Warum wir trotz mehr freier Zeit weniger Freizeit haben

Über das Phänomen, dass sich ungeachtet aller Erleichterungen viele Menschen gestresster denn je fühlen.

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Begegnen sich zwei Bekannte im Tram, sie kennen sich von früher. Small Talk. «Meld dich mal, dann treffen wir uns auf einen Lunch.» – «Mach ich! Hab gerade Stress im Büro, aber wir bleiben in Kontakt.»

Er wird sich nie melden, sie wird nie nachfragen. Weil unsere innere Pendenzenliste so lang ist, dass Verabredungen mit entfernten Bekannten irgendwo weit hinten landen. Wir haben ja so viel zu tun. Endlich mal wieder lesen, Sport treiben – irgendwas bleibt immer liegen. Auch im Büro: Die aktuelle Gesundheitsbefragung des Bundes zeigt, dass Schweizer zunehmend unter Stress im Job leiden. Und fast jede und jeder Fünfte arbeitet mehrmals pro Woche in der Freizeit weiter.

Bloss: Wir hatten selten mehr Freizeit als heute. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind die Arbeitstage kürzer geworden, es gibt mehr Teilzeitstellen und längere Ferien. Und dass Maschinen unsere Arbeit verrichten, hat auch angenehme Seiten, etwa wenn der Geschirrspüler den Abwasch übernimmt. Warum also diese diffuse Überforderung?

«Zeitliche Fixpunkte, die uns zwingen, den Tag zu planen, gibts fast nicht mehr.»

Das Problem ist nicht, dass wir zu viele Termine haben – sondern zu wenige. Zeitlimiten haben sich in unserem Alltag praktisch abgeschafft. Läden sind sonntags nicht mehr geschlossen, Rechnungen bezahlen wir abends auf dem Sofa und mailen dabei gleich noch dem Kunden, den wir früher zu Bürozeiten hätten anrufen müssen. Immer dran, aber nie ganz fertig.

Zeitliche Fixpunkte, die uns zwingen, den Tag zu planen, gibts fast nicht mehr. Das stresst. Denn die meisten von uns sind ziemlich schlecht im Strukturieren. Oder was tun Sie, wenn Sie unerwartet etwas mehr Zeit haben? Wahrscheinlich eine Viertelstunde länger im Bett liegen bleiben, nochmals durchs Handy scrollen.

Dass wir viel zu wenig Zeit haben, kann leider niemand behaupten. Nur gelingt es uns oft nicht, diese Zeit sinnvoll zu nutzen und einzuteilen.



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Erstellt: 08.09.2019, 00:06 Uhr

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