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Weihnachtszeit ist Unfallzeit

Jährlich verunfallen über 50'000 Skifahrer. Das verursacht grosse Kosten. Was auffällt: Die schweren Verletzungen nehmen zu.

Mägisalp im Berner Oberland, 1710 Meter über Meer, es schneit, Menschen stehen im Tiefschnee und schauen zum Himmel. «Rega 10, bitte kommen, wir sind bei der Talstation Mägisalp, leichter Westwind», sagt die Frau mit dem SOS-Schriftzug auf dem Rücken. Dann knarzt eine Stimme aus dem Funkgerät: «Rega 10, verstanden, in einer Minute bei euch.»

Es dröhnt am Himmel, ein Helikopter der Schweizerischen Rettungsflucht (Rega) taucht aus den Wolken auf und landet. Die Frau geht in die Knie, einen Moment später verschwindet sie im Schneesturm. Ohne jemanden aufgeladen zu haben, hebt der Helikopter wieder ab. Nur eine Übung der Schweizer Pistenpatrouilleure, die sich oberhalb Meiringens eine Woche lang weiterbilden und für den Ernstfall üben. Sie lernen mit ihren wichtigsten Kunden umzugehen: den Verletzten. Sie transportieren sie in Schlitten ab, laden sie in den Helikopter oder trainieren, ein kaputtes Knies richtig zu lagern.

Jedes Jahr verletzen sich auf den Pisten Tausende Menschen, Tendenz steigend. Waren es 2000 noch 46'000 verletzte Skifahrer, sind es im Jahr 2014 rund 54'000, dies steht in einer Studie der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Die Zunahme von 20 Prozent erstaunt - vom BfU kommt sogleich Entwarnung, im gleichen Zeitraum habe auch die Zahl der Schweizer Skifahrer zugenommen. Viele von ihnen fahren mittlerweile auch im Ausland, darum verletzen sich 15 Prozent aller Verunfallten auf ausländischen Pisten. Es sei folglich festzuhalten: Das Risiko auf der Skipiste habe nicht zugenommen.

Ein Anfänger fährt heute mit 60 km/h die Piste runter

Doch im Gespräch mit den Patrouilleuren auf der Mägisalp wird klar: Der Grad der Verletzung hat sich verändert. «Die Verletzungen sind gravierender geworden», sagt Ausbildungschef Romano Pajarola: «Die Skifahrer fahren heute viel schneller als früher.» Die Pisten seien heute breiter und besser präpariert, Unebenheiten zudem verschwunden - das lädt ein zum Beschleunigen. Selbst ein Anfänger kann mit 60 km/h ins Tal jagen. Er trägt Ski an den Füssen, die er nicht immer beherrscht hat. Verliert er die Kontrolle, resultieren oft fürchterliche Blessuren.

Ein Anruf bei den Chirurgen im Kantonsspital Graubünden in Chur bestätigt Pajarolas Eindruck. Chefarzt Thomas S. Müller sagt: «Früher waren Schwerverletzte auf den Pisten eine Seltenheit, heute sind sie fast ein Normalfall.» Waren es einst einfach simple Brüche, sind die Frakturen heute komplex. Der Schienbeinkopfbruch gehört zum Alltag wie auch der Trümmerbruch des Oberarmkopfes.

Dazu häufen sich die Wirbelsäulenblessuren, die oft in den neu entstandenen Snow-Parks geschehen. Konnte man vor Jahren laut BfU meist noch dilettantisch gebaute Hindernisse dafür verantwortlich machen, liegt es heute vor allem an der erhöhten Risikobereitschaft der meist jüngeren Fahrer. Rund 5 Prozent aller Skifahrer und 15 Prozent aller Snowboarder verunfallen hier. Allen Unfällen zum Trotz, für Chirurg Müller beginnt in diesen Tagen eine schöne Zeit: Er operiert gerne. Er bekommt Arbeit. Bis zu viermal mehr Patienten als gewöhnlich werden ab dem ersten Weihnachtstag mit Ambulanz und Helikopter in die Schweizer Spitäler eingeliefert.

In den Skigebieten gibt es einen Trend zurück: Gäste wünschten sich wieder vermehrt Pisten, die nicht Autobahnen glichen und darum in der Dauer langweilig würden, sagt Pajarola. Der Bündner war selbst 30 Jahre lang Pistenpatrouilleur in Davos, zuletzt als Chef der Equipe. Er hat Menschen aus Lawinen geborgen, er hat Betrunkene ins Tal begleitet, er hat einfach auch nur die Pisten gesichert. «Das ist der grössere Teil unseres Jobs», sagt er. Seit diesem Jahr arbeitet er für den Verband Seilbahnen Schweiz und kümmert sich um die Aus- und Weiterbildung.

In einem Theoriesaal in Meiringen hören die 50 Pistenpatrouilleure von einem Rega-Mitarbeiter, wie sie einen Helikopter alarmieren, wie und wo sie ihn einweisen sollen: Möglichst auf flachem Untergrund, das Gefälle darf nicht mehr als 10 Prozent betragen, sonst rutscht der Hubschrauber ins Tal - alles schon passiert. «Und ihr sollt unbedingt den Unfallort sichern», sagt der Dozent, «beim Verletzten und am Helikopter hat ein Löli aus dem Unterland nichts zu suchen.» «Ein Zürcher wohl», ruft es aus dem Plenum. Gelächter im Saal.

650 Millionen Franken Kosten pro Jahr

Nicht nur die Schwere der Verletzungen hat zugenommen, sondern auch die Kosten sind gestiegen. Die Unfallversicherungsgesellschaft Suva spricht von einer Zunahme von 50 Prozent seit dem Jahr 2000. Laut BfU haben verunfallte Skifahrer im Jahr 2013 583,5 Millionen Franken gekostet, die Snowboarder rund 70 Millionen. Zum Vergleich: Im Fussball waren es 2006 240 Millionen Franken. In diesen Beträgen sind auch die Kinder, Studenten, nicht erwerbstätige Hausfrauen und -männer sowie Pensionierte enthalten, deren Kosten die Suva nicht erhebt. Die Gründe für die Zunahme sind zahlreich: Einerseits ist das Durchschnittsalter der Verunfallten gestiegen, andererseits sind auch die Gesundheitskosten und Löhne gewachsen. Letzteres führt zu höheren Taggeldern, die den Verletzten ausbezahlt werden müssen.

Nicht zuletzt darum machen Wintersportler ein Viertel und damit einen überproportionalen Teil der ganzen Sportunfallkosten von jährlich rund 2,5 Milliarden Franken aus. Da die Suva auf die Behandlungskosten keinen Einfluss hat, will sie die Ski- und Snowboardfahrer mit Kampagnen zu vorsichtigerem Fahren animieren.

Weil der Grad der Verletzung zugenommen hat, werden auch immer mehr Versicherungen und Staatsanwälte aktiv. Versicherungsmitarbeiter reisen bei schweren Unfällen oder Todesfällen ins Skigebiet und prüfen Unfallstellen, Staatsanwälte laden Bergbahnmitarbeiter vor. «Darum ist es wichtig, dass wir Pistenpatrouilleure jeden Unfall genau dokumentieren», sagt Pajarola. Er weiss, ein Schadensfall könnte ein Skigebiet in den Ruin treiben.

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