Wenn alle Stricke reissen

Rund 14'000 Kinder und Jugendliche leben in Heimen – viele von ihnen, weil ihre Eltern psychisch krank sind.

Jugendliche im Waisenhaus Basel: Viele sind hier weil ihre Eltern psychische Probleme haben. Bild: Stefan Bohrer

Jugendliche im Waisenhaus Basel: Viele sind hier weil ihre Eltern psychische Probleme haben. Bild: Stefan Bohrer

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Der Ort, an dem einst Mönche schwiegen, ist heute von Kinder­lachen erfüllt. Durch einen Tor­bogen, vorbei an der ehemaligen Pförtnerwohnung, gelangt man auf den Vorplatz des Bürgerlichen Waisenhauses Basel. Die Jugendlichen wohnen im Gebäude nebenan. Hier steht Roman* in der Küche und rührt in der Nudelsuppe. Der 16-Jährige hat an diesem Abend für alle gekocht, einmal mit Fleisch, einmal Vegi, im Esszimmer stehen Schälchen mit eingelegtem Ingwer, gekochten Eiern und Maiskölbchen auf dem Tisch. Yves* (15), der vorhin auf dem Klavier so wunderbar die Filmmusik aus «Die fabelhafte Welt der Amélie» gespielt hat, setzt sich und macht Roman ein Kompliment, gut habe er gekocht. Simona* (14) lässt sich erklären, wie man mit Stäbchen isst und schaut dennoch skeptisch.

Roman, dessen Mutter auf der Strasse lebt; Yves, der seit Tagen nicht mehr in der Schule war; und Simona, deren alleinerziehenden und psychisch kranken Mutter ­alles zu viel wurde: Sie gehören zu den schätzungsweise 14'000 Kindern und Jugendlichen, die schweiz­weit in einem Heim leben, manche für drei Monate, andere eine ganze ­Jugend lang. Weitere knapp 5000 sind bei Pflegeeltern untergebracht – insgesamt lebt gut ein Prozent der Minderjährigen zumindest vorübergehend nicht bei den Eltern.

Unzählige Erwachsene haben schlimme Erinnerungen an ihren Heimaufenthalt. Eben ist die Frist abgelaufen, in der Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen beim Bund eine Entschädigung beantragen konnten. Doch mit den Massenbetrieben, in denen Zöglinge in riesigen Schlafsälen untergebracht waren und mit harter Hand gezüchtigt wurden, haben Kinderheime nichts mehr zu tun.

Im Bürgerlichen Waisenhaus Basel, das sich in den Gemäuern einer Kartause aus dem 15. Jahrhundert eingerichtet hat, leben 73 Kinder und Jugendliche, vom Kindergärtler bis zur Lernenden. Es ist kaum mehr der Tod eines Elternteils, der sie hierher bringt. Sehr oft sind psychische Probleme der Eltern die Ursache, dass diese ihren Kindern kein sicheres Zuhause bieten können: Alkoholsucht, Depressionen, Schizophrenie; viele sind arbeitslos oder ­leben von der Sozialhilfe.

Alle haben eine persönliche Vertrauensperson

Doch es gebe Ausnahmen, sagt Uli Hammler, Direktor des Waisenhauses: «In ein bis zwei von fünf Fällen stammen die Kinder und Jugendlichen aus sogenannt intakten Familien – zumindest auf den ersten Blick.» Bei genauem Hinschauen liege immer etwas im Argen, oft beobachtet er Überbehütung oder Laisser-faire. Wie unterschiedlich die Gefährdung des Kindswohls begründet sein kann, zeigt der Fall jener starken Diabetikerin, die derzeit im Waisenhaus lebt. Ihre Familie war nicht imstande, durchzusetzen, dass sie sich täglich den Blutzucker misst, sodass ihre Gesundheit ernsthaft gefährdet war.

Der Direktor im bürgerlichen Waisenhaus Basel: Uli Hammler. Bild: Stefan Bohrer

Die Jugendgruppe im Basler Waisenhaus erinnert an eine WG, je acht junge Menschen zwischen 13 und 17 Jahren wohnen auf zwei Stockwerken, sie haben je ein eigenes Zimmer und eine persönliche Vertrauensperson unter den Sozialpädagogen. Mittlerweile haben sie sich in der Stube versammelt, auf dem Parkettboden stehen Karaffen mit Sirup und ein Blech mit Spitzbuben und Pfaffenhütchen. Haussitzung. Einige hängen in klassischer Teenagermanier auf dem Sofa ab, ein Mädchen legt den Kopf auf die Schulter einer Betreuerin. «Künftig bitte keine nasse Wäsche im Bad liegen lassen», mahnt diese. Dann zur Ferien­planung. «Was wollt ihr über Ostern machen? Hände auf, wer für Laser Tag ist. Was haltet ihr von Bouldern? Ein Mädels­abend, wär das was?»

Fast alle haben gescheiterte Therapien hinter sich

Was nach kurzweiliger Unterhaltung aussieht, nennt sich Partizipation: die Jugendlichen entscheiden lassen, ihnen zeigen, dass sie ihr Leben selber bewältigen können. Die Hälfte der jungen Menschen hier ist in Psychotherapie: Sei es, um ihr Selbstwertgefühl zu stärken oder sie davor zu bewahren, sich selber zu verletzen. Obwohl sie noch keine 18 Jahre alt sind, haben praktisch alle im Raum mehrere – oft gescheiterte – Therapien hinter sich.

