Wenn alles mit allem zu tun hat

Verschwörungstheoretiker trafen sich in Basel – auf Einladung von Anthroposophen. Die Hintergründe und 13 Beispiele.

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Alle sind sie gekommen, um den einen zu hören: Daniele Ganser, den Schweizer Superstar der Verschwörungstheorien. An diesem Nachmittag, an dem im Basler Scala die Konferenz «Terror, Wahrheit und Lüge» stattfindet. Wochen zuvor war sie bereits ausverkauft – trotz Ticketpreisen von sechzig Franken. Für Ganser, der in Basel aufwuchs und zur Schule ging, ist dies Alltag: Seit mehr als zehn Jahren ist er mit seinen Vorträgen über den 11. September 2001 unterwegs und füllt damit die Säle. Von Vortragshonoraren von mehreren Tausend Franken ist die Rede.

Für den Amerikanisten Michael Butter, der an der Uni Tübingen ein Forschungsprojekt zum Thema leitet und gerade ein Buch dazu publiziert hat, ist Ganser der «bekannteste Verschwörungstheoretiker des deutschsprachigen Raums». Ganser verkörpert denn auch alles, was für Verschwörungstheoretiker typisch ist: Für sie ist alles miteinander verbunden. Nichts ist zufällig. Und nichts ist so, wie es uns erscheint. Sondern Teil eines Komplotts, das es zu entlarven gilt. Wie bei Ganser.

Kooperation der beiden Lager ist neu

Am Nachmittag in Basel ist dennoch einiges anders als gewohnt: Die Tagung findet auf Einladung von Anthroposophen statt. In einem Raum, der vom Paracelsus-Zweig, einem Ableger der Schweizer Anhänger von Rudolf Steiner, betrieben wird. Kooperationen von Ganser und Anthroposophen gibt es schon seit mehreren Jahren: Bereits 2007 hielt der heute 45-Jährige einen Vortrag am Goetheanum in Dornach, dem Hauptsitz der Schweizer Anthroposophen. Es folgten Interviews in der «Goetheanum»-Zeitschrift, zuletzt eines vor wenigen Monaten.

Neu ist die offensive Kooperation zwischen Anthroposophen und Verschwörungstheoretikern. Und dass dabei auch der deutsche Journalist Ken Jebsen eingespannt wird, der mit seinen Youtube-­Videos und seiner Internetseite «Ken FM» Hunderttausende Menschen erreicht. «Guten Abend, mein Name ist Ken Jebsen», sagt der Deutsche, als er sich in Basel vorstellt. «Mein Zielpublikum ist die Menschheit. Spenden Sie sich bitte einen kräftigen Applaus, dass Sie den Mut hatten, hierherzukommen.»

Verschwörungstheoretiker feiern ihre erste Million

Im Foyer bewegte man sich vorbei an Aquarellbildern mit Sinnsprüchen, dem «Seelenkalender Rudolf Steiners», und einem stark umlagerten Bücherstand, der die Spannbreite der Themen dokumentiert: «Von Moses zu 9/11», heisst eines der aufgelegten Bücher, «Die Legende des 9/11 und die Fiktion der Terrorbedrohung» ein anderes.

Zufällig ist die Zusammenarbeit von Verschwörungstheoretikern und Anthroposophen nicht: Sowohl Daniele Ganser wie Ken Jebsen haben Rudolf-Steiner-Schulen besucht. Auf der Bühne des Basler Scala ist dies ein Thema – auch für Witze: «An alle, die versuchen, Waldorf-Schüler zu ­attackieren», sagt Jebsen. «Ich halte dies für ein Unterfangen, das nicht gelingen kann.» Denn als Steiner-Schüler hätten sie gelernt, «sich über Jahrzehnte für Eurythmie zu rechtfertigen». Gelächter im Saal.

Keine Frage, Jebsen – wie auch Ganser – sind talentierte Entertainer. Und erfolgreich noch dazu: Vor einigen Tagen hat eines ihrer Youtube-Videos eine Million Klicks erreicht. Darin schildert Ganser während gut neunzig Minuten seine Sicht auf den 11. September 2001. Produziert hat das Video Ken Jebsen, aufgenommen wurde es vor etwas mehr als drei Jahren an der Universität Tübingen. «Es ist Zeit, Danke zu sagen.» Ganser bittet Ken Jebsen auf die Bühne, aber auch den Politgeografen Rainer Rothfuss, der den Vortrag in Tübingen ermöglichte. Beide erhalten ein Blumenstöckchen von Ganser. «Grossartige Arbeit, toller Schweizer», sagt Jebsen.

