Konzernchefs verhalten sich wie Sonnenkönige

Die Fälle Clariant und Julius Bär zeigen: Chefs wie Hariolf Kottmann und Boris Collardi werden zuweilen so selbstbewusst, dass dem Verwaltungsrat das Heft entgleitet.

Clariant-Chef Hariolf Kottmann (l.), Boris Collardi, bis zu seinem Rücktritt von vergangener Woche Chef der Bank Julius Bär. Fotos: Basile Bornand/13photo, Gian Marco Castelberg/13photo

Clariant-Chef Hariolf Kottmann (l.), Boris Collardi, bis zu seinem Rücktritt von vergangener Woche Chef der Bank Julius Bär. Fotos: Basile Bornand/13photo, Gian Marco Castelberg/13photo

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An der Generalversammlung vom 12. April ­mimte Daniel Sauter noch den Mann mit Weitblick: «Wir bei Julius Bär gehen Herausforderungen proaktiv und energisch an», liess der Präsident der Bank die anwesenden Aktionäre wissen.

Sauter hat zwar den Ruf eines knallharten Juristen und streitbaren Verhandlers, aber diese Woche wirkte er eher wie ein Chef in der Defensive: Die Kündigung seines langjährigen Konzernchefs Boris Collardi hatte ihn und den Rest des Verwaltungsrats auf dem falschen Fuss erwischt. Obwohl ­Gerüchte über einen möglichen Abgang Collardis schon länger kursierten, schien das Führungsgremium der Bank nicht auf ein solches Szenario gefasst.

Mit Bernhard Hodler installierte der Verwaltungsrat zwar sofort einen Nachfolger. Doch Hodler, der erst im September zu Collardis Stellvertreter ernannt wurde, ist nicht gesetzt für den Posten und wirkt eher wie eine Notlösung. Stattdessen leitete der Verwaltungs­rat nun einen «Evaluationsprozess für die langfristige Führung der Gruppe ein», wie er am Montag bekannt gab.

Collardi hat gute Resultate geliefert

Collardis Abgang zeigt, was geschehen kann, wenn ein Unternehmenschef zu stark wird. Der 43-jährige Manager hatte die Bank in den vergangenen Jahren durch eine aggressive Wachstumsphase geführt und gute Resultate geliefert. In Kombination mit seinem smarten, vereinnahmenden Wesen hatte dies Collardi zur alles dominierenden Figur der Bank gemacht, während der Verwaltungsrat im Hintergrund agierte.

«Deal Maker», «Jüngster Chef», «Alphatier» – der Bär-Chef erarbeitete sich den Ruf des beinahe Unverwundbaren. Mit dem Resultat, dass neben Sonnenkönig Collardi keine anderen Manager gross werden konnten, die ihn nun hätten beerben können. Eingeweihte berichten, er habe potenzielle Nachfolger bewusst klein gehalten. Der Verwaltungsrat schaute dem Treiben offenbar zu – obwohl der Aufbau eines Nachfolgers zweifellos zu seinen Hauptaufgaben gehört.

Die seltsame Zurückhaltung des Clariant-Präsidenten

Ein vor Selbstbewusstsein strotzender Konzernchef: Das ist auch das Problem bei Clariant. Seit der Baselbieter Chemiekonzern in einem Konflikt mit seinem neuen Hauptaktionär White Tale über die strategische Ausrichtung liegt, tritt fast ausschliesslich Konzernchef Hariolf Kottmann auf. Er vertritt die Position des Verwaltungsrats, dem er seit 2008 angehört, nach aussen, spricht mit Finanzgemeinde und Öffentlichkeit.

Und wo bleibt Verwaltungsratspräsident Rudolf Wehrli? Er ist kaum sichtbar. «Clariant – haben die überhaupt einen Präsidenten?», wird in der Szene bereits gespöttelt. Branchenbeobachter sind sich einig, dass der Präsident ranmuss, wenn es um strategische Weichenstellungen geht. «Im Fall Clariant müsste zwingend der Verwaltungsratspräsident in der Öffentlichkeit erscheinen», sagt ein Profi-Verwaltungsrat, der nicht genannt sein will. Das tat Wehrli jedoch nicht. Gegenüber White Tale vermied er lange jeden Kontakt. Erst vergangene Woche war er erstmals bereit, sich mit dem aufsässigen Hauptaktionär zu treffen, obwohl dieser mehr als 20 Prozent der Aktien kontrolliert. Zuvor überliess er die Gespräche dem Konzernchef und dessen Entourage.

