Wenn der Partner das ganze Konto plündert

Jeder zehnte 85-jährige Mensch ist Opfer von finanziellem Missbrauch durch ihm nahestehende Personen.

Finanzieller Druck kommt im Alter vor allem aus dem engsten Umfeld: Ein Rentnerpaar beim Spaziergang. (Symbolbild)

Finanzieller Druck kommt im Alter vor allem aus dem engsten Umfeld: Ein Rentnerpaar beim Spaziergang. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Die betagte Witwe – nennen wir sie Martha – ahnt nichts Böses. Sie ist glücklich. Der Mann, den sie vor gut einem Jahr kennen gelernt hat, umsorgt sie. Ein bisschen eifersüchtig ist sie schon, schliesslich macht er keinen Hehl daraus, dass er noch eine zweite Freundin hat. Eine wie Martha. Eine, die er regelmässig besucht. Eine, die er umgarnt.

Sie müsse sich um nichts mehr Gedanken machen, hat er gesagt. Der Galante erledigt ihre Administration und regelt das Finanzielle. Dafür überlässt ihm Martha dankbar das Bankkärtchen und stellt ihm eine Vollmacht auf ihr Konto aus. Doch dann muss die Seniorin ins Spital, von dort ins Altersheim. Die Organisation Büro-Spitex, die sich um administrative Belange von Senioren kümmert, kommt ins Spiel – und dem Mann auf die Schliche.

Denn während die Betagte im Spitalbett lag, plünderte er nach und nach ihr Konto. Er hob den fünfstelligen Betrag ab – bis auf den letzen Rappen. Darauf angesprochen, stritt der Mann erst alles ab, argumentierte später, ihm seien bei der Betreuung von Martha Kosten entstanden. Er weigert sich, das Geld zurückzuzahlen. «Die Seniorin hätte ihren Lebensabend gerne in einem Einzelzimmer verbracht, kann es sich aber unter diesen Umständen nicht mehr leisten», sagt Janine Brunke, Regionalleiterin bei Büro-Spitex. Trotzdem weigert sich Martha, zur Polizei zu gehen. Sie sagt, es bräche ihr das Herz, ihren Partner anzuzeigen.

«Man unterschätzt, wie viele Senioren einsam sind»

Janine Brunke stellt bei ihrer Arbeit fest, dass ältere Menschen, die sich nach Nähe und Aufmerksamkeit sehnen, schnell auf Leute reinfallen, die es nicht gut mit ihnen meinen. «Die heutige Gesellschaftsstruktur lässt Senioren eher vereinsamen als früher. Man unterschätzt, wie viele Menschen allein sind.» Wohl auch darum nähmen die Fälle von finanziellem Missbrauch zu.

Tatsächlich zeigt eine jüngst veröffentlichte nationale Studