Wem gehört der Löwen-Hit?

«The Lion King» wurde neu verfilmt. Doch die Erben des eigentlichen Urhebers des Titelsongs verdienen nichts.

Aus Simba, dem Löwen­baby, soll mal der König der Tiere werden: Szene aus «The Lion King». Foto: PD

Aus Simba, dem Löwen­baby, soll mal der König der Tiere werden: Szene aus «The Lion King». Foto: PD

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Die ganze Welt kennt das Lied vom Löwen, der heute Nacht im Dschungel schläft. Auch, weil so viele «The Lion Sleeps Tonight» gesungen haben – die Boygroup N’Sync wie die Band R.E.M. oder der tragische Superstar DanielKüblböck. Und natürlich schmetterten es 1994 auch Timon und Pumbaa, das Erdmännchen und das Warzenschwein aus dem Disney-Trickfilm «The Lion King», als sie zusammen durch den «jungle, the mighty jungle» wanderten.

In diesem Sommer wird man das Lied wieder vermehrt hören: Ab Donnerstag ist die Geschichte von Simba in einer neuen Realverfilmung in den Kinos zu sehen – mitsamt einer neuen Version von «The Lion Sleeps Tonight».

Fildha (l.) und Elizabeth Ntsele, die Töchter von Solomon Linda.

Gleichzeitig rollt die Netflix-Produktion «The Lion’s Share» die Geschichte hinter dem Welthit auf. Es ist eine Geschichte, die einmal mehr die Frage stellt: Wem gehört eigentlich ein Lied? Und wer profitiert von der Musik, die auf verschlungenen Wegen in die westliche Popindustrie Eingang gefunden hat?

Die Geschichte des Songs beginnt 1939 in Südafrika, als der Zulu Solomon Linda mit der A-cappella-Band The Evening Birds das Lied «Mbube» aufnimmt. Er erhält 10 Schilling für die Abtretung des Urheberrechts und damit so gut wie gar nichts für die Aufnahme, die als Blaupause für den späteren Schlager dient. Die Platte wird in die USA verschickt, landet beim Archivar Alan Lomax, und von dort geht sie über zum Folkmusiker Pete Seeger, der das Lied unter dem Titel «Wimoweh» neu aufnimmt.

Der Konzern hat mit dem Song 15 Millionen Dollar verdient

Weil damals angenommen wird, dass «Mbube» ein südafrikanisches Volkslied und damit öffentliches Gut ist, gelingt die Aneignung. Die Weiterschreibung des Songwriters George Weiss zu «The Lion Sleeps Tonight» birgt so zunächst auch keine urheberrechtlichen Probleme. Das Lied wird – gesungen von der Band The Tokens – 1961 zum Nummer-1-Hit. 1962 stirbt Solomon Linda, verarmt und vergessen.

Erst der weisse südafrikanische Journalist Rian Malan bringt den Ursprung des Songs wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Im Jahr 2000 schreibt Malan, der im Netflix-Film prominent vorkommt, einen ausführlichen Artikel über den Song – und er macht sich auf die Suche nach dem Geld, welches das Lied eingespielt hat.

Was schnell klar wird: Bei Solomons Töchtern ist es nicht gelandet. Gemeinsam mit Anwälten kämpft Malan nach der Veröffentlichung des Textes dafür, dass die Tantiemen bei den Erbinnen des ursprünglichen Songwriters ankommen. Dank einer von den Anwälten entdeckten Klausel im Urheberrecht gelingt es, Disney zu einem Vergleich zu zwingen. Der Konzern hat im Zuge des «Lion King»-Erfolgs mit «The Lion Sleeps Tonight» geschätzte 15 Millionen US-Dollar verdient.

Die Musik gehört nur allzu selten den Urhebern

Der Vergleich ähnelt schon fast einem kitschigen Happy End – und könnte eine späte Genugtuung für die Familie von Solomon Linda bedeuten. Doch Missverständnisse, die auch durch die hohen Anwaltskosten und eine Stillschweigevereinbarung über die Höhe der ausgezahlten Summe zustande kamen, führen zu einem Zerwürfnis – das auch bei Rian Malan im Film Spuren der Bitterkeit hinterlässt.

Die Geschichte von «The Lion Sleeps Tonight» beleuchtet exemplarisch, dass die Musik auch heute nur allzu selten den eigentlichen Urhebern gehört: nicht den Komponisten und nicht den Interpreten. Das gilt in gewissem Sinne auch für US-Popstars wie Taylor Swift, deren Songkatalog nun einem Musikmanager gehört, der sie online bedroht haben soll. Das gilt aber vor allem auch für jene grossartigen Sounds aus Afrika, die auf zahlreichen Samplern das Hipsterherz erfreuen. Wie etwa die gefeierte Zusammenstellung «Bobo Yéyé» mit Musik aus Burkina Faso, die 2018 für einen Grammy nominiert wurde. Erst durch die Nomination erfuhren die Bands, dass ihre Musik überhaupt benutzt wurde. Auch dieses Beispiel zeigt, dass die World Music, ein Label, das einst von weissen Managern als Sammelbegriff für nicht westliche Musik erfunden wurde, noch immer neokoloniale Züge aufweist.

Von den Tantiemen, die «The Lion Sleeps Tonight» dank dem neuen Disney-Blockbuster erzielen wird, landet übrigens kein Cent bei den Erbinnen von Solomon Linda: Der Vergleich war nur bis 2017 gültig.

«The Lion King»: ab 18. Juli in den Kinos. Auf Netflix: «The Lion’s Share»



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Erstellt: 13.07.2019, 17:09 Uhr

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