Weiblich und übergriffig

Eine der führenden Frauen der #MeToo-Bewegung wird von mehreren Männern der sexuellen Belästigung beschuldigt.

Die «Person of the Year 2017»-Ausgabe des «Time»-Magazins feierte die #MeToo-Bewegung – unter anderen Cristina Garcia (rot eingekreist). Foto: PD

Die «Person of the Year 2017»-Ausgabe des «Time»-Magazins feierte die #MeToo-Bewegung – unter anderen Cristina Garcia (rot eingekreist). Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Snowboarder Shaun White hatte Glück: Als durchsickerte, dass er sich letztes Jahr mit der Schlagzeugerin seiner Band aussergerichtlich geeinigt hatte, weil er sie sexuell belästigt haben soll, gewann er gerade Gold in Pyeongchang – und die Medien mochten nicht so recht nachfragen, was es denn damit auf sich gehabt habe.

Der Co-Gründer der Jeans-Marke Guess, Paul Marciano, konnte nicht auf solch mildernde Umstände hoffen; er ist nach Anschul­digungen zweier Models wegen sexueller Belästigung Anfang letzter Woche von seinem Posten zurückgetreten. Ebenfalls in Ungnade gefallen ist Patrick Demarchelier, der damals das berühmte Titelbild von Lady Di im schwarzen Rollkragenpulli gemacht hatte; er darf ab sofort nicht mehr für die «Vogue» arbeiten, weil er ebenfalls Models belästigt haben soll.

Aber die #MeToo-Welle erfasste in den vergangenen zwei Wochen nicht nur Männer, sondern erstmals auch eine Frau. Und zwar ausgerechnet Cristina Garcia. ­Garcia ist demokratische Abgeordnete des Bundesstaates Kalifornien und eine der führenden Stimmen von #MeToo. Das «Time»-Maga­zin zählte sie in seiner «Person des ­Jahres 2017»-Ausgabe neben Ange­lina Jolie, Rose McGowan und Alyssa Milano zu den Silence Breakers, also zu jenen Frauen, die der ­#MeToo-Bewegung mit ihrer prominenten Stimme internationale Durchschlagskraft verliehen hatten.

Kollegen öffentlich in den Senkel gestellt

Cristina Garcia hatte sich als Politikerin schon lange davor gegen sexuelle Belästigung eingesetzt. Und mit Vorliebe Kollegen öffentlich per Twitter in den Senkel gestellt, wenn ruchbar geworden war, dass diese sich Frauen gegenüber unangemessen verhalten hatten. Sie weigere sich, mit solchen Männern zusammenzuarbeiten, schrieb sie etwa, oder dass Alkohol keine Entschuldigung sei für ungebührliches Benehmen.


Bilder: Die Fälle der #metoo-Welle


Und jetzt das. Anfang Februar berichtete das amerikanische Magazin «Politico», ein ehemaliger Arbeitskollege – der sich mit Namen zitieren liess – beschuldige Garcia, ihn 2014 nach einem feuchtfröhlichen Abend in den Hintern gekniffen und ihm in den Schritt gefasst zu haben.

Er sei geschockt gewesen, habe das aber nicht gemeldet, sondern erst über ein Jahr später seinem ehemaligen Chef, einem Abgeordneten, erzählt, der es wiederum an die entsprechenden Stellen weitergeleitet habe. Ein zweiter Mann, der anonym blieb, erklärte im selben Artikel, er sei 2017 von Garcia ebenfalls unsittlich angegangen worden.

Garcia ist mittlerweile im unbezahlten Urlaub

Aufgrund dieser beiden Fälle meldeten sich weitere Männer, die alle angaben, von Garcia körperlich oder verbal belästigt worden zu sein; vor allem, wenn sie Alkohol getrunken habe, sei die Politikerin regelmässig aus der Rolle gefallen. Ein ehemaliger Mitarbeiter gab an, Garcia habe ihn nach einem Spendenanlass in ihr Hotelzimmer eingeladen, um gemeinsam das Flaschenspiel zu spielen. Er habe abgelehnt; zwei Tage später sei er unter Angabe von fadenscheinigen Gründen entlassen worden.

Mittlerweile, so die «Washington Post», hätten sich beim Untersuchungsausschuss der Abgeordnetenkammer acht Betroffene gemeldet. An den Vorwürfen sei nichts dran, verteidigte sich Garcia in den sozialen Medien, es handle sich vielmehr um eine ­orchestrierte Schmutzkampagne. Inzwischen hat sie unbezahlten Urlaub genommen.

Kurz: Das Ganze läuft trotz ungewohnter, weil umgekehrter Geschlechterkonstellation ab wie sonst auch: Die Opfer schweigen lange, bevor sie sich getrauen, darüber zu reden, und wenn sie es tun, dann oft nur anonym, und die beschuldigte Person streitet erst einmal alles ab.

Erstellt: 24.02.2018, 21:33 Uhr

Artikel zum Thema

«Nehmen wir Frauen nur ernst, wenn sie keine Haut zeigen?»

Interview Schwarze Kleider, weisse Rosen – #MeToo ist auf dem roten Teppich angekommen. Dazu eine Designerin, die die Macht der Mode kennt. Mehr...

«Jetzt bahnt sich die Wut ihren Weg»

Interview IWF-Chefin Christine Lagarde erklärt ihre Leidenschaft für die #MeToo-Debatte. Das Problem von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz sei unter den Teppich gekehrt worden. Mehr...

Dating-Regeln bei der Arbeit: Wer zweimal fragt, ist raus

US-Konzerne haben ihre Dating-Regeln angepasst – auch angesichts der #MeToo-Bewegung. Und wie sieht es in der Schweiz aus? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...