Verzerrte Fakten aus der Schweiz

Eine Recherche zeigt, dass auch alternative News-Seiten aus der Schweiz Falschmeldungen verbreiten. Sie erreichen Tausende Leser.

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Zwischen Werbebannern und Fotocollagen drängen sich Artikel mit grossen Schlagzeilen. Wer sich auf dem Schweizer Blog «Schall und Rauch» umsieht, entdeckt zahlreiche Skandale: Die EU stehe kurz vor dem Untergang, das Schweizer Militär provoziere Russland, die britische Zeitung «The Guardian» habe Donald Trump den Krieg erklärt. Das sind Falschmeldungen, auch Fake News genannt. Fakten werden vom Betreiber der Seite bewusst verzerrt und in einen anderen Kontext gesetzt.

Im US-Wahlkampf hat Donald Trump stark von Fake News profitiert. Seither ist eine Debatte um Unwahrheiten im Netz entbrannt. Jetzt zeigen Recherchen: Auch in der Schweiz werden Fake News produziert. Und sie verbreiten sich durch die sozialen Medien im ganzen deutschsprachigen Raum.

Auch Schweizer Meldungen werden verzerrt

«Alles Schall und Rauch» ist eine der aktivsten alternativen Newssites des deutschsprachigen Raums und als Verein organisiert. Der Betreiber, Manfred Petritsch, schreibt unter dem Pseudonym Freeman. Der gebürtige Österreicher heiratete eine Schweizerin und wohnte lange am Zugersee. Auch sein Blog ist auf diese Adresse registriert. Heute soll er aber im nicht anerkannten Staat Abchasien, einem Teil Georgiens, wohnen und arbeiten. Freeman ist sehr aktiv. Täglich postet er bis zu sechs Artikel. In diesen verzerrt er aktuelle Nachrichten, um gegen Flüchtlinge oder den Westen zu hetzen. Nach der Wahl Donald Trumps schrieb er in einer Analyse, Hillary Clinton sei für die «Flüchtlingsflut» nach Europa verantwortlich. Hier, wie auch in Amerika, lebe die politische Elite mit ihren «Lügenmedien» in einer «eingebildeten Traumwelt».

Auch die Schweizer Regierung wird regelmässig Opfer der Verzerrungen. Etwa das Verteidigungsdepartement VBS, als es vorletztes Jahr eine Übung zu Notlagen durchführte. «Alles Schall und Rauch» berichtete darüber, doch ergänzte der Blog den Artikel mit Spekulationen: Diese Übung sei nicht ohne Grund durchgeführt worden, «sondern weil die da oben etwas wissen». In den Kommentarspalten gehen die Theorien weiter. Freemans Klientel ist sehr aktiv und zählt über 12 000 Leser aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. Auf Facebook hat er sich zu einem Vorbild aller Skeptiker der traditionellen Medien entwickelt.

Eine weitere Seite operiert aus Winterthur: Uncut-news.ch. Der Betreiber bietet über den gleichnamigen DVD-Versand «unzensurierte» Filme zu Weltpolitik und Gesellschaftsfragen an. «Uncutnews» veröffentlicht vor allem Artikel von Drittsites oder Youtube-Filme mit Inhalten, die den Untergang der EU heraufbeschwören oder der Schweizer Regierung vorwerfen, sich bei der Nato «anzubiedern».

Online-Tummelplatz für ­Verschwörungstheoretiker

Der Austausch der Leser untereinander ist ein zentraler Bestandteil dieser Seiten. Freeman von «Alles Schall und Rauch» organisiert für seine Leser drei Stammtische in der Schweiz. Auch die Bewegung «We Are Change» lebt vom Engagement ihrer Mitglieder. Sie nennt sich selbst eine «friedliche Graswurzelbewegung», die sich für Aufklärung einsetze und «unabhängigen Journalismus» betreibe.

Achtung, Unsinn: Das hat US-Präsident Barack Obama nie gesagt, aber «Schall und Rauch» hat es verbreitet.

«We Are Change» hat 2011 die Schweizer Occupy-Bewegung mit aufgebaut. Die Seite pflegt Themen, die als klassische Verschwörungstheorien bezeichnet werden können: Zweifel an der offiziellen Version von 9/11 und an der Echtheit der Flugzeug-Kondensstreifen. Diese «Chemtrails» seien in Tat und Wahrheit Wettermanipulationen. Die Bewegung organisiert mehrere Stammtische: in Bern, Thun und Zürich. Zum Jahrestag von 9/11 versammelt sie sich jeweils vor dem Bundeshaus, um mit Kreidezeichnungen auf die «Täuschungen» aufmerksam zu machen.

