Einheit) boykottiert den Urnengang. Zahlreiche lateinamerikanische Staaten, die USA und die EU erkennen die Wahl nicht an.

Ein Gegenkandidaten Maduros ist in einigen Umfragen obenauf: Henri Falcón. Der abtrünnige Chavist ist gegen den Willen der Opposition ins Rennen gestiegen. Populär ist er nicht – aber populärer als Maduro allemal, der bei etwa 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung Anklang findet.

2017 hat Maduro eigenmächtig eine verfassungsgebende Versammlung einberufen und so das gewählte Parlament entmächtigt. Nach den Wahlen der Abgeordneten dieser verfassungsgebende Versammlung schrieb die venezolanische Firma Smartmatic, die das elektronische Wahlsystem kreiert hatte, in einer Pressemitteilung, dass die Wahlbeteiligung «um mindestens eine Million Stimmen» manipuliert worden sei. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete zudem aufgrund interner Zahlen der Wahlbehörde, dass 90 Minuten vor Wahlschluss weniger als die Hälfte der letztlich angegebenen Anzahl Wahlzettel abgegeben worden war.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Letzte Hoffnung: Glock, 9 Millimeter

Was Donald Trump für alle fordert, macht eine Stadt in Ohio bereits jetzt: Sie bewaffnet ihre Lehrer. Mehr...

Verwesungsgeruch in der Notaufnahme

Die venezolanische Diktatur versucht, die miserablen Zustände in den Spitälern im Land zu vertuschen. Ein Besuch. Mehr...

Der betrogene Süden

Napoli ist im Rennen um den Meistertitel. Aber wahrscheinlich gewinnt wieder die Juve aus dem Norden. Das passt zur Opferrolle Süditaliens. Mehr...