Viele Freiheiten für einen Vergewaltiger

Trotz Fussfessel soll sich William W. an zwei Mädchen und drei Buben vergangen haben. Die Behörden wussten von seinen «ungünstigen Entwicklungen». Doch nun erhalten sie Bestnoten.

William W. zeigt im Herbst 2018 sein neues Restaurant auf Facebook.

William W. zeigt im Herbst 2018 sein neues Restaurant auf Facebook.

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William W. sitzt hinter Gittern. Schon wieder. «Untersucht werden aktuell sexuelle Belästigungen zum Nachteil von zwei Teenagern sowie sexuelle Handlungen zum Nachteil von total drei Kindern», sagt Jan Lindenpütz, Mediensprecher der Solothurner Staatsanwalt. Man führe die Untersuchung mit hoher Priorität. «Es besteht das Ziel, bis Ende November Anklage erheben zu können.» Dann droht dem gebürtigen Kolumbianer die dritte Verurteilung.

Mitte der 90er-Jahre hatte sich W. an fünf Kindern vergangen, zwei von ihnen geschändet. Dafür kassierte er eine Zuchthausstrafe und musste eine Therapie absolvieren. Doch diese blieb wirkungslos: Im Sommer 2006 lockte er die damals achtjährige Selina weg vom Garten ihres Elternhauses in Starrkirch SO und vergewaltigte das Mädchen während mehrerer Stunden in einer Baubaracke.

Für jene Tat sprach das Gericht die sogenannte kleine Verwahrung aus. Bei dieser erhalten psychisch kranke Täter eine Therapie unter Freiheitsentzug, also im ­Gefängnis oder in einer geschlossenen Klinik. Maximal fünf Jahre dauert die Massnahme. Sind die Verurteilten dann immer noch rückfallgefährdet, kann die Vollzugsbehörde vor Gericht eine ­Verlängerung beantragen.

Obergericht verlängert kleine Verwahrung nicht

So geschieht es immer wieder, wie eine Umfrage in zwölf Kantonen zeigt. Diese haben in den letzten Jahren bei insgesamt 207 Straftätern eine Verlängerung der kleinen Verwahrung beantragt. In 95 Prozent aller Fälle wurde diese auch gutgeheissen. Ausgerechnet bei William W. nicht.

Das Solothurner Obergericht entschied vor drei Jahren, die kleine Verwahrung gegen W. nicht zu verlängern. Stattdessen entliess sie den Mann unter Auflagen. So musste er zum Beispiel eine ambulante Therapie absolvieren und regelmässig Blutproben abgeben zum Drogentest. Und auch eine Fussfessel tragen.

«Er gibt konsequent an,dass er es nicht getan hat»

Doch die schreckte W. offenbar nicht ab: «Alle vorgeworfenen Übergriffe liegen in einem Zeitraum, als mein Mandant elektronisch überwacht wurde», sagt sein Verteidiger Thomas Fingerhuth. In Untersuchungshaft hätten nun schon mehrere Befragungen stattgefunden. «W. verhält sich gleich wie bei früheren Vorwürfen», sagt Fingerhuth. «Er gibt konsequent an, dass er es nicht getan hat.»

Tatsächlich zeigte der Täter schon in der Vergangenheit keine Einsicht. 2012 konnte er laut ­Gerichtsakten «seinen pädophilen Persönlichkeitsanteil nicht in sein Selbstbild integrieren». Auch noch 2015, unzählige Sitzungen später, blieb die Wahrscheinlichkeit von weiteren Sexualdelikten «mittelgradig bis hoch». Der Täter sah sich selbst als Opfer. Laut Gutachten beharrte er darauf, «keine Persönlichkeitsstörung zu haben, keine pädophilen Neigungen zu besitzen, nicht schuld an den sexuellen Übergriffen zu sein und keine Therapie zu brauchen».

Absurderweise blieb W. am Ende genau dank diesem renitenten Verhalten nicht weggesperrt. Die kleine Verwahrung kann nur verlängert werden, wenn auch die Aussicht besteht, dass die Therapie erfolgreich sein wird. Das ­Solothurner Obergericht sah diese Möglichkeit nicht und lehnte in der Folge eine Verlängerung ab.

«Die Behörden haben immer betont, dass er nach seiner Entlassung eng überwacht wird, damit nichts mehr passieren kann.»Selina

So kam W. wieder in Freiheit, wo er sich an weiteren Minderjährigen vergangen haben soll. Nach Informationen der SonntagsZeitung handelt es sich bei den ­mutmasslichen Opfern um zwei Mädchen und drei Buben im Alter zwischen 5 und 14 Jahren.

«Es macht mich traurig, das zu hören», sagt Selina. Das frühere Opfer von W. verspürt aber auch Wut. Nicht nur auf den Täter. «Die Behörden haben immer betont, dass er nach seiner Entlassung eng überwacht wird, damit nichts mehr passieren kann.» Stattdessen lebte der Mann anfangs in einem offenen Wohnheim in der Region Olten, das laut Website auch schon «Kinderschminken» veranstaltete. «Ich finde das absolut fahrlässig», sagt Selina.

Aus Angst vor Gläubigern bat er um Polizeischutz

Nach dem Wohnheim zog William W. gemäss Recherchen in eine Aargauer Kleinstadt. In ein Haus, das keine 250 Meter von einem Kinderspielplatz entfernt steht. Bald geriet er jedoch in Schwierigkeiten. Denn der 46-Jährige hatte im Kanton Solothurn ein Restaurant übernommen, auch dieses direkt gegenüber eines Spielplatzes. Für den Umbau verausgabte sich W. finanziell. Fast 30'000 Franken ­investierte er in die Beiz. Danach hatte er solche Angst vor den Gläubigern, dass er selbst um Polizeischutz bat.

Die Behörden wussten das alles, weil sie W. im Rahmen eines Bedrohungsmanagements überwachten. Sie hielten in einem Schreiben fest, seine finanzielle ­Situation sei angespannt, es zeichne sich eine Überforderung ab. Man habe die Eröffnung eines Restaurants von Anfang an nicht unterstützt. Doch der Mann habe entsprechende Ermahnungen ­einfach ignoriert. Dies seien «ungünstige Entwicklungen», steht im Schreiben vom Oktober 2018. Einen Monat später musste William W. erneut verhaftet werden.

«Keine Hinweise auf fehlerhaftes Verhalten»: Solothurner Regierungsrätinnen und -räte und die beiden externen Experten bei der Medienkonferenz am letzten Montag. Foto: PD

Dennoch ist den Behörden laut der Solothurner Regierung kein Vorwurf zu machen. Sie hatte eine Untersuchung des Falls angeordnet. Jetzt liegt das Fazit der beiden externen Experten vor. 73 Seiten umfasst der gesamte Bericht. Ausgehändigt wird er aber auch auf mehrmalige Nachfrage nicht. Schliesslich enthalte das Dokument etliche Daten, die dem Amtsgeheimnis unterstünden. «Es kann lediglich eine von den Experten verfasste Zusammenfassung publiziert werden», schrieb die Regierung am vergangenen Montag in einer Medienmitteilung.

Diese hält weiter fest: «Die externen Experten attestieren den Behörden ein gutes Zeugnis. Die Untersuchung ergab keine Hin­weise auf fehlerhaftes Verhalten der Staatsanwaltschaft und des Amtes für Justizvollzug.» Von den fünf Opfern William W.s, die neu dazugekommen sein sollen, steht im Communiqué kein Wort.

In der Zusammenfassung des Expertenberichts wiederum heisst es: «Nach dem Ergebnis dieser Untersuchung waren im Fall ­William W. nicht nur die recht­lichen Rahmenbedingungen, die gerichtlichen Vorgaben sowie das Interesse von Öffentlichkeit, Politik und Medien anspruchsvoll. Ungewöhnlich machte den Fall vor allem auch die Person William W.»

Dass sich hingegen die Behörden fehlerhaft verhalten hätten, darauf habe man keine Hinweise gefunden. Sie hätten ihre Möglichkeiten nach der kleinen Verwahrung voll ausgeschöpft. «Nach der Aktenlage gab es objektiv keine erkennbaren konkreten Warnsignale für die neuen Übergriffe, auf die Vollzugsbehörde, Bewährungs­hilfe und Therapeut sofort hätten reagieren müssen und können.»



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Erstellt: 07.09.2019, 19:46 Uhr

Nationalräte haben Fragen an den Bundesrat

Die Solothurner Behörden erhielten im Fall William W. ein gutes Zeugnis. Anpassungen brauche es allenfalls im Gesetz, hiess es am Montag. Für Nationalrat Christian Imark (SVP) keine Überraschung: «Es war klar, dass der Fehler am Ende beim Gesetz ausgemacht wird und nicht bei involvierten ­Personen.» Nächste Woche wolle er eine Anfrage an den Bundesrat stellen, um zu klären, welche Anpassungen es auf nationaler Ebene brauche. Auch Bea Heim (SP) hat Fragen. Die Nationalrätin wohnt in der Gemeinde, in welcher sich W. an Selina verging. «Wenn angeblich alles richtig gemacht ­wurde, aber trotzdem schreckliche Dinge geschehen, dann muss etwas ziemlich schieflaufen.» Nächste Woche reicht Heim eine Interpellation ein. Sie will etwa wissen: «Erachtet es der Bundesrat als möglich, die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung eines Desasters wie im Fall W. durch die Revision des Strafgesetzbuchs wirksam zu reduzieren? Welche Lücken im ­System sind zu schliessen?»

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