Wenn auf den Höhenrausch der Höllenritt folgt

Keine Einladungen mehr, auferzwungene Einsamkeit: Straucheln Topmanager wie Pierin Vincenz, setzt ihnen vor allem die Abstrafung durch die Wirtschaftselite zu.

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Zuerst kommt die Phase der Kränkung. Bernhard Kobler mag sich noch genau daran erinnern. Der Chef der Luzerner Kantonalbank war 2014 nach einem Skandal um eine aussereheliche Affäre vom Amt zurückgetreten. «Wenn so etwas über einen hereinstürzt, ist man erst einmal persönlich verletzt darüber, wie die Leute auf einen zeigen», sagt Kobler heute. «Die Öffentlichkeit macht sich sofort eine Meinung, und man hat keine Chance, sie zu korrigieren.»

Pierin Vincenz ergeht es nun ähnlich. «Ich bestreite die gegen mich erhobenen Vorwürfe vehement», liess er kurz nach seiner Verhaftung ausrichten. «Ich habe die Interessen der Firmen, für die ich gearbeitet habe, stets gewahrt.»

Doch der Stab über dem ehemaligen Raiffeisen-Chef ist bereits gebrochen. Während er in Untersuchungshaft sitzt, dringen Tag für Tag mehr Informationen über die undurchsichtigen Deals durch, an denen Vincenz beteiligt sein soll und an denen er sich mutmasslich bereichert hat. Wie viel davon wahr ist, werden die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft zeigen. Klar ist: Die Vorgänge katapultieren Vincenz unsanft aus seinem altem Leben im Sonnenlicht der Wirtschaftselite.

Die eigenen Grenzen verschieben sich mit der Zeit

Er ist nicht der Erste, den ein solches Schicksal ereilt. Immer wieder reiten Topmanager auf einer langen Erfolgswelle, um sich gegen Ende ihrer Karriere auf überhebliche, ungeschickte Art selber zu Fall zu bringen. Beispiel Hans Ziegler: Der Multiverwaltungsrat baute sich über Jahre den Ruf des knallharten Firmensanierers auf. Er wurde geholt, wenn es in Unternehmen lichterloh brannte. Im vergangenen Jahr nahm seine Karriere ein abruptes Ende. Ziegler hatte sein Insiderwissen offenbar systematisch genutzt, um eigene Börsengeschäfte zu tätigen. Das Strafverfahren gegen ihn läuft. Seit der Fall publik wurde, ist der Wirtschaftscrack abgetaucht.

In Deckung ging auch der ehemalige Novartis-Lenker Daniel Vasella, als er sich 2013 wegen einer Zahlung von 72 Millionen Franken für ein Konkurrenzverbot den Zorn der Öffentlichkeit zugezogen hatte. Vasella verzog sich vorübergehend betupft in die USA. Erst seit kurzem meldet er sich wieder ab und zu zu Wort.

Immer höher, immer schneller, immer mehr Geld scheffeln – warum geraten Topmanager überhaupt in diese Spirale, obwohl sie eigentlich schon längst alles haben: Geld, Ruhm, Ehre? «Konzernchefs oder Verwaltungsräte haben eine unheimliche Macht. Das kann sie verändern, und irgendwann verlieren sie den Bezug zu den eigenen Machtansprüchen», sagt Milan Kalabic, Chefarzt der Klinik Teufen Group mit Ablegern in Rorschach SG und Teufen AR, dem Wohnort von Vincenz. Kalabic kennt die Managerzunft aus seiner Klinik, die auf Burn-outs und psychosomatische Behandlungen spezialisiert ist. Was Kalabic immer wieder beobachtet: In den oberen Wirtschaftskreisen ist das Haben oft wichtiger als das Sein. «Irgendwann ist immer mehr nicht genug, obwohl man eigentlich schon viel Geld hat. Im Zentrum steht dabei weniger die Summe an sich, sondern das Gefühl des Gewinnens», so der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Manager bauen sich ein Leben in Luftballons auf

Der Rausch der Macht – er verändert die Eigenwahrnehmung. Es kommt zum sogenannten «Abheben». Ein gesundes Umfeld kann dagegen einwirken. Doch je höher die Position, desto rarer werden die kritischen Stimmen. Das verstärkt die Manager in ihrem Bewusstsein, dass sie genau das Richtige tun. «Wenn man CEO ist, verändert einen das», weiss Ex-Kantonalbank-Chef Bernhard Kobler. «Es schmeichelt einem, dass man überall eingeladen und willkommen ist und die Leute einem Komplimente machen. Da nicht abzuheben, ist schwierig.»

Auch Fussballmanager Uli Hoeness glaubte, für ihn gälten andere Gesetze. Der Chef des FC Bayern musste wegen Steuerhinterziehung 21 Monate hinter Gitter, eine Schmach für den einstigen König des deutschen Fussballs. Inzwischen ist ihm ein Comeback gelungen. Marcel Ospel, der ehemalige UBS-Verwaltungsratspräsident, wurde 2008 nach Jahren als Starbanker zum Buhmann, als klar wurde, dass er Milliardenverluste der Bank mitverantwortet hatte. Der Basler, dem schon die Swissair-Pleite imagemässig zugesetzt hatte, wurde zum Symbol einer verantwortungslosen Managergilde, die nur zu ihrem eigenen Wohl handelt.

«Es braucht therapeutische Hilfe, um ein solches Ereignis zu verarbeiten.»Milan Kalabic, Chefarzt

Ospel wird seither auf dem gesellschaftlichen Parkett geächtet. Im Wirtschaftsestablishment, das ihm zuvor huldigte, ist er nicht mehr wirklich erwünscht. «Ich habe selber mal gesehen, wie Marcel Ospel in der Zürcher Kronenhalle angepöbelt wurde», sagt ein Gewährsmann, der in der Elite verkehrt. Es sei immer wieder erschreckend zu sehen, wie viele Leute den Wirtschaftsführern an Anlässen devot schmeichelten, um sie nach einem Skandal mit Füssen zu treten. Pierin Vincenz, der sich gern auf dem roten Teppich zeigte, dürfte es ähnlich ergehen. Dieser Ausschluss aus dem Zirkel der Macht schmerzt Manager in der Regel mehr als jede Geldbusse. Doch man müsse das akzeptieren, meint Ex-Banker Bernhard Kobler, der inzwischen wieder verschiedene Verwaltungsratsmandate hat (unter anderem Migros-Bank, B. Braun Medical) und mit sich im Reinen ist. «Die Zeit hilft. Rückzug ist ratsam nach einem Skandal.»

Im besten Fall landen Gefallene irgendwann in Phase zwei: der Phase der Selbstreflexion. «Es braucht Raum und allenfalls therapeutische Hilfe, um ein solches Ereignis zu verarbeiten und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen», sagt Chefarzt Milan Kalabic. Viele Manager bauten sich ein Leben in Luftballons auf. «Wenn sie fallen, kann das letztlich auch eine Chance sein, wieder den Zugang zu sich selber und zu ganz anderen Werten zu finden – echten Werten», so der Experte. Immerhin eine Perspektive für Pierin Vincenz.

Erstellt: 03.03.2018, 19:03 Uhr

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