Wachablösung beim Rohstoffriesen

Glencore-Chef Ivan Glasenberg plant seinen Rücktritt – potenzielle Nachfolger bringen sich in Stellung.

Kontrolliert Glencore mit eiserner Hand: Ivan Glasenberg. Foto: Keystone

Kontrolliert Glencore mit eiserner Hand: Ivan Glasenberg. Foto: Keystone

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Wer folgt auf Glencore-Chef Ivan Glasenberg? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Mitarbeiter des Baarer Konzerns, sondern auch Glencore-Investoren und -Analysten – und nicht zuletzt die Konkurrenz. Ausgelöst hat die Nachfolgefrage Glasenberg an einer Investorenkonferenz Anfang Januar. Das Unternehmen stehe «vor einem Generationenwechsel». Er wolle den Konzern «nicht als alter Mann» führen.

Will der mächtige und streitbare Konzernchef tatsächlich in Rente gehen? Das ist schwer zu glauben. Der rastlose Wirbelwind aus Südafrika wird am kommenden Dienstag 63 Jahre alt. Branchenkenner vermuten, dass Glasenberg nicht wirklich den Vorruhestand anstrebt, sondern dass seine Überlegungen Teil einer raffinierten Unternehmensstrategie sind, die es ihm erlaubt, auch künftig die Zügel in der Hand zu halten – etwa als Verwaltungsratspräsident, der seine Hinterlassenschaft sichern will. Dies hält zum Beispiel Analyst Aleksey Chuhay von Alliance Bernstein für eine Option.

Wo auch immer Glasenberg schlussendlich landet – ein Wechsel an der Spitze des Unternehmens ist nur eine Frage der Zeit. Ob der Chef seinen Posten demnächst oder in ein paar Monaten abgibt, ist dabei sekundär. Seine Andeutung eines Generationenwechsels ist ein klarer Fingerzeig, dass er seine Nachfolge vorbereitet und Kandidaten im Auge hat.

Das sind die Kandidaten für Glasenbergs Nachfolge

Gary Nagle: Der 44-jährige Chef der globalen Glencore-Kohleoperationen dürfte gute Chancen haben. Er vertritt seit fünf Jahren in Kolumbien die Glencore-Interessen und generierte dabei 2018 einen Umsatz von einer Milliarde Dollar. Wie Glasenberg hat er an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg studiert.

Laut dem Fachportal «Global Mining Observer» griff er auch schon einmal hart durch, als er 1000 Mitarbeiter in einer südafrikanischen Chrommine feuerte und von den Gewerkschaften verlangte, sich an die Hausregeln zu halten. Nagle agiert wie Glasenberg als knallharter Manager, was seinem Chef imponieren dürfte.

Kenny Ives: Der Chef der Nickelsparte ist seit dem Börsengang des Konzerns Milliardär und hat ebenfalls gute Karten. Seit 1998 arbeitet er für Glencore. Ives ist Absolvent des Brighton College, zahlte die Studiengebühren in bar aus einer Supermarkt-Plastiktüte und wollte ursprünglich Lehrer werden. Wenn die Glencore-Manager traditionell Anfang August zum Golfspielen fliegen, ist der 42-jährige Ives dem Vernehmen nach jeweils der Erste, der abschlägt.

Mit neuem Management kann Glasenberg bei einer Verurteilung auf die jüngere Generation mit neuem Verantwortungsbewusstsein verweisen und wäre aus dem Schneider.

Paul Smith: Der 46-jährige Strategiechef spielt derzeit den Aufräumer bei der Glencore-Tochter Katanga Mining in der Demokratischen Republik Kongo (DRC). Der Oxford-Absolvent hat einen direkten Draht zu Ivan Glasenberg und spielte 2015 eine wichtige Rolle, als Glencore aufgrund des Schuldenbergs und zusammenkrachender Rohstoffpreise in eine Krise schlitterte.

Smith schaffte es, die Banken hinzuhalten, eine Dividendenzahlung von 2,5 Milliarden Dollar zu streichen und 12 Milliarden Schulden in nur einem Jahr abzubauen.

Alex Sanna: Der für den Bereich Erdölverarbeitung zuständige Italiener gehört mit 37 Jahren zur jüngeren Garde. Er liefert mit seiner Sparte ein Drittel des Glencore-Umsatzes, wurde aber erst im Juni zum Nachfolger des Glencore-Veteranen Alex Beard ernannt. ­Beard verliess den Konzern ebenso wie das Schwergewicht Aristotilis Mistakidis, der die Kupfersparte geleitet hatte. Ihr Abgang wurde im Zusammenhang mit den heiklen Untersuchungen des US-Justizministeriums, der US-Derivateaufsicht und der britischen Strafermittlungsbehörde wegen Geldwäsche- und Korruptionsverdacht im Kongo, in Nigeria und Venezuela gesehen.

Diese Altlasten und Ermittlungen werden Glasenbergs Nachfolger noch viel beschäftigen – zumal auch die Schweizer Nichtregierungsorganisation Public Eye schon 2017 eine Strafanzeige wegen mutmasslich korrupter Aktivitäten im Kongo eingereicht hat. Mit neuem Management kann Glasenberg bei einer Verurteilung auf die jüngere Generation mit neuem Verantwortungsbewusstsein verweisen und wäre aus dem Schneider.

Dank Xstrata-Kauf zum grössten Rohstoffkonzern der Welt

Egal wer das Rennen macht – er oder sie tritt in grosse Fussstapfen. Ivan Glasenberg ist mehr als ein Urgestein des Rohstoffhandels, er hat einen Giganten aufgebaut. Seit 2002 kontrolliert er Glencore mit eiserner Hand, nachdem Firmengründer Marc Rich entmachtet worden war. Schon immer hatte Glasenberg den Plan gehegt, den grössten Rohstoffkonzern der Welt zu schaffen. Das gelang schliesslich mit der Übernahme des Bergbauriesen Xstrata.

Der Konzern beschäftigt heute mehr als 150'000 Mitarbeiter weltweit und erzielt einen Jahresumsatz von rund 220 Milliarden Dollar. Der Börsengang 2011 machte Glasenberg zum Multimilliardär.



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Erstellt: 05.01.2020, 16:40 Uhr

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