Von wegen Krise: Das Schweizer Jobwunder geht weiter

Wer hierzulande zu den grössten Jobmachern gehört – und welche Firmen 2020 einen Ausbau planen.

Auch die Discounter sind auf Expansionskurs und stellen neue Stellen in Aussicht: Denner-Filiale in der Westschweiz. Foto: Vanessa Cardoso

Auch die Discounter sind auf Expansionskurs und stellen neue Stellen in Aussicht: Denner-Filiale in der Westschweiz. Foto: Vanessa Cardoso

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Sonntag oder am späten Abend noch schnell etwas Kleines einkaufen? Längst ist das nicht mehr nur in Tankstellen oder Bahnhöfen möglich, sondern in mehreren Hundert sogenannten Convenience-Shops, die im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden schiessen.

Das führt – entgegen der häufig gehörten Klage, der Detailhandel befinde sich in einer tief greifenden Krise – zur Schaffung vieler neuer Arbeitsplätze. Beispiel Migros: Die grösste Schweizer Arbeitgeberin verspricht, dass die Stellenzahl im neuen Jahr zunehmen werde – unter anderem bei ihren Kleinstläden Migrolino. Deren Zahl stieg in diesem Jahr auf 321, und erstmals erzielten sie mehr Umsatz als die Konkurrentin Coop mit Coop Pronto. Doch auch diese Kleinstladenkette ist auf Expansionskurs: Mittlerweile gibt es 323 Coop-Pronto-Läden. Hinzu kommen Migros-Tankstellen-Shops und Coop-to-go-Filialen, die ebenfalls im Convenience-Bereich angesiedelt sind.

Auch die Discounter sind optimistisch

Auf Wachstumskurs ist auch die ­Fenaco-Genossenschaft. Sie macht sich abseits der grossen Zentren mit ihren Top-Shops breit. Mittlerweile betreibt sie 94 dieser Tankstellenläden. Sie erzielen fast so viel Umsatz wie der Kioskbetreiber Valora mit seinen Convenience-Shops an den Bahnhöfen. Fenaco, die auch die Volg- und Landi-Läden betreibt, schuf im abgelaufenen Jahr 210 neue Stellen. Im kommenden Jahr werde das so weitergehen, sagt die Genossenschaft voraus.

Optimistisch sind auch die Discounter. Denner, Aldi, Lidl und Otto’s – sie alle haben 2019 neue Filialen eröffnet und damit Hunderte Arbeitsplätze geschaffen. Sie denken nicht daran, im neuen Jahr mit der Expansion aufzuhören, und stellen ein weiteres Stellenwachstum in Aussicht. Das Gleiche gilt für den Detailhändler Spar.

Versicherungen und Krankenkassen schaffen zuhauf neue Stellen

Als einzige grosse Branchenvertreterin sagt die Warenhauskette Manor für 2020 den Abbau von Arbeitsplätzen voraus. Manor ist jedoch ein Spezialfall: Das Unternehmen gibt nach einem jahrelangen Rechtsstreit mit der Vermieterin Swiss Life klein bei und verlässt Ende Januar nach 35 Jahren die Zürcher Bahnhofstrasse. 250 Jobs gehen verloren, weil Manor es versäumt hat, rechtzeitig einen neuen Standort zu suchen.

Zu den grössten Jobmachern gehörten 2019 der Internetriese Google, der Uhrenkonzern Swatch Group und der Stromkonzern BKW. Das zeigt eine Umfrage unter den grössten Arbeitgebern der Schweiz. Bei der BKW ist der Ausbau allerdings vor allem dem Zukauf mehrerer Gebäudetechnikfirmen zu verdanken.

Zum Vergrössern klicken.

Auf der anderen Seite stachen die Staatsbetriebe Post und Swisscom als grosse Jobabbauer hervor. Mehrere Hundert Stellen abgebaut haben auch die Credit Suisse, der Pharmakonzern Novartis, der Nahrungsmittelhersteller Nestlé und der Industriekonzern ABB.

In einer Gesellschaft, die wohlhabender, älter und gesünder wird, steigt die Nachfrage nach Versicherungsleistungen.

Für die Beschäftigten war es unter dem Strich ein ausgezeichnetes Jahr. Die saisonbereinigte Arbeitslosenrate verharrte bei 2,3 Prozent, die Zahl der Beschäftigten stieg auf den Rekordwert von 5,14 Millionen. Und gemäss dem Jobradar der Firma X28, die alle Stellen erfasst, die auf den Websites der Unternehmen und der Personaldienstleister ausgeschrieben sind, nahm die Zahl der offenen Stellen auf 199'000 zu, ebenfalls ein Rekord.

