Von Geburt an Mischwesen

Mütter tragen kindliche Zellen in sich – und Kinder mütterliche. Irgendwie sind alle Menschen Chimären.

Schwangere mit Kind: Genetisch betrachtet, kann ein Mensch zwei Personen in einer sein, und zwar, wenn zwei befruchtete Eizellen zu einem Embryo verschmolzen sind. Foto: Plainpicture

Schwangere mit Kind: Genetisch betrachtet, kann ein Mensch zwei Personen in einer sein, und zwar, wenn zwei befruchtete Eizellen zu einem Embryo verschmolzen sind. Foto: Plainpicture

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«Mater semper certa est», lautet ein lateinisches Rechtssprichwort, «die Mutter ist immer sicher». Eine Frau also, die ein Kind gebärt, ist ohne Zweifel dessen Mutter. Das dachte sich auch Lydia Fairchild, als sie Anfang der 2000er-Jahre aufgefordert wurde, einen Mutterschaftstest für ihre zwei Kinder vorzuweisen, um im US-Staat Washington Sozialhilfe zu bekommen. Eine reine Formsache.

Doch statt Geld bekam Fairchild eine Vorladung. Die Beamten eröffneten ihr, sie sei wohl eine Schwindlerin, denn der Gentest zeige eindeutig, dass sie nicht die Mutter ihrer zwei Kinder sein könne. Andererseits bewies der Test aber, dass ihr Lebenspartner tatsächlich der Vater der Kinder war. Fairchild verzweifelte schier, sie versuchte ihre Mutterschaft anderweitig zu belegen. Doch selbst die Geburtsscheine und Bilder ihrer Schwangerschaft halfen nichts, die Beamten glaubten ihr nicht. Dafür keimte ein Verdacht auf: Hat sie möglicherweise die Kinder entwendet oder eine Leihmutterschaft verheimlicht?

Ein Gericht ordnete darauf an, dass bei der Geburt ihres dritten Kindes – Fairchild war wieder schwanger – ein Zeuge mit dabei sei. Nach der Entbindung wurde der Mutter wie auch dem Neugeborenen wieder Blut abgenommen. Der Test ergab: Fairchild ist auch von ihrem dritten Kind genetisch nicht die Mutter.

Die Zwillingsschwester lebte einfach in ihr

Wie kann so etwas möglich sein? Verdutzt und ratlos begannen die Ermittler weitere Abklärungen vorzunehmen – und stiessen auf einen ähnlichen Fall aus dem Jahr 1998. Karen Keegan, eine Frau aus Boston, benötigte damals eine Nierentransplantation und fand bei der Suche nach potenziellen Spendern heraus, dass sie genetisch von zwei ihrer drei Kindern nicht die Mutter war. Die Ärzte gingen der Sache auf den Grund und nahmen DNA-Proben von verschiedenen Geweben und Zellen. Dabei kam es zur grossen Überraschung: Keegan war, genetisch betrachtet, zwei Personen in einer. Das bedeutet: Sie war das Produkt zweier befruchteter Eizellen, die in einem frühen Stadium der Entwicklung miteinander zu einem Embryo verschmolzen waren. Normalerweise hätte Keegan eine Zwillingsschwester gehabt. Nun lebte diese einfach in ihr.

Wissenschaftlich gesprochen, ist Keegan eine «Chimäre». Lydia Fairchild ebenfalls, wie sich bei späteren Gentests verschiedener Gewebe herausstellte, so etwa vom Gebärmutterhals. Die Tests bewiesen nämlich, dass sich das Erbgut in Fairchilds Blutzellen tatsächlich von jenem der Gebärmutterhalszellen unterschied, so wie sich zweieiige Zwillinge eben unterscheiden. Diese Tests rehabilitierten Fairchild, denn das Erbgut aus den Gebärmutterhalszellen passte – sie war tatsächlich die biologische Mutter ihrer Kinder und damit auch sozialhilfeberechtigt.

Diese schier unglaubliche und viele andere spannende Geschichten zur Genetik erzählt der Wissenschaftsautor Carl Zimmer in seinem Buch «She Has Her Mother’s Laugh».

Es gibt auch in der realen Welt, in der Biologie, Chimären. 

Chimären kennt man vor allem aus der Mythologie, als Misch­wesen aus Mensch und Tier – Meerjungfrauen etwa, Sphinxe oder Zentauren. Lange Zeit gehörten sie auch ausschliesslich ins Reich der Mythen und Sagen. Doch seit ein paar Jahren setzt sich je länger desto deutlicher die Erkenntnis durch: Es gibt auch in der realen Welt, in der Biologie, Chimären.

Klar, so eklatante Fälle wie Karen Keegan und Lydia Fairchild sind äusserst selten – am Universitätsspital Zürich zum Beispiel hat selbst der renommierte Reproduktionsmediziner Bruno Imthurn noch nie von einem vergleich­baren Fall gehört. Allerdings sind Chimären ohne DNA-Tests auch schwierig zu entdecken, vor allem wenn zwei gleichgeschlechtliche Zwillinge zu einer Person verschmolzen sind. Allenfalls sind verschiedenfarbige Hautflecken ein Indiz dafür oder unterschiedliche Augenfarben. Anders, wenn zwei verschiedengeschlechtliche Zwillinge zu einer Person werden, dann kann allenfalls ein Zwitter entstehen. Wie häufig solche drastischen Formen von Chimärismus sind, ist aber völlig unklar.