Daniel Sauter (Julius Bär, l.) und Rudolf Wehrli (Clariant). Bilder: PD

Wie es anders geht, zeigt der Fall Sika: Auch der Zuger Bauchemiekonzern liegt sich seit längerem mit dem Hauptaktionär in den Haaren. Sika soll gegen den Willen des Managements und des Verwaltungsrats verkauft werden. Im seit 2014 schwelenden Übernahmekampf war es stets Verwaltungsratspräsident Paul Hälg, der das Wort führte. Der mittlerweile zurückgetretene Konzernchef Jan Jenisch äusserte sich nur ab und zu zum Deal – und konzentrierte sich ansonsten auf die Weiterführung des operativen Geschäfts.

«Ganz generell gilt, dass der Verwaltungsrat bei strategisch wichtigen Themen wahrnehmbar sein muss.Doris Aebi, Headhunterin

Schon bei der gescheiterten Fusion von Clariant mit Huntsman hatte sich Wehrli vornehm im Hintergrund gehalten und das Feld dem Konzernchef überlassen. Kottmann habe schon immer für den Verwaltungsrat gesprochen, insbesondere in strategischen Fragen, begründet Clariant-Sprecher Kai Rolker. «Das ist im Interesse einer einheitlichen Kommunikationspolitik und aufgrund der unbestrittenen fachlichen Kompetenzen von Herrn Kottmann eine logische und bewährte Regelung.»

Headhunterin Doris Aebi sieht den Ball jedoch beim strategischen Gremium: «Ganz generell gilt, dass der Verwaltungsrat bei strategisch wichtigen Themen wahrnehmbar sein muss. Dies gilt insbesondere, wenn seine Pläne über längere Zeit in der öffentlichen Kritik stehen.» Das sei nicht nur für die Aktionäre wichtig, sondern auch für Kunden und Mitarbeiter, um in einer solchen Phase der Auseinandersetzung der aufkommenden Verunsicherung entgegenzuwirken.

Der Präsident und der Konzernchef als Dreamteam, das am selben Strick zieht – aus der Sicht einer guten Unternehmensführung wäre dies das Idealszenario. Die Realität aber sieht häufig anders aus. Immer wieder arbeiten sich Konzernchefs zu Figuren hoch, die faktisch den Verwaltungsratspräsidenten führen. Ganz nach dem Motto: «Wer ist unter mir Präsident?» Ein klassisches Beispiel hierfür war die Swissair: Der blitzgescheite Konzernchef Philippe Bruggisser trieb seine brandgefährliche Hunterstrategie dermassen selbstsicher voran, dass sich der Verwaltungsrat erst sehr spät getraute, dem ganzen ein Ende zu setzen. Zu spät, wie man heute weiss.

Gute Zahlen festigen die Macht des Konzernchefs

Der wichtigste Grund für eine Verselbstständigung des Konzernchefs sind paradoxerweise erfreuliche Zahlen. «Einen starken CEO zu führen, ist nicht einfach, vor allem wenn er gute Resultate liefert», sagt Philippe Hertig, Partner beim ­Kader-Vermittler Egon Zehnder. Das sei zwar erfreulich, es bestehe aber auch die Gefahr, dass der Konzernchef sich zum ­Alleinherrscher entwickle. Denn wenn er den Gewinn steigert, getraut sich der Verwaltungsrat weniger, die unangenehmen Dinge anzusprechen. Etwa die Frage nach potenziellen Nachfolgern. Welcher Chef hört schon gerne, dass man bereits eine Welt ohne ihn plant? Bei Julius Bär scheint genau das passiert zu sein. «Der Verwaltungsrat hat das Thema Nachfolge schlicht verschlafen», sagt ein Kenner der Verhältnisse.

Doch die Rolle als oberstes Kontrollgremium zu erfüllen, ist nicht einfach. Denn der Konzernchef hat einen grossen Wissensvorsprung. Versteht er es dann auch noch, den Verwaltungsrat mittels gezielter Taktik zu beeinflussen, kippt das Machtverhältnis schnell. Eine «selektive Informationsweitergabe» sei dabei der «Klassiker», weiss Philippe Hertig. Boris Collardi verstand dieses Spiel gemäss Quellen hervorragend. Er sorgte dafür, dass die Informationshoheit immer bei ihm lag.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.12.2017, 19:56 Uhr

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