Durch alle Gesellschaftsschichten

Youtube und das Internet sind Gründe, warum Verschwörungstheoretiker wie Ganser und Jebsen heute so erfolgreich sind, warum ihre Theorien so starke Verbreitung finden und sich durch alle Gesellschaftsschichten fressen. «Mit Youtube haben der Staat und die Eliten ihr Informationsmonopol verloren», sagt Jebsen. Auch Daniele Ganser zeigt sich begeistert von Googles Videoportal. Und dies, obwohl er vor Plattformen wie Facebook warnt, wo Fake-News so einfach verbreitet werden können wie nirgends sonst. Als Ken Jebsen das erste Video mit ihm veröffentlichte, lernte er, «dass man sich gar nicht anstrengen muss», um in traditionellen Medien wie der NZZ zu publizieren, sagt Ganser.

Das Internet ist für die Verschwörungstheoretiker nicht zuletzt deshalb so attraktiv, weil hier das möglich ist, was sie beweisen wollen: dass alles mit allem zusammenhängt. Und Teil eines grossen Komplotts ist, das von geheimen Mächten entwickelt und betrieben wird. In Basel sind die Hintermänner dieser Verschwörung bald ausgemacht: Die Nato – und mit ihr der US-amerikanische Imperialismus – ist so etwas wie die zentrale Macht, die am 11. September 2001 die Türme in New York zum Einsturz brachte und für alle Terroranschläge und Kriege der letzten Jahre verantwortlich sei.

Sogar der Eintritt der Amerikaner in den Zweiten Weltkrieg wird als strategisches Manöver gewertet: US-Präsident Roosevelt habe bereits vorab von den Angriffen der Japaner auf Pearl Harbor gewusst. Er habe sie aber abgewartet, um einen Grund zu haben, in den Krieg einzutreten. Sagt der ­Tagungsveranstalter, der Basler Anthroposoph Thomas Meyer, der in seinem Vortrag Ausflüge zu Goethe, irgendwelchen Dämonen und Rudolf Steiner unternimmt, von dem er uns ein Dokument aus dem Nachlass zeigen will. «Das kann man jetzt nicht so gut lesen», sagt Meyer, als er uns die Steiner-Quelle als Projektion zeigt.

Orientierung in einer verwirrenden Wirklichkeit

Die Enthüllung eines vermeintlichen Komplotts macht die Verschwörungstheorien attraktiv für viele, die nach Orientierung suchen: In einer komplexen, oftmals verwirrenden Wirklichkeit sorgen sie für Übersicht. Und da alles nur ein Komplott ist, könnte das Gute am Ende doch noch triumphieren. Dank den Verschwörungstheoretikern und ihrer Entlarvungsarbeit.

Vieles, was an diesem Nachmittag in Basel vorgetragen wird, ist nicht nur für Anthroposophen und Anhänger von Verschwörungstheorien annehmbar. Etwa die Kritik am US-Imperialismus, die für die westliche Linke einst zentral war. Oder das wiederholte Plädoyer für eine «Menschheitsfamilie» (Ganser) und den Frieden (alle Vortragende). Denn wer ist nicht für ein friedvolles Miteinander?

Die Verschwörungstheoretiker gehen aber über das hinaus, was bei Linken und Pazifisten konsensfähig ist: Für sie wird alles von geheimen Mächten gesteuert. Selbst der islamistische Terrorismus sei eine hergestellte Fiktion, um die Menschen gegeneinander aufzubringen. «Rassismus ist ein zufälliges Werkzeug, um die Bevölkerung zu spalten und die Solidarität der Menschen zu verhindern», sagt Elias Davidsson, der vierte Referent in Basel.

«Ich bin überzeugt, dass die Liebe und die Wahrheit sich immer durchsetzen werden.»Daniele Ganser

Das Angebot der Verschwörungstheoretiker ist denn auch umfassender. Selbst Daniele Ganser, der von sich sagt, er interessiere sich nur für internationale Politik, gibt in seinem Vortrag Tipps, wie man sich gegenüber den vermeintlich manipulativen Medien zur Wehr setzen kann (in den Wald gehen, das Handy ausschalten).