Einer der wichtigsten Jobmotoren ist nebst dem Detailhandel die angeblich so langweilige Versicherungsbranche. Axa, Mobiliar, Helvetia, Suva, Helsana, CSS und weitere Versicherer schufen 2019 insgesamt fast tausend neue Stellen. Der Grund: In einer Gesellschaft, die wohlhabender, älter und gesünder wird, steigt die Nachfrage nach Versicherungsleistungen. Etliche Versicherer, darunter Helsana, Groupe Mutuel und Swica, sagen fürs neue Jahr einen weiteren Aufbau von Stellen voraus.

Bei Post und Credit Suisse ist der Stellenabbau beendet

Insgesamt wird das Schweizer Jobwunder im neuen Jahr weitergehen. 30 von 92 befragten Arbeitgebern geben an, sie planten einen weiteren Aufbau von Arbeitsplätzen. 56 geben keine Prognose ab oder gehen von einer stabilen Stellenzahl aus. Nur sechs Unternehmen planen einen Stellenabbau: der Pharmakonzern Novartis, die Warenhauskette Manor, der Elektrotechnikkonzern ABB, die Radio- und Fernsehbetreiberin SRG sowie die beiden Maschinenbauer Mikron und Bucher Industries. Bei ABB werden allerdings nicht Stellen gestrichen, sondern 2500 Mitarbeiter wechseln zu Hitachi.

Unter den Unternehmen, die wachsen, sticht die Fluggesellschaft Swiss heraus. Sie schafft mit der Einflottung ihrer beiden neuen Langstreckenflugzeuge im ersten Quartal mehr als 300 Arbeitsplätze für Pilotinnen, Flugbegleiter und Technikerinnen.

Positiv zu werten ist, dass mehrere Unternehmen, die in den vergangenen Jahren im grossen Stil Stellen abgebaut haben, nun erstmals Entwarnung geben. Darunter ist die Post. Sie hat aufgrund des Rückgangs der Briefpost Hunderte Poststellen geschlossen und Tausende Stellen gestrichen. Doch nun erarbeitet sie eine neue Strategie und prüft nicht genannte Wachstumsfelder – «mit entsprechendem Personalaufbau», wie eine Sprecherin ankündigt.

Auch bei der Credit Suisse ist das einschneidende Sparprogramm beendet. Am Investorentag vor zwei Wochen gab die Grossbank bekannt, es sei kein Stellenabbau mehr geplant.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 29.12.2019, 14:20 Uhr

Artikel zum Thema

Sie steigen und steigen – doch wie geht es weiter?

Analyse Die Aktienmärkte haben im ablaufenden Jahr stark zugelegt, im letzten Jahrzehnt gab es fast nur Kursgewinne. Das erwarten die Experten von 2020. Mehr...

Trumps trügerisches Jobwunder

Die Zahlen des US-Arbeitsmarkts sind mal wieder sehr gut – und der Präsident feiert das als seinen Erfolg. Doch in den Branchen, für die er sich am meisten engagiert, überzeugen die Zahlen nicht. Mehr...

Die Jobmacher-Umfrage

Zum Jahresende befragte die SonntagsZeitung die grössten Arbeitgeber der Schweiz, wie sich die Zahl ihrer Arbeitsplätze im abgelaufenen Jahr 2019 entwickelt hat und ob sie im neuen Jahr Stellen auf- oder abbauen. Mehr als neun von zehn angefragten Unternehmen machten mit. Nicht befragt wurden die öffentlichen Verkehrsbetriebe, die kantonalen und städtischen Spitäler sowie die Verwaltungen von Bund, Kantonen und Städten – obwohl auch sie zu den grossen Arbeitgebern zählen. Aufgrund des grossen Teilnehmerfelds vermittelt die Umfrage einen guten Eindruck, ob im kommenden Jahr die Zahl der Stellen steigt, stabil bleibt oder abnimmt. (pbu)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Klebriger Protest: Eine PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) Aktivistin protestiert im Vorfeld der Mailänder Fashion Week gegen die Lederindustrie indem sie sich mit schwarzem Schleim übergiesst. (18. Februar 2020)
(Bild: Flavio Lo Scalzo) Mehr...