Finanziert werden die Sites durch Spenden

Fabian Fuhrer ist einer der Aktivisten von «We Are Change». Er hat sich bereit erklärt, über seine Motivation zu sprechen: «Wir behandeln Themen, die von den Massenmedien ausgeblendet oder schlicht einseitig dargestellt werden.» Er hoffe, so einen Beitrag an eine bessere Welt «ohne Korruption, Krieg und wirtschaftliche Ausbeutung» zu leisten. Fuhrer hält nicht viel vom Begriff Fake News. Er sieht die ­Debatte «klar als erneuten Versuch, alternative Medien als unangenehme Konkurrenz mundtot zu machen». Er verdiene weder Geld damit, noch verbreite er Falschmeldungen.

«We Are Change» finanziert sich durch Spenden. Löhne für ihre Mitarbeiter würden keine bezahlt, sagt Fuhrer. Die anderen Seiten finanzieren sich ebenfalls durch Spender. Nach eigenen Angaben hat «Uncutnews» in den Monaten Oktober und November rund 1300 Franken erhalten. Der monatliche Bedarf liege aber bei 900 Franken. Auch «Alles und Rauch» hat eine Spendenplattform eingerichtet. Ausserdem deckt Freeman seine Kosten durch die Vereinsmitgliederbeiträge von 100 Franken pro Jahr. Auf der Seite sind auch grosse Werbebanner geschaltet.

Akademische Sprache für Studien ohne Substanz

Die grösste Gemeinsamkeit der alter­nativen Newssites in der Schweiz ist ihre Ablehnung traditioneller Medien. Eine Anfang 2016 gegründete Site hat sich sogar zum Ziel gesetzt, die Schweizer Medien zu entlarven, die «Propaganda» machten. Die Betreiber nennen sich «unabhängige Medienwissenschaftler». Ihr Herzstück ist ein Organigramm, das die vermeintliche Verstrickung der Schweizer Medienlandschaft mit amerikanischen Institutionen oder dem Verteidigungsbündnis Nato aufzeigen soll. Dies versuchen die Betreiber akribisch zu beweisen – und scheuen keinen Aufwand. Innerhalb dieses Jahres erstellten sie zwei «Studien». Darin untersuchten sie Artikel der NZZ und Beiträge des Schweizer Radios und Fernsehens nach «Manipulationen». Diese Dokumente sind über 20 Seiten lang und verwenden eine akademische Sprache. Zudem geben sie vor, wissenschaftliche Methoden anzuwenden.

Auf Anfrage schreiben die Betreiber von «Swiss Propaganda», sie würden von über einer halben Million Menschen gelesen. Ihre Motivation liege darin, eine Lücke der Wissenschaft zu füllen: «Auf diesem Gebiet gab es bislang noch keine systematischen Untersuchungen, und entsprechend gross ist das Interesse an unseren Arbeiten.» Auch sie stehen der Debatte über Fake News skeptisch gegenüber. Dies sei eine Manipulation und eine Unterstellung der traditionellen Medien.

Google will den Seiten den Geldhahn zudrehen

Die alternativen Newssites der Schweiz arbeiten zusammen. Sie bilden ein Netzwerk, das die Artikel gegenseitig auf den jeweiligen Seiten teilt. Auch die Community vermischt sich. Auf Facebook sind viele Leser gleichzeitig in der Gruppe von «Alles Schall und Rauch» und von «We Are Change». Die Artikel kursieren in den sozialen Medien ohne Hindernisse. Wie beispielsweise ein gefälschtes Bild von Barack Obama, der sich mit dem Selfie-Stick filmt, während im Hintergrund ein Haus abbrennt. Oder ein Artikel, der Novartis vorwirft, mit einer neuen Art Medikament Mikrochips in die Mägen zu pumpen, womit jeder Bürger überwacht werden könne. Solche Artikel werden hundertfach geteilt. Viele schreiben etwas zu den Beiträgen und bestätigen sich in den Kommentarspalten gegenseitig.

In den USA und auch in Europa wurde Facebook und Twitter bereits vorgeworfen, für die Verbreitung von Fake-News verantwortlich zu sein. Facebook-Chef Mark Zuckerberg wehrte sich erst vehement gegen die Anschuldigungen. Auf Druck der eigenen Mitarbeiter kündete er vor zehn Tagen an, dagegen vorzugehen. Google zieht mit. Es will keine Werbung mehr schalten und so den Betreibern der Fake News den Geldhahn zudrehen.

Erstellt: 27.11.2016, 07:49 Uhr

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