Ganser entwickelt in seinem Vortrag auch so etwas wie ein spirituelles Denken: Unser Bewusstsein sei stärker als alle Gedanken und Gefühle, die von den Medien beeinflusst werden können. Deshalb sei es für den Einzelnen auch möglich, der Verschwörung Widerstand zu leisten und dem Guten zum Sieg zu verhelfen. «Ich bin überzeugt, dass die Liebe und die Wahrheit sich immer durchsetzen werden», sagt Ganser. «Das grosse Ganze ist für mich in Ordnung.» Das Universum sei für ihn denn auch «weitaus grösser als der US-amerikanische Imperialismus».

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der CIA und einer terroristischen Organisation?»Daniele Ganser

Wenn es um seine Fakten geht, agiert Ganser etwas vorsichtiger als in seiner Umarmung des Universums. «Ich stelle nur Fragen» ist eine seiner liebsten Phrasen. Wobei diese nur ein Taschenspielertrick ist. «Was ist eigentlich der Unterschied zwischen der CIA und einer terroristischen Organisation?», fragt Ganser. Wahrscheinlich gibt es für ihn keinen, sonst würde er die Frage nicht stellen.

Auch dann, wenn Ganser verschiedene Optionen anbietet, ist für ihn immer klar, was die Wahrheit ist. Und zwar gerade dann, wenn es um das dritte Gebäude geht, dem WTC 7, das am 11. September 2001 ebenfalls einstürzte. «Entweder es wurde gesprengt, oder es stürzte ein wegen eines Feuers», sagt Ganser. Er überlasse es jedem Einzelnen, diese Frage für sich zu entscheiden. «Sie müssen einfach wissen, dass die Bundeswehr aufgrund von 9/11 in Afghanistan ist. Und dass die US-Regierung bereits im Frühjahr vor dem 11. September 2001 den Irak angreifen wollte.» Und schon ist es wieder da: das grosse Komplott, in dem alles von einer Macht entworfen und gesteuert wird.

Der Überläufer mit dem Insiderwissen

Bei seinen Fans geniesst Ganser auch deshalb eine so hohe Glaubwürdigkeit, weil er als promovierter Historiker und früherer Uni-Mitarbeiter das ist, was die Amerikaner einen «renegade» nennen: einen Überläufer mit Insiderwissen, wie es «im System» läuft. Aus diesem sei er allmählich herausgedrängt worden, nachdem er 2006 mit einem grossen Artikel im «Tages-Anzeiger» die offizielle Version des 11. Septembers angezweifelt hatte. Für die Ganser-Getreuen ist denn auch klar, dass man an den Unis nicht alles sagen und erforschen darf. «Ist die Verbreitung solcher Absurditäten die Eintrittskarte zu einer akademischen Karriere?», fragt Elias Davidsson, nachdem er den 11. September als einen «Betrug an der Menschheit» bezeichnete.

In Basel spielt Ganser die Karte des Überläufers voll aus. Ausführlich erzählt er, welche Angst er 2006 hatte, seine damalige Stelle an der ETH zu verlieren und nicht mehr für seine Tochter sorgen zu können, die gerade zur Welt gekommen war. Zugleich habe er aber nicht eingesehen, «warum die Fragen zu WTC 7 gestoppt werden sollten». Schliesslich habe er mit seiner Frau gesprochen, die ihn am Festhalten bestärkte. «Wir schlagen uns immer irgendwie durch», habe sie gesagt. Jungen Menschen gibt Ganser den Rat, mutig zu sein wie er selbst.

Vom Mut schwärmt auch Jebsen: «Sie müssen keine Angst haben, dass man Sie ausgrenzt», sagt er, als es um die Frage geht, wie man als Verschwörungstheoretiker auf Widerstand reagiert. «Denn alles, was passiert: Es eröffnet sich ein riesiges Land, ein neues Terrain. Ich kann nur sagen: Fühlt sich super an, macht richtig Spass.» Für Jebsen wie für Ganser hat dieser Mut ganz viel mit Rudolf Steiner zu tun: Von ihm hätten sie gelernt, dass man «nicht so autoritätsgläubig sein muss», sagt Ganser. So einfach ist das, wenn ­alles mit allem zu tun hat.


