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Was die Schweiz einzigartig macht

Die Schweiz war keine Kriegsgewinnlerin aus Kalkül. Eine Kurzgeschichte des Landes.

Die guten Institutionen: Landsgmeinde in Appenzell. Foto: Keystone
Die guten Institutionen: Landsgmeinde in Appenzell. Foto: Keystone

Die Schweiz ist ein Dauererfolgsmodell. Wer denkt, sie sei erst nach 1950 reich und glücklich geworden, liegt falsch. Sie war schon vor 1800 sehr erfolgreich. Deshalb startete hier auch die industrielle Revolution schon sehr früh. Aber war die Schweiz im 19. Jahrhundert nicht ein Auswanderungsland? Ja, aber aus ganz Europa wanderten die Menschen aus – nach Amerika. Die Passagen waren teuer, und die Schweizer konnten sie sich besser leisten als andere.

Woher kommt der nachhaltige Erfolg der Schweiz? Natürlich von besserer Politik dank besserer politischer Institutionen, insbesondere direkter Demokratie und kleinräumigem Föderalismus. Diese Institutionen entstanden zwar erst ab 1850 in ihrer heutigen Form. Aber die Schweiz war im internationalen Vergleich schon immer «demokratisch» und dezentralisiert.

Weshalb aber wurden diese guten Institutionen nicht unterlaufen? Viele Politiker hätten sie ja nur zu gerne ausgeschaltet. Das gelang ihnen aus drei Gründen nicht: Direkte Demokratie und Föderalismus stützen sich gegenseitig; manche Politiker haben die guten Institutionen heldenhaft verteidigt; und eine wirklich gute Gelegenheit fehlte. Die beste Gelegenheit, alles zu zentrali­sieren und die Volksrechte einzuschränken, ist Krieg. Den aber gab es in der Schweiz nicht.

«Glaubwürdig neutral kann ein Land nur dann sein, wenn es enge Verbindungen mit beiden Kriegsgegnern hat»

Weshalb wurde die Schweiz seit Napoleon nicht mehr in Kriege hineingezogen? Neben Glück war es vor allem ihre glaubwürdige Neutralität. Glaubwürdig neutral kann ein Land nur dann sein, wenn es enge Verbindungen mit beiden Kriegsgegnern hat. Das hatte die Schweiz dank Mehrsprachigkeit und kultureller Spaltung. Oder verkürzt: Die Schweiz ist vor allem deshalb nicht in die drei Deutsch-­Französischen Kriege ab 1870, 1914 und 1939 ­hineingerutscht, weil sie sich nicht entscheiden konnte, auf welche Seite sie sich schlagen soll. Sobald schweizerdeutsche Heisssporne einen Pakt mit Deutschland anstrebten, bremsten die Welschen hart. Wenn welsche Heisssporne einen Pakt mit Frankreich anstrebten, bremsten die Deutschschweizer hart. (Natürlich waren auch die Tessiner und die Räto­romanen wichtig.)

Weshalb aber ist das Land nicht an seiner Vielfalt und Spaltung zerbrochen? Ah, da sind sie wieder, die guten Institutionen. So viel kulturelle Vielfalt ist nur fruchtbar und nachhaltig, wenn direkte Demokratie und Föderalismus die Spannungen ausgleichen. Anderenfalls können letztere allzu leicht für hässliche Ziele missbraucht werden.

«Grundlegende Meinungsunterschiede machen reich und glücklich»

Daraus folgt: Die Schweiz war keine Kriegs­gewinnlerin aus Kalkül und Opportunismus. Sie war es aufgrund ihrer fruchtbaren Spaltung. Sie konnte mit beiden Seiten halbwegs koope­rieren, aber genau deshalb mit keiner ganz. Für eine rosige Zukunft muss die Schweiz vielsprachig und vor allem kulturell vielseitig bleiben (aber nicht zu multikulti werden). Dafür sollten viele Bürger die Sprache der anderen Landesteile nutzen können. Aber Vorsicht: Es sollten sich ja nicht alle perfekt verstehen. Grundlegende Meinungsunterschiede machen reich und glücklich, insbesondere, wenn es darum geht, gegen wen und was man in den Krieg ziehen soll.

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