Zunehmend wird der Heimaufenthalt zur Ultima Ratio, zum letzten Ausweg, wenn nichts mehr hilft. Das liegt daran, dass in den letzten Jahrzehnten ambulante Hilfen – Familienbegleitungen, Schulsozialarbeit, Therapien mit 24-Stunden-Pikettdienst – stark ausgebaut wurden. Wo es früher nur zwei Optionen gab – Heim oder Familie – bieten sich heute zahlreiche Varianten dazwischen. Der Kostendruck, der auf Gemeinden und Kantonen lastet, verstärkt die Tendenz, Kinder und Jugendliche so lange wie möglich in ihren Familien zu lassen. Der Fachverband Sozialpädagogische Familienbegleitung verzeichnet seit mehreren Jahren steigende Zahlen – meist sind die Kinder weniger als 12 Jahre alt.

«Es dauert länger, bis sich ein ­Jugendlicher öffnet und verletzlich zeigt – weil er gelernt hat, sich eine Maske zuzulegen.»Uli Hammler, Direktor Waisenhaus Basel

Fachleute bewerten die Entwicklung kritisch. Marc Schmid ist leitender Psychologe der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik in Basel und sagt: «Der Ausbau der ambulanten Hilfen führt dazu, dass Kinder und Jugendliche immer später fremdplatziert werden, oft erst in der Pubertät, wenn die Bindungsentwicklung abgeschlossen ist und die Erwachsenen nur noch schwer an sie herankommen.» Während früher auch gut sozialisierte Kinder in Heimen lebten, seien die Institutionen heute fast ausschliesslich mit jungen Menschen konfrontiert, die extremen psychosozialen Belastungen ausgesetzt waren und dadurch etwa Probleme mit Beziehungen hätten oder Mühe, ihre Emotionen zu kontrollieren.

Studien zeigen, dass eine Therapie geringere Erfolgsaussichten hat, je mehr Behandlungen ein ­Jugendlicher schon hinter sich hat. Direktor Uli Hammler sagt, jede gescheiterte Massnahme gehe mit einem Vertrauensverlust einher: «Es dauert länger, bis sich ein ­Jugendlicher öffnet und verletzlich zeigt – weil er gelernt hat, sich eine Maske zuzulegen.» Das kann für das sozialpädagogische Personal äusserst herausfordernd sein: 2015 gaben in einer Stichprobe 91 Prozent der Betreuer in Schweizer ­Kinder- und Jugendheimen an, in den vergangenen drei Monaten «Grenzverletzungen» erlebt zu haben. Am häufigsten waren Beschimpfungen, Drohungen und tätliche Angriffe.

Manche Eltern drängen ihr Kind zur Rückkehr

Die meisten Heimeintritte werden von Schule oder Kindergarten angeregt, wenn Probleme auftreten. In der Regel stimmen die Eltern zu, Behörden und Fachstellen sind bestrebt, nicht gegen ihren Willen zu handeln. Das sei zwar begrüssenswert, sagt André Woodtli, Vorsteher des Zürcher Amtes für Jugend und Berufsberatung. Es bestehe allerdings die Gefahr, dass man zu viel experimentiere, anstatt auf der Grundlage einer sorgfältigen Abklärung auch rasch und entschieden zu handeln: «Jedes Experiment mit der Familie ist auch ein Experiment mit dem Wohl des Kindes.»

Viel stärker als früher beziehen heute die Heime die Eltern mit ein, besonders bei den jüngeren Kindern. «Sie kochen hier gemeinsam mit ihren Kindern oder bringen sie ins Bett», sagt Uli Hammler. Es gehe auch darum, dass die Eltern lernen, schwierige Alltagssitua­tionen zu bewältigen – nicht, dass sie überfordert sind, kaum ist das Kind wieder zu Hause. Denn Heimaufenthalte werden kürzer.

«Soll ein Heimaufenthalt erfolgreich sein, darf er nicht mit einem harten Schnitt beendet werden.»Jugendpsychologe Marc Schmid

Im Basler Waisenhaus ver­bleiben die Kinder und Jugend­lichen durchschnittlich rund zwei Jahre. Nur noch selten verbringt ein ­junger Mensch seine ganze ­Jugend im Heim. Jugendpsychologe Marc Schmid sagt: «Institutionen berichten von steigendem Druck der ­öffentlichen Hand, Kinder rasch in ihre Familien zurückzuführen – nicht zuletzt aus Kostengründen.»

Oder es sind die Eltern, die drängen: «Manche zeigen ihrem Kind oft unbewusst, ‹Uns geht es so schlecht, wir brauchen dich, komm nach Hause› – und nach ein paar Monaten steht dieses wieder bei uns vor der Tür», sagt einer der Betreuer im Basler Waisenhaus. Jugendpsychiater Schmid fordert deshalb, der Rückführung in die Familie und dem Schritt in die Selbstständigkeit müsse mehr Beachtung geschenkt werden: «Soll ein Heimaufenthalt erfolgreich sein, darf er nicht mit einem harten Schnitt beendet werden.» Lehrabbruch, Wohnungssuche, ein heftiger Streit mit der Mutter – schon Kleinigkeiten können alles zusammenbrechen lassen.

Bislang weitgehend unerforscht ist in der Schweiz die Frage, wie gut sich ehemalige Heimkinder in die Gesellschaft eingliedern. Marc Schmid und sein Team befragen in einer Studie derzeit mit anderen Forschern 592 ehemalige Schweizer Heimkinder über ihre Lebenssituation sieben bis zehn Jahre nach dem Austritt.

Das Waisenhaus Basel gestaltet diesen fliessend: Ab 17 Jahren können die Jugendlichen in betreuten Einzimmerwohnungen die Selbstständigkeit üben – und werden aufgefangen, falls sie dabei stolpern. Das Angebot ist bereits ausgebaut worden. Ob Roman, ­Simona und Yves diesen Weg wählen werden, ist noch offen.

* Name geändert (SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.04.2018, 16:21 Uhr

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