«Viele Eltern überschätzen die Intelligenz ihrer Kinder»

ETH-Lernforscherin Elsbeth Stern über Gymiprüfungen, schlechte Lehrer und den IQ von Buben und Mädchen.

«Heute gilt: Das Boot ist voll. Und die Akademikereltern wollen ihre Kinder nicht aus dem Boot rauslassen»: Elsbeth Stern. Fotos: Philipp Rohner

«Heute gilt: Das Boot ist voll. Und die Akademikereltern wollen ihre Kinder nicht aus dem Boot rauslassen»: Elsbeth Stern. Fotos: Philipp Rohner

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In den Schweizer Gymnasien sitzen oft die falschen Schüler. Fast jeder dritte, der den Sprung geschafft hat, ist eigentlich zu dumm fürs Gymi, sagt die ETH-Professorin Elsbeth Stern. Das hat verschiedene Gründe.

Frau Stern, unsere Gesellschaft gründet auf einem grossen Versprechen: Jeder kann alles erreichen. Heisst das, mit viel Förderung kann aus jedem ein Gymnasiast werden?
Nein, das zu sagen, ist übertrieben. Menschen unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten. Deshalb kann bei gleicher Anstrengung nicht jeder alles erreichen. Wir sollten aber sicherstellen, dass jeder das erreichen kann, wofür er die Fähigkeiten mitbringt.

Das hört sich nicht so an, als würden Sie das für eingelöst halten. Wie gerecht ist das Schweizer Bildungssystem?
Ich mache mir schon ein bisschen Sorgen, was den Zugang zum Gymnasium betrifft. Eine zunehmende Zahl von intelligenten Kindern, die von zu Hause aus nicht so gepusht werden, haben schlechtere Chancen als weniger intelligente Kinder aus Akademikerfamilien.

Wenn man Ihnen folgt, sitzen oft die falschen Kinder im Gymnasium. Wie viele sind es denn?
Rund 30 Prozent.

Wie kommen Sie auf diese Zahl?
Wir haben die Schüler getestet. 46 Prozent der Gymnasiasten, die wir untersucht haben, bringen nicht die nötige Intelligenz mit – das ist fast die Hälfte. Bei solchen Tests können immer Fehler einfliessen, Schüler können zum Beispiel einen schlechten Tag haben. Ich würde deshalb sagen, dass wir mit 30 Prozent ganz gut liegen – das ist eine konservative Schätzung. Mich hat vor allen Dingen erschreckt, dass manche Schüler im Intelligenztest sehr tiefe Werte haben.

Das heisst: Es gibt Gymnasiasten mit einem IQ unter 100?
Ja, das kommt vor. Wir haben festgestellt, dass sogar einzelne Schüler mit einem gemessenen IQ von 80 das Gymnasium besuchen.

Was müsste man denn ändern, damit die richtigen Kinder reinkommen?
Der ideale Zugang zum Gymnasium wäre, dass man schaut, wie die Kinder die ersten sechs Jahre in der Schule genutzt haben. Dazu müsste aber sichergestellt sein, dass die Schule nicht darauf baut, dass die Eltern die Kinder mit unterstützen. Sonst wirken sich sofort wieder die sozialen Unterschiede aus. Kinder können in diesem Alter bei Tests kurzfristig mal besser sein, als es ihre Intelligenz eigentlich zulässt, wenn sie von den Eltern ordentlich gepusht werden. Zweitens muss man dafür sorgen, dass der Unterricht in der Primarschule so gut ist, dass alle Kinder ihr Potenzial entwickeln können. Das ist nicht immer der Fall.

Es gibt schlechte Lehrer, die den Unterricht verbocken?
Es gibt tolle Lehrer mit einem pädagogischen Ethos. Aber es gibt auch andere Beispiele. Der Mathematikunterricht in der Primarschule ist manchmal so langweilig, dass intelligente Kinder angeödet sind. Oder es gibt keinen guten naturwissenschaftlichen Unterricht, weil die Lehrerin irgendein Thema durchnimmt, das die Kinder kurzzeitig interessiert, aber nicht wirklich lernwirksam ist. Nehmen wir das Fach «Mensch und Umwelt». Da könnte man Physik machen, aber das Problem ist eben, dass die Primarlehrpersonen selten Physik als Lieblingsfach hatten und deshalb lieber etwas über Ritter oder was auch immer machen. Man müsste bei der Auswahl der Lehrer sehr selektiv sein. Das klappt nicht, weil häufig gerade Primarlehrer fehlen.