Immer deutlicher wird dafür, dass Chimärismus keine Absonderlichkeit der Natur ist, sondern vielmehr Programm. Mischwesen sind nämlich viel häufiger, als man glauben könnte, vermutlich sind gar die meisten Menschen kleine Chimären, sogenannte Mikro-Chimären. Denn praktisch jeder von uns trägt fremde Zellen in sich – von der Mutter oder einem früher geborenen Geschwister zum Beispiel –, und das auch noch Jahre nach der eigenen Geburt.

Zellen können die Plazenta-Barriere überwinden

Verantwortlich dafür ist die Plazenta. Lange Zeit glaubte man, der Mutterkuchen bilde eine unüberwindliche Barriere zwischen Mutter und Kind. Dem ist nicht so: «Die Plazenta ist viel durchläs­siger als früher angenommen», zitiert das Magazin «Psychology Today» den Biologen Kirby Johnson von der Tufts University bei Boston. So schwimmen im Blut jeder werdenden Mutter so viele fötale Pro­teine und Erbgutmoleküle, dass man diese heute für unproblematische vorgeburtliche Tests nutzt, sogenannte nicht invasive Pränataltests (NIPT).

Aber auch ganze Zellen können die Plazenta-Barriere überwinden, und zwar in beiden Richtungen: Mütterliche Zellen können in den Fötus gelangen, darüber ist allerdings nicht viel bekannt. Umgekehrt dringen kindliche Zellen in den Körper der Mutter vor. Die meisten dieser Zellen werden vom mütterlichen Immunsystem angegriffen und eliminiert, einige wenige jedoch schleichen sich unentdeckt in verschiedene Körperteile, nisten sich dort ein und werden so Teil von mütterlichen Geweben und Organen.

Kindliche Zellen findet man denn auch im ganzen Körper von Müttern: im Herz, in der Leber, den Nieren, der Milz, in der Haut, der Bauchspeicheldrüse, im Darm und in vielen anderen Geweben. Im Jahr 2015 untersuchten niederländische Forscher Gewebeproben von 26 Frauen, die während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt eines Sohns gestorben waren. Bei einigen der toten Frauen fanden die Forscher kindliche Zellen in allen untersuchten Organen. Sogar bis ins Gehirn wanderten die fötalen Zellen – sie überwanden dabei nach der Plazenta- auch noch die Bluthirnschranke: In fünf von fünf untersuchten ­Gehirnen entdeckten die Forscher kindliche Zellen. In einer anderen Studie fanden US-Forscher in zwei von drei untersuchten weiblichen Gehirnen Zellen mit einem ­Y-Chromosom – sie mussten also von einem Sohn stammen.

Wenn das Immunsystem der Mutter versucht, die kindlichen Zellen zu eliminieren, so eine Hypo­these, könnte es unabsichtlich auch ­eigene Zellen angreifen.

Was bedeutet das nun alles? Beeinflussen die funktionsfähigen Zellen der Söhne im Nervennetzwerk des Gehirns das Denken der Mütter? Wohl kaum. Was heisst es für das Verständnis von Identität, wenn wir wissen, dass wir Zellen mehrerer Personen in unserem Körper haben? Fühlen wir uns dann als multiple Persönlichkeit? Wohl kaum, gilt auch hier.

Medizinisch hingegen sind die fremden Zellen durchaus relevant, und zwar im negativen wie im positiven Sinn. So könnten sie einerseits dafür verantwortlich sein, dass Frauen bis zu viermal häu­figer an bestimmten Autoimmunerkrankungen leiden als Männer. Wenn das Immunsystem der Mutter versucht, die kindlichen Zellen zu eliminieren, so eine Hypo­these, könnte es unabsichtlich auch ­eigene Zellen angreifen. Hin­weise darauf liefern Studien, die einen Zusammenhang aufzeigen zwischen der Menge an fremden Zellen im Körper und dem Risiko, an einem Autoimmunleiden wie multipler Sklerose oder Sklerodermie zu erkranken.

Andererseits gibt es auch zahlreiche Hinweise für heilende Effekte der fremden Zellen. Weil die fötalen Zellen Eigenschaften von Stammzellen haben, können sie zum Beispiel verletztes Gewebe reparieren oder sogar vor Krebs schützen, wie einige Studien nahelegen. So haben Frauen, die an Brustkrebs erkranken, in der Regel weniger fremde Zellen als Frauen ohne Brustkrebs. Wie stark die schützenden und wie belastend die schädlichen Effekte fremder Zellen sind, ist aber noch weitgehend unklar. Die Forschung stochert da noch im Nebel.

Klar scheint dafür: Wir müssen uns wohl an den Gedanken gewöhnen, dass jede Person ein bisschen mehr ist als nur sie selbst.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.02.2019, 17:34 Uhr

Spannende Geschichte der Genetik

Mehrere der im Text angeführten Beispiele zum Chimärismus stammen aus dem Buch «She Has Her ­Mother’s Laugh» (2018) des US-Wissenschaftsautors Carl Zimmer. Das nicht auf Deutsch übersetzte Buch ist eine umfassende, spannende und auch für Laien (gutes Englisch-Verständnis vorausgesetzt) leicht zugängliche Geschichte der Vererbung – von der Inzucht bei den Habsburgern über die Eugenik-Bewegung in den USA und in Nazi-Deutschland, die Entdeckung des Erbmoleküls DNA bis hin zu den modernen Genscheren-Methoden. Nach der Lektüre sieht man sich selber und die Mitmenschen mit anderen Augen. (nw)

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