Merkels Raute, Kubricks Mondlandung und Flieger als Giftspritzen

In der Internet-Ära verbreiten sich Verschwörungstheorien besonders schnell: 13 beliebte Beispiele

1. Obama ist eine Echse
Die Welt wird von einer Elite ursprünglich ausser­irdischer Reptilien regiert, die sich von den negativen Energien der Menschen ernähren. Diese Theorie verbreitet seit Ende der 1990er-Jahre der ehemalige Fussballprofi David Icke.

2. Die Protokolle der Weisen von Zion
Sie sollen dokumentieren, dass «ein geheimes Treffen der Anführer einer globalen jüdischen Verschwörung auf dem Friedhof in Prag»* stattfand. Bei den «Protokollen» handelt es sich um Fälschungen.

3. Der Geheimbund der Illuminaten
Die Illuminaten wurde nicht 1785 aufgelöst, sondern existieren im Geheimen weiter. Noch heute formen Prominente – von George W. Bush über Angela Merkel und Beyoncé bis hin zu Mahmoud Ahmadinejad – während öffentlichen Auftritten mit ihren Händen eine Pyramide oder Raute, um so Botschaften an andere Verschwörer zu übermitteln. Dass nach Beyoncés Super-Bowl-Konzert im Stadion einige Flutlichter ausfielen, beweist, dass sie dank übersinnlicher Kräfte mit dem Teufel in Verbindung steht.

4. Der Regenschirmmann
Bei der Ermordung von John F. Kennedy ist in einer Filmaufnahme einige Sekunden lang ein Mann mit Regenschirm zu sehen. Wenige Momente, bevor Kennedys Limousine an ihm vorbeifährt, schwenkt er ihn in der Luft. Da der 22. November 1963 ein sonniger Tag war, nehmen Verschwörungstheoretiker an, dass der Mann dem Schützen ein Zeichen gab.

5. Chemtrails
Die Kondensstreifen stammen nicht von Flugzeug­abgasen, sondern sind Sprühspuren von chemischen Substanzen, mit denen die Erderwärmung bekämpft oder die Bevölkerung vergiftet werden soll.

6. 9/11
Die Terrorattacke vom 11. September 2001 in New York wurde nicht von al-Qaida verübt, sondern vom US-Geheimdienst oder sonst einer staatlichen Stelle gesteuert. Ein Nebengebäude, das World Trade Center 7, fällt in so kurzer Zeit in sich zusammen, dass es gesprengt worden sein muss. Die Videos von Osama Bin Laden sind gefälscht.

7. Pizzagate
Hillary Clinton und andere Vertreter der Demokratischen Partei unterhalten in der Pizzeria Comet Ping Pong in Washington einen Pädophilenring.

8. Reichsbürger
Die Bundesrepublik Deutschland ist kein souveräner Staat, vielmehr besteht das Deutsche Reich weiterhin fort. Aus Sicht der Reichsbürger sind die staatlichen Organe der Bundesrepublik nicht bindend, sie können sie also nicht anerkennen. Ausserdem sei das Land noch immer von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs besetzt. Politiker und Medien würden die Menschen gezielt hinters Licht führen.

9. One People’s Public Trust
Der Staat ist eine Firma. Auch die Schweiz, die eine eigene Mehrwertsteuernummer hat. Uns allen steht ein gewisser Betrag zu, den wir mit einer Pfändung einfordern können. Die AHV-Nummer sei eigentlich eine IBAN-Nummer zu unserem eigenen Staatskonto, sagen Schweizer Anhänger dieser Bewegung.

10. Mondlandung
Ein Fake. Regie führte Stanley Kubrick oder jemand anderes.

11. Impfgegner
Impfen verursache Autismus; das Impfen werde von den Regierungen gezielt dafür genutzt, die Bürger gefügig zu machen.

12. Leererdler
Das Innere der Erde ist hohl. Menschen können überall wohnen, unter der Oberfläche oder weiter im Zentrum. Die Auserwählten dürfen im Erdkern leben.

13. Der ägyptische Collider
Der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider ist in Wahrheit ein Portal zu anderen Dimensionen. So soll Osiris, der ägyptische Gott des Jenseits, aufgeweckt werden. Die Forscher am Cern behaupteten, sie würden die Grundlagen der Physik untersuchen, dabei verfolgten sie schon lang dieses geheime Ziel.

* Benutzte Quelle: Michael Butter: «Nichts ist, wie es scheint». Über Verschwörungstheorien. Berlin 2018 (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.03.2018, 18:21 Uhr

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