Völlig unfähig zur Selbstkritik

Der Implantate-Skandal lässt Zweifel aufkommen, ob unser teures Gesundheitswesen wirklich die beste Leistung bietet.

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Seit knapp einer Woche beschreiben unsere Reporter vom Recherchedesk von Tamedia Tag für Tag eine Seite unseres Gesundheitswesens, die mir bisher völlig unbekannt war. Was ich lesen muss, lässt mich zweifeln, ob wir für das viele Geld, das wir jeden Monat der Kranken­kasse überweisen, wirklich die beste Leistung bekommen, die möglich ist. Und wenn ich höre, was die beiden Schweizer Ärzte, die mitverantwortlich sind für den Skandal, zu ihrer Recht­fertigung vorbringen, dann traue ich meinen Ohren nicht.

«Es finden sich immer schwarze Schafe, die es mit der Kontrolle nicht genau nehmen.»

Am Dienstagabend erzählt Professor Thomas Steffen im «10 vor 10» sinngemäss, man habe bei der Zulassung des Implantats halt etwas pressieren müssen, denn schliesslich seien die Investoren ihrer kleinen Firma ungeduldig gewesen. Professor Max Aebi spricht am Freitag von ­irgend­welchen positiv verlaufenen Tierversuchen, die es neben den dokumentierten gescheiterten auch noch gegeben habe. Die Implantate seien einfach falsch eingesetzt worden. Bei seinen Patienten sei alles gut. Und nun dies: Seit vier Jahren gibt es eine klare Weisung auf der Website der Schweizer Heilmittel­behörde, alle Patienten zur Konsultation aufzubieten. Gemacht wurde das offenbar nicht, mindestens nicht im von uns dokumentierten Fall. Ein Wort des Bedauerns gegenüber den Opfern? Ja, aber dann wird sofort jede Schuld abgestritten.

Immerhin, eines der involvierten Spitäler hat jetzt reagiert und hat, statt alles abzustreiten, Aebi als Belegarzt suspendiert. Mit Professor Andreas Raabe und dem ehemaligen Staats­anwalt Hans Baumgartner (er ermittelt auch im Fall Pierin Vincenz) wurden zwei unabhängige Fachleute eingesetzt, um den Fall zu untersuchen. Weiter muss wohl auch das System der Zulassung geändert werden. Bisher konnten private Organisationen Implantate zertifizieren. Ähnliches gibt es in der Flugindustrie oder bei der Geldwäscherei. Überall zeigt sich, es finden sich immer schwarze Schafe, die es mit der Kontrolle nicht so genau nehmen und die Bewilligung gegen gutes Geld im Schnellverfahren erteilen. Das geht nach diesem Skandal wohl nicht mehr. Einmal mehr ist die Selbstregulierung an der Verantwortungslosigkeit weniger gescheitert, und die staatliche Bürokratie muss übernehmen. Schade. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.12.2018, 23:06 Uhr

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