Vincenz soll Geld zurückzahlen

Raiffeisen sieht sich getäuscht und versucht, den umstrittenen Vertrag mit Investnet rückgängig zu machen.

Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz soll belangt werden. Foto: Esther Michel

Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz soll belangt werden. Foto: Esther Michel

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Ein Jahr nachdem die SonntagsZeitung bekannt gemacht hat, dass die Finanzmarktaufsicht (Finma) gegen Raiffeisen ein sogenanntes Enforcement-Verfahren durchführt, handelt die Bank endlich. Sie will den Kauf der Beteiligungsgesellschaft Investnet, der das Verfahren ausgelöst hat, rückgängig machen.

Sprecher Dominik Chiavi bestätigt: «Raiffeisen Schweiz hat sämtliche Verträge im Kontext Investnet zwischen Raiffeisen einerseits und Peter Wüst, Andreas Etter, Aneco AG und Pierin Vincenz anderseits, bis in das Jahr 2012 zurück, als Raiffeisen Schweiz den Aktientauschvertrag mit Peter Wüst und der Aneco AG (100% im Besitz von Andreas Etter) geschlossen hatte, angefochten.» Willensmängel können dann geltend gemacht werden, wenn ein Käufer durch absichtliche Täuschung zu einem Vertragsabschluss verleitet worden ist.

Beim Verkauf von Investnet an Raiffeisen soll dies gleich mehrmals geschehen sein. Rückblende: 2011 verhandelte Raiffeisen mit Peter Wüst und Andreas Etter, den Gründern von Investnet, über eine Übernahme. Die Verhandlungen führte Beat Stocker, ein Berater und Freund von Pierin Vincenz. Gleichzeitig versuchte sich Stocker an Investnet zu beteiligen. Mit Erfolg, wie aus dem Bericht der Wirtschaftsprüfungsfirma Deloitte hervorgeht, der im Auftrag der Finma erstellt wurde. Vincenz wusste davon, wie der Finanzblog «Inside Paradeplatz» enthüllte.

Raiffeisen sieht sich getäuscht

Danach wurde Patrik Gisel an Stelle von Stocker als Verhandlungsführer eingesetzt. Gisel wusste angeblich nicht, dass Stocker bei Investnet beteiligt war. Jedenfalls kaufte Raiffeisen Investnet zu 60 Prozent und zahlte Wüst und Etter je 20 Millionen Franken. Da kam es auch zum Aktientausch. Dann überwies das Duo Stocker 5,8 Millionen Franken. Kurz darauf zahlte Stocker Vincenz 2,9 Millionen Franken.

Es besteht der Verdacht, dass es sich dabei um eine verdeckte Zahlung aus dem Verkaufserlös von Investnet handelte. Danach wurde Investnet mit der Raiffeisen-eigenen KMU Capital zusammengebracht. Die alten Eigentümer bekamen nochmals Geld, und Raiffeisen gewährte der KMU Capital einen Kredit von 100 Millionen Franken.

Als sich Vincenz im Herbst 2015 von Raiffeisen verabschiedete beteiligte er sich mit 1,5 Millionen Franken an der neuen Gesellschaft und erhielt 15 Prozent der Aktien. Finanziert wurde das mit einem Kredit, der ihm unter Umgehung der Richtlinien gewährt wurde.

Das soll nun alles rückgängig gemacht werden, denn Raiffeisen sieht sich getäuscht, weil sie nicht wusste, dass Stocker an Investnet beteiligt war. «Dazu gehören auch die späteren Aktienkaufverträge, die im Rahmen der Umstrukturierung zur Investnet Holding AG geführt haben. Aufgrund dessen beansprucht Raiffeisen Schweiz heute 100% der KMU Capital Holding AG (frühere Investnet Holding AG), welche die KMU Capital AG zu 100% beherrscht», sagt Sprecher Chiavi. «Die Investnet AG ist gemäss der Anfechtung nicht Teil der Raiffeisen-Gruppe. Entsprechende Zivilverfahren laufen.»

Lohnbuchhaltung bei einem Freund ausgelagert

Ein seltsames Detail wurde diese Woche bekannt. Vincenz hat die Lohnbuchhaltung für die Geschäftsleitung ins Treuhandbüro von Rechtsanwalt Eugen Mätzler ausgelagert – angeblich aus Diskretionsgründen, wie «Inside Paradeplatz» schreibt. Auch dies bestätigt Raiffeisen. «Bei Raiffeisen Schweiz wurden diese Transaktionen von 2001 bis 2017 durch Eugen Mätzler getätigt und ordnungsgemäss durch PWC revidiert», sagt Chiavi.

Ausgerechnet PWC hat auch die Investnet-Deals geprüft – und Mätzler war Vincenz’ Vertrauensanwalt. Er war Verwaltungsrat in Vincenz’ persönlicher Finanzgesellschaft Varaplan. Er ist in den Kauf der Firma Commtrain verwickelt, der von der Staatsanwaltschaft untersucht wird. Dazu sagt Chiavi: «Eine Verfügung verpflichtet uns, Dritten gegenüber Stillschweigen zu bewahren.»

Erstellt: 17.11.2018, 20:40 Uhr

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