Vorsicht vor den Moralisten!

Warum die lautesten Gutmenschen oft die grössten Defizite haben.

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Abgesehen von ihrem kriminellen Sexualverhalten hatten Harvey Weinstein und Kevin Spacey vor allem eines gemeinsam: Sie setzten ihre ­Berühmtheit und ihr Geld für moralisch höhere Zwecke ein, unterstützten die US-Demokraten, zeigten sich gerne an Wohltätigkeitsveranstaltungen und erhoben ihre Stimme gegen alles Verwerfliche dieser Welt. War das Rampenlicht erloschen, ging es bei beiden Hollywoodlegenden profaner zu und her: Sie belästigten und bedrohten, vergewaltigten und verhöhnten mutmasslich zahlreiche Opfer. Und sie setzten die gleiche ­Berühmtheit und dasselbe Geld dafür ein, dass nichts davon je an die Öffentlichkeit drang.

Andere Schauspielstars wie George Clooney, Meryl Streep oder Matt Damon inszenierten sich bei jeder Gelegenheit als moralisches Gewissen der gesamten westlichen Hemisphäre – von den Übergriffen ihrer Kollegen, die in der Branche seit Jahren ein offenes Geheimnis ­waren, wollen sie aber alle nichts mitbekommen haben. Ebenfalls nichts gewusst haben will Bono Vox, Sänger der Band U2 und eifrigster Verkünder der politisch korrekten Botschaft, als er letzte Woche durch die Paradise Papers ­erfuhr, dass seine Millionen zwecks Steuervermeidung bei Offshorefirmen parkiert sind. Nicht viel besser sind, und das soll hier keinesfalls vorenthalten werden, auch manche Journalisten: Kürzlich entliess das britische Männermagazin «GQ» einen ihrer bekanntesten Autoren, weil er Frauen regelmässig und teils gewaltsam ­sexuell belästigt haben soll – während er gleichzeitig darüber schrieb, wie sich ein moderner, aufgeklärter und femi­nistischer Mann dem anderen Geschlecht gegenüber zu verhalten habe. Und was für rückständige Neandertaler alle seien, die nicht auf ihn ­hören wollten.

«Von den Übergriffen ihrer Kollegen, die in der Branche seit Jahren ein offenes Geheimnis ­waren, wollen sie aber alle nichts mitbekommen haben.»

Heuchelei oder moralische Widersprüchlichkeit – heutige Erzieher würden wohl von über­proportionaler Verhaltensoriginalität reden – ­beschränken sich allerdings längst nicht auf das politisch linke Lager. Anfällig sind auf der anderen Seite vor allem die Frömmler, wie zum ­Beispiel der amerikanische Richter und republi­kanische Senatskandidat Roy Moore, dem letzte ­Woche die sexuelle Belästigung mehrerer junger Frauen, darunter einer 14-Jährigen, vorgeworfen wurde. Moore hatte sich zuvor in seiner Karriere den Ruf eines prinzipientreuen Gesetzeshüters und evangelikalen Puritaners erarbeitet, der in seinem Büro eine Holztafel mit den 10 Geboten hängen hatte.

Vorsicht ist angesagt, sobald jemand allzu ­obsessiv den moralischen Zeigefinger erhebt und sich anmasst, über andere zu urteilen. Nicht selten haben die lautesten Gutmenschen die grössten Defizite, sind die Toleranzverfechter ­selber am intolerantesten, haben die frommsten Frömmler die perversesten Fantasien, sind die eifrigsten Schwulenhasser selber schwul. Ob sie mit ihrem Verhalten unterbewusst etwas kompensieren, es gezielt zur Ablenkung einsetzen oder einfach nur unverfroren und rücksichtslos handeln, ist aus psychologischer Sicht hoch­interessant – aber unerheblich. Besser ist die Welt noch immer geworden, wenn jede und ­jeder ­zuerst bei sich selber beginnt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.11.2017, 21:46 Uhr

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