Wann stoppt die SVP Andreas Glarner?

Die Parteileitung glaubt, mit dem Politrowdy die sogenannt einfache Landbevölkerung zu erreichen. Ein folgenschwerer Trugschluss.

Rüpel mag auch auf dem Land niemand. SVP-Mann Andreas Glarner. Illustration: Kornel Stadler

Rüpel mag auch auf dem Land niemand. SVP-Mann Andreas Glarner. Illustration: Kornel Stadler

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Sie werden es einfach wieder aussitzen. Wie immer, wenn SVP-Nationalrat Andreas Glarner übergriffig geworden ist, ducken sich die Parteichefs weg. Ob Präsident Albert Rösti, Fraktionschef Thomas Aeschi oder Übervater Christoph Blocher: Von keinem hat man gehört, dass er sich distanziert oder Glarner gar für seine jüngste, bislang krasseste Ausfälligkeit zurechtgewiesen hätte.

Kein Wunder, macht der Mann immer weiter. Nach diversen fragwürdigen Auftritten im in- und ausländischen Fernsehen sowie zahlreichen geschmacklosen Aktionen in den sozialen Medien – er bot Kopfgeld für einen Sozialhilfe-Empfänger oder veröffentlichte eine Liste mit Namen ausländischer Schulkinder – setzte der Aargauer Nationalrat diese Woche noch einen drauf:

Zusammen mit dem Aufruf, ihr gehörig die Meinung zu sagen, postete er auf Facebook den Namen, die E-Mail-Adresse und die Handynummer einer Lehrerin, die sich erlaubt hatte, muslimische Schüler daran zu erinnern, dass sie zum Fest des Fastenbrechens freinehmen können. Die Junglehrerin, gerade mal ein Jahr im Beruf, wurde daraufhin mit Dutzenden gehässigen Anrufen eingedeckt und konnte nicht mehr zur Arbeit erscheinen. Erst nach einer Intervention der Schulbehörden war Glarner bereit, die Daten zu löschen. Eine Entschuldigung hält er nicht für nötig.

Ein gewählter Nationalrat, der öffentlich zur Hetzjagd auf eine junge Lehrerin aufruft: Ist das noch Politik oder schon ein Fall für den Richter? Lehrerin und Schulbehörden prüfen rechtliche Schritte. Die SVP setzt mit ihrem Schweigen offenbar darauf, dass die Leute den Vorfall vergessen – und sich irgendwie an Glarner gewöhnen. Dass sie den Mann aus Oberwil-Lieli zu einer Art Politclown verniedlichen, der vielleicht mal übers Ziel hinausschiesst, der eigenen Sache aber willkommene Aufmerksamkeit verleiht.

Tatsächlich erstaunt es, wie demonstrativ die Partei die Sache vernachlässigt. Nicht nur das Problem Glarner selbst – sondern auch, wofür der Mann und sein Verhalten stehen: den grassierenden Onlinehass, insbesondere gegen Frauen, denen mit Gewalt bis hin zur Gruppenvergewaltigung gedroht wird. Wie es scheint, hat die SVP kein Problem damit, dass ihr eigener Nationalrat diese Meute legitimiert, ja selber vorangeht und zum Halali bläst auf eine junge Frau.

Für eine Partei, die sich als grösste des Landes etabliert hat, ist das alles beschämend.

Für eine Partei, die sich als grösste des Landes etabliert hat, ist das alles beschämend. Es zeigt aber auch, woran die SVP, in der es zunehmend brodelt, seit längerem krankt: Die mittlerweile fast vollständig akademisierte Parteileitung denkt wirklich, mit Glarner die sogenannt einfache Landbevölkerung zu erreichen. Ganz so, als ob dort draussen hinter den Bergen alles dumpfe, rassistische und sexistische Pöbler lebten, die am SVP-Oberpöbler Gefallen finden.

Es ist eine Geringschätzung der eigenen Wählerschaft, die nicht ohne Folgen bleiben wird: Zwar gewinnt die SVP im Herbst mit Aushängeschild Glarner sicher den einen oder anderen Joggel und Toggel dazu. Ein immer grösser werdender Teil hingegen wendet sich angewidert ab.

Falls es die Studierten in der SVP nicht wissen: Rüpel mag auch auf dem Land niemand. Zwar begegnet man sich mitunter unverblümter und direkter, dennoch gelten auch dort die gängigen Regeln von Anstand und Respekt. Gutschweizerisch eben, wie es gerade in der SVP immer so gern heisst.

In der Parteileitung waren sie von Rowdy Glarner derart überzeugt, dass sie ihn sogar zum Asylchef beförderten – eine Rolle, in der er zusätzliche Medienpräsenz erhält. Man muss sich das vorstellen: Jahrelang hatte die Partei dafür gekämpft, dass die Ausländerpolitik aus der Schmuddelecke kommt, in die sie von ihren politischen Gegnern stets gedrängt worden war. Und als das Thema endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und mit der gebotenen Wichtigkeit, Vernunft und Seriosität angegangen wird – macht die SVP ihren Verhaltensauffälligen zum Dossierchef.

Wie wegweisend der Entscheid ist, zeigt sich im Vergleich mit Glarners Vorgänger Heinz Brand. Der Bündner Nationalrat und langjährige Chef der kantonalen Migrationsbehörden war in Ausländerfragen eine Kapazität, die weit über die Parteigrenzen hinweg Anerkennung fand. Wirkte Brand stets souverän, glaubwürdig und sympathisch, hat Glarner das Ausländerthema innert kürzester Zeit wieder unappetitlich gemacht.

Es ist grotesk: Die SVP zementiert eigenhändig das Klischee, dass irgendwie rückständig und herzlos sein muss, wer mit ihrer Politik einverstanden ist. Immerhin das erreichen die Parteichefs mit ihrem Schweigen eindrücklich.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.06.2019, 10:07 Uhr

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