An den Pädagogischen Hochschulen soll es viele Studenten geben, die nur dort sind, weil sie die Uni nicht geschafft haben. Stimmt das?
Ja, das ist leider der Fall. Schweizer Bildungsforscher konnten zeigen, dass Pädagogische Hochschulen im Durchschnitt weniger leistungsstarke Leute anziehen. Das war für mich erschreckend und ernüchternd.


«Ich halte es für einen Fehler, dass man die Lehrerausbildung von den früheren Lehrerseminaren nicht direkt an die Universitäten gebracht hat.»

Im Kanton Zürich fanden soeben die Aufnahme-prüfungen ins Gymnasium statt. Wie gut stellt ein solcher Test sicher, dass die richtigen den Sprung schaffen?
Wenn man einen Test macht, dann sollte er nicht so zusammengestrickt sein wie diese Gymiprüfung, die wir in Zürich haben. Ich habe mir den Test angeschaut. Er ist nicht professionell.

Warum?
Da haben sich ein paar Lehrer zusammengesetzt und schwierige Aufgaben überlegt. Der Test bildet nicht die ganze Bandbreite ab – es muss auch Schüler geben, die alle Aufgaben lösen können. Ich bezweifle, dass das hier der Fall ist. Die Aufgaben haben es wirklich in sich. Ich habe mich mal hingesetzt, um den Mathe-Test zu lösen.

Hätten Sie bestanden?
Das schon. Aber ohne Vorbereitung haben auch die intelligentesten Kinder keine Chance bei dieser Prüfung. Dass sich Eltern gezwungen sehen, ihre Kinder zur Prüfungsvorbereitung in privat betriebene Nachhilfe zu schicken, ist eine Katastrophe. Das darf nicht sein.

Die Mehrheit der Kantone verzichtet auf eine Aufnahmeprüfung. Stattdessen zählen die Noten. Wie gut bilden denn Schulnoten die Intelligenz ab?
Es könnte perfekt sein. Aber es ist nicht perfekt. Die Schulnoten sagen oft wenig über die Intelligenz der Kinder aus.

Woran liegt das?
Es liegt daran, dass Lehrer manchmal andere Dinge heranziehen als die Leistung.

Zum Beispiel?
Nehmen wir folgenden Fall. Ein Lehrer korrigiert die Prüfung und sieht, dass ein Schüler die Aufgabe nicht so toll gelöst hat. Er weiss, die Eltern sind Akademiker und er hat einen gewissen Spielraum, also gibt er dem Kind eine bessere Note, weil er denkt, «die steigen mir sonst wieder aufs Dach». All das kommt vor. Das ist nicht böser Wille.

Aber auch nicht gerecht.
Wenn man dann auch noch einen Unterricht macht, in dem die wirklich schlauen Kinder ihr intellektuelles Potenzial nicht ausschöpfen können, sagen die Schulnoten nicht mehr viel aus.

Was würden Sie am Schweizer Bildungssystem ändern?
Ich würde den Primarschulunterricht aufwerten. Ich halte es für einen Fehler, dass man die Lehrerausbildung von den früheren Lehrerseminaren nicht direkt an die Universitäten gebracht hat. Wie das zum Beispiel Finnland macht, wo die Grundschullehrer an der Universität eine tolle Ausbildung bekommen. Der Lehrerberuf hat ein höheres Ansehen, wenn man sagt, dafür braucht es einen Universitätsabschluss, der genauso viel zählt wie der eines Arztes. Vielleicht müsste man auch bei den Löhnen noch etwas ändern, wobei die Lehrer in der Schweiz ja schon heute nicht schlecht bezahlt werden. Aber man könnte sich auch überlegen, ob es richtig ist, dass Volksschullehrer schlechter bezahlt werden als Gymnasiallehrer. Es ist viel wichtiger, dass die Kinder eine gute Grundschulausbildung haben, dann können sie eher mit schlechten Gymnasiallehrern umgehen als umgekehrt.

Viele Hochschulprofessoren beklagen, dass Studenten oft schlecht in Mathematik sind. Gibt es an den Gymnasien ein Mathe-Problem?
Ja.

