Ärzte am Limit

Bürokratie-Stress, Sparwut und Burn-out: Immer mehr Ärzte sind überfordert. Das bringt auch die Patienten in Gefahr.

Beruf und Familie geht kaum: 70 Prozent der Hilfesuchenden beim Sorgentelefon sind Ärztinnen. Foto: Keystone

Beruf und Familie geht kaum: 70 Prozent der Hilfesuchenden beim Sorgentelefon sind Ärztinnen. Foto: Keystone

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Mit der unfreiwilligen Versetzung an die kleine Privatklinik begann für die junge Assistenzärztin die Abwärtsspirale. Sie trug plötzlich sehr viel Verantwortung, hatte kaum mehr Kontakt zu Vorgesetzten, bei denen sie sich rückversichern konnte. Die Ärztin fürchtete sich immer mehr davor, «schwerwiegende medizinische Fehler zu machen», wie sie sagt. Ihre Verordnungen kontrollierte sie immer wieder aufs Neue. Als Folge wuchsen die Überstunden ins Unermessliche.

Die junge Ärztin stand vor dem Zusammenbruch, wurde depressiv, wollte nicht weiterarbeiten. In ihrer Not wandte sie sich ans ärztliche Sorgentelefon Remed. Das Netzwerk, getragen von der Ärzteorganisation FMH, unterstützt Mediziner in Krisen.

Eine solche Anlaufstelle ist heute nötiger denn je, wie die neuste Jahresstatistik belegt. So gab es 2018 total 143 Kontaktaufnahmen von Ärztinnen und Ärzten. So viele Meldungen gab es seit der Gründung vor zehn Jahren noch nie.

Ärztinnen suchen öfter Hilfe als ihre Kollegen

Ein Teil der Zunahme ist sicher ­darauf zurückzuführen, dass das Sorgentelefon bekannter geworden ist. Aber nicht nur: Laut Remed-Programmleiterin Esther Kraft führt vor allem auch die administrative Belastung zu Notsituationen bei den Medizinern. Tatsächlich verbringen Spitalärzte nur gerade ein Drittel ihrer Arbeitszeit am Krankenbett der Patienten. Der Rest geht unter anderem für Papierkram drauf.

Jede fünfte Kontaktaufnahme bei Remed erfolgt denn auch wegen einer «Belastung am Arbeitsplatz». Weitere häufige Gründe für einen Anruf sind Burn-out, Depression und strukturelle Probleme, zum Beispiel bei der Über­gabe einer Praxis.

Das Durchschnittsalter der Hilfe suchenden Ärzte beträgt 42 Jahre. Betroffen sind vor allem Frauen – 70 Prozent aller Meldungen entfallen auf Ärztinnen. Die Tendenz, dass sich vermehrt junge Ärztinnen meldeten, habe man in den letzten Jahren festgestellt, sagt Programmleiterin Kraft. Grund: Die Arbeit im Spital lässt sich kaum mit einer Familie vereinbaren – was vor allem Frauen trifft. «Ohne diese Vereinbarkeit», sagt Kraft, «kann es zu Krisensituationen kommen.»

Wie prekär die Arbeitsbedingungen gerade für junge Ärzte sind, zeigt eine repräsentative Befragung des Verbands der schweizerischen Assistenz- und Oberärzte (VSAO). Demnach arbeitet die Hälfte der Assistenz- und Oberärzte immer noch mehr als die gesetzlich zulässigen 50 Stunden pro Woche. Für Marcel Marti, stellvertretender VSAO-Geschäftsführer, sind diese Resultate «erschreckend». Das Arbeitsgesetz werde in den Spitälern immer noch «regelmässig missachtet», sagt er.

Dass sich die jungen Ärzte lieber ein anderes Arbeitsumfeld wünschen – auch das geht aus der Befragung von 2017 deutlich hervor. So gaben nur gerade zwei Prozent aller Befragten an, dass sie gern 51 Stunden oder mehr in der Woche arbeiten möchten, wenn sie das Pensum frei wählen könnten. 75 Prozent hingegen möchten eine Wochenarbeitszeit von 39 bis 42 Stunden.

Kunstfehler führen jedes Jahr zu 2000 bis 3000 Todesfällen

Nur logisch ist, dass davon letztlich auch die Patienten betroffen sind – und zwar in erschreckendem Ausmass. Gemäss der VSAO-Befragung gab jeder zweite Assistenz- und Oberarzt an, er habe es in den letzten zwei Jahren mindestens einmal erlebt, dass es wegen der Übermüdung eines Arztes zu einer Gefährdung eines Patienten gekommen sei.

Schätzungen des Bundesamts für Gesundheit zufolge verursachen medizinische Fehler in Schweizer Spitälern jedes Jahr zwischen 2000 und 3000 Todesfälle und mehr als 60 000 gesundheitliche Schäden. Welchen Rolle die Übermüdung dabei spielt, lässt sich indessen nicht beziffern.

Chefarzt fühlte sich von der Spitalleitung übergangen

Um die Ärzte besser vor Krisen und damit auch die Patienten zu schützen, plädiert Remed-Programmleiterin Kraft für mehr Teilzeitstellen auf allen Hierarchiestufen sowie für mehr Kinderkrippen. Zudem pochen die FMH und der VSAO darauf, dass die Spitäler künftig die gesetzlichen Höchstarbeitszeiten einhalten und den administrativen Aufwand reduzieren.

In welche Richtung dies gehen könnte, zeigt ein Projekt des Spitals Solothurn. Medizinstudenten ab dem dritten Ausbildungsjahr, sogenannte Medical Scribes, begleiten dort zu Randzeiten die Assistenzärzte. Letztere können einfache Arbeiten an ihre «Schreiber» delegieren – und sich so entlasten.

Wie die Ärzte beim Sorgentelefon Remed ihren Kolleginnen und Kollegen letztlich helfen, ist individuell. Für einen 59 Jahre alten Chefarzt, der sich in wichtigen Entscheiden von der Spitalleitung übergangen fühlte, organisierten die Remed-Ärzte einen Coach, den er bei Bedarf konsultieren kann. Manchmal reicht ein klärendes Gespräch, oft vermittelt Remed auch Buchhalter oder Juristen.

Der Fall der eingangs erwähnten jungen Assistenzärztin war schwieriger. Sie nahm eine Auszeit vom Beruf – was wiederum selbst im Spital-Milieu von einem Stigma begleitet ist. Gleichzeitig besuchte sie eine intensive Therapie bei einem Psychiater, der ihr auch Medikamente verschrieb. Das Wichtigste ist: Heute übt die junge Frau ihren Beruf wieder mit Freude aus.

Erstellt: 30.03.2019, 23:39 Uhr

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