Weibchen mit Killer-Instinkt

Säugetiermütter bringen Kinder von Konkurrentinnen um, um ihren Nachwuchs besser durchzubringen.

Erdmännchen: Liebevolle Mutter – aber wenn ihre Jungen bedroht sind, tötet sie sogar ihre Enkel. Foto: PA Images/Getty Images

Erdmännchen: Liebevolle Mutter – aber wenn ihre Jungen bedroht sind, tötet sie sogar ihre Enkel. Foto: PA Images/Getty Images

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Wer bisher dachte, Weibchen kümmern sich stets hingebungsvoll um die eigenen und womöglich auch um die Jungen ihrer Artgenossen, wird überrascht sein: Von mehr als 90 Säugetierarten ist bekannt, dass Mütter Jungtiere töten – von Konkurrentinnen. Der Infantizid sei bei weiblichen Säugetieren weit verbreitet, quer durch zahlreiche Arten, schreiben Dieter Lukas vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und von der Universität Cambridge und seine Kollegin Elise Huchard von den Universitäten ­Montpellier und Cambridge im Fachjournal «Philosophical Transactions B».

Die beiden Verhaltensforscher Lukas und Huchard ergründeten in einer umfassenden Übersichtsstudie, warum sich dieses aussergewöhnliche Verhalten in der Evolution entwickelt hat. Am Überraschendsten ist, dass die Weibchen nicht einmal vor Verwandten haltmachen. So haben Zoologen bei Erdmännchen entdeckt, dass bei den im südlichen Afrika heimischen Säugetieren sogar Grossmütter dem Leben ihrer Enkel ein Ende setzen oder Tanten demjenigen ihrer Nichten und Neffen.

Die berühmte Schimpansenforscherin Jane Goodall hielt das Meucheln von Nachkommen für «pathologisch», als sie im Gombe-Nationalpark in Tansania beobachtete, wie zwei Weibchen Jungtiere töteten. Das war in den 1970er-Jahren. Seit dem sind zahlreiche weitere Fälle von Kindstötungen bei Säugetieren beschrieben worden, unter anderem bei Mäusen, Hasen, Eichhörnchen, Raubkatzen, Wölfen, Bären oder Lemuren.

Murmeltiermütter töten bei unwirtlichen Bedingungen

Gut erforscht ist dieses Verhalten bisher bei Männchen. «Sie tun es aber nicht, um den Hunger zu stillen», sagt Lukas. Der Grund ist ein anderer: Vor allem in hierarchischen Tiergesellschaften mit Alphamännchen, etwa bei Löwen, kommt es vor, dass ein Herausforderer die Nachkommen des Vorgängers tötet. Dadurch werden die Weibchen des Rudels schneller wieder fruchtbar. Hat das neue Leittier die Gruppe übernommen, zieht es fortan die eigenen Jungen gross – nicht die seines ­Vorgängers. Auch bei Pavianen, Delfinen oder Bären töten Männchen die Jungen ihrer Widersacher.

Um ihren Nachwuchs zu schützen, haben die Mütter daher verschiedene Strategien entwickelt: Zu kämpfen ist eine Möglichkeit, die andere ist, sich mit möglichst vielen Männchen zu paaren, sodass diese nicht sicher sein können, ob die Neugeborenen von ihnen selbst stammen.

Die Kindstötung tritt häufiger bei Arten auf, bei denen viele Weibchen eng beieinander leben. 

Um so verblüffter waren die Zoologen, als sie weibliche Tiere dabei beobachteten, wie sie Nachkommen umbrachten. «Dieses Verhalten ist nicht einfach zu erklären», sagt Lukas. Während sich der Infantizid bei Männchen in erster Linie wegen der Konkurrenz um Paarungspartner entwickelt hat, sind die Gründe bei den Weibchen komplexer. Die Forscher analysierten deshalb, in welchen Situationen Weibchen der verschiedenen Tierarten Nachkommen gefährlich werden. Dabei fanden sie heraus, dass beispielsweise mehr Sprösslinge durch Weibchen umkommen, wenn die klimatischen Lebensbedingungen der Tiere unwirtlich sind. So vergreifen sich in kalten Regionen Eisbärenweibchen oder Murmeltiermütter am Nachwuchs von Konkurrentinnen – in heissen Gefilden sind es zum Beispiel afrikanische Wildhunde.

Zudem tritt die Kindstötung häufiger bei Arten auf, bei denen viele Weibchen eng beieinander leben und ihre Jungen in unmittelbarer Umgebung grossziehen, wie etwa in grossen Robbenkolonien. Manch ein Robbenbaby, das bei der falschen Mutter versucht, Milch zu saugen, muss das Versehen mit dem Leben bezahlen.

Generell fanden Forscher aber bei jeder Lebensweise von Säugetieren Kindstötungen, sofern die geopferten Jungen den eigenen Fortpflanzungserfolg erhöhen. Ein Beispiel ist eine Hörnchenart aus dem Westen der USA, das Belding-Ziesel. Diese Nager leben solitär und bringen hilflose Jungtiere zur Welt. Eine leichte Beute für Weibchen, die den Nachwuchs im Nachbarbau ausmerzen wollen. Da die nun kinderlose Hörnchen-Mutter oftmals daraufhin das Territorium verlässt, dient das Verhalten der Aggressorin vermutlich dazu, den Lebensraum für die Aufzucht der eigenen Jungen zu vergrössern.

In der Regel pflanzt sich nur das dominante Paar fort

Sind diese Beispiele noch nachvollziehbar, also dass Weibchen dem Nachwuchs von Konkurrentinnen den Garaus machen, so stellte das Verhalten von Erdmännchen die Forscher erst einmal vor ein Rätsel. «Bei den Erdmännchen herrscht eine strenge Hierarchie», sagt Lukas. In der Regel pflanzt sich nur das dominante Paar fort, also ein älteres, erfahrenes Weibchen mit einem ebenso erfahrenen Männchen. «Gebären rangniedrigere Weibchen Junge, so überleben das 85 Prozent der Kleinen nicht», sagt Lukas. Das dominante Weibchen beisst sie tot – selbst die eigenen Enkel. Die Nachkommen ihrer Tochter sind Konkurrenten der eigenen Jungen.

Generell profitierten weibliche Säugetiere davon, in Gruppen ihren Nachwuchs gemeinsam aufzuziehen, schreiben Lukas und Huchard. Einzig, wenn die Konkurrenz in der Lebensgemeinschaft zu stark werde, kippe der Vorteil der gemeinsamen Aufzucht der Jungen gegenüber ihrer Regulierung durch Kindstötung.

Für ihre Studie haben Lukas und Huchard die Daten von über 280 Säugetierarten ausgewertet – bei 90 Arten ist der Infantizid von Weibchen beschrieben, bei 120 der von Männchen. Insgesamt gibt es mehr als 5000 Säugetierarten. Gut möglich also, dass bei weiteren Arten Mütter die Nachfahren von Artgenossen blutig beseitigen.



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Erstellt: 17.08.2019, 18:19 Uhr

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