Liegt das an den Schülern oder an den Lehrern?
Es liegt einerseits daran, dass Kinder ins Gymnasium gehen, die nicht intelligent sind. Die können den Maturastoff in Mathematik nicht verstehen. Andererseits schaffen es die Mathe-Lehrer nicht, allen intelligenten Schülern die Mathematik zu vermitteln. Wenn sie das nicht können, machen sie einen schlechten Job, denn die Schulmathematik ist für intelligente Kinder kein Problem, wenn sie gut unterrichtet wird.

Warum gelingt das nicht?
Mathematiker denken häufig, es gebe eine spezielle Mathematikbegabung.

Und die gibt es nicht?
Die gibt es vielleicht ganz oben, im Spitzenbereich der Hochbegabten. Aber alle mit einem IQ von 115 und mehr sollten keine Probleme haben, die Algebra zu verstehen.

Man hat den Eindruck, dass immer mehr Eltern ihre Kinder für hochbegabt halten. Wie viele sind es denn wirklich?
Die Hochbegabung ist eine Definitionsfrage. Es wurde so definiert, dass die zwei Prozent mit der höchsten Intelligenz dazu gehören. Es ist tatsächlich so, dass viele Eltern die Intelligenz ihrer Kinder überschätzen. Das ist zunächst auch mal gut so. Man soll Eltern nicht Vorwürfe machen, weil sie das Beste für ihr Kind wollen. Aber sie müssen es auch akzeptieren, wenn es nicht die Intelligenz hat, die sie erwarten.

Gibt es Unterschiede bei der Intelligenz von Mädchen und Buben?
Im Durchschnitt ist sie identisch. Im Bereich der Hochbegabung sind die Jungs etwas stärker vertreten. Die Ursachen kennen wir nicht im Einzelnen. Aber auch in diesem Spitzenbereich sind 30 Prozent Mädchen.

Sie kommen aus einer Bauern­familie, heute sind Sie ETH-Professorin. War das Bildungssystem früher durchlässiger und der Aufstieg damit einfacher als heute?
Ja, das war durchlässiger. Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Im Gymnasium gab es zwar Pfarrer- und Arztkinder, aber die meisten waren Bildungsaufsteiger. Es war die Zeit, in der man die Hochschulen ausbaute. Das machte den Aufstieg leichter. Heute gilt: Das Boot ist voll. Und die Akademikereltern wollen ihre Kinder nicht aus dem Boot rauslassen.

Weil ein Bildungsabstieg unvorstellbar ist?
Ja, für diese Eltern ist von vorn­herein klar, dass ihr Kind die ­Matur machen muss. Sobald die ersten Schwierigkeiten auftauchen und diese Eltern sehen, dass ihr Kind auch nicht besser lesen kann als das Nachbarskind, dessen ­Mutter Putzfrau ist, greifen sie ein. Das ist das Entscheidende. Der Umgang mit Problemen. Akademikereltern werden sofort aktiv, wenn die ersten Anzeichen auftauchen, dass der Weg ins Gymnasium für ihr Kind kein Selbstläufer ist.

Der Kampf um die Gymi-Plätze ist auch deshalb gross, weil man in der Schweiz will, dass nur 20 Prozent der Schüler die Matur machen. Müsste man diese Quote erhöhen?
Nein. Die Schweiz will die Hochschulen nicht weiter ausbauen und bei 20 Prozent bleiben. Das finde ich angemessen – nur muss man dafür sorgen, dass die richtigen 20 Prozent ins Gymnasium kommen. Es darf nicht sein, dass nicht so intelligente Akademikerkinder die intelligenteren Schüler ausbremsen und blockieren. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch gesellschaftlich nicht gut.

Warum?
Man hat dann Leute an der Uni, die eigentlich keine Lust und keine Kompetenzen haben, sich mit abstrakten Themen zu befassen. Wenn sie dann doch zu Abschlüssen kommen, sind sie überfordert. Wenn wir als Folge davon weniger intelligente Ärzte, Juristen und Lehrer haben, schadet das der ganzen Gesellschaft.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.03.2019, 18:34 Uhr

Seit 2006 an der ETH

Elsbeth Stern wurde 1957 in Marburg geboren. Nach dem Psychologiestudium war sie unter anderem Professorin an der Universität Leipzig und arbeitete am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Seit 2006 ist sie Professorin für empirische Lehr- und Lernforschung an der ETH. Stern ist verheiratet und lebt in ­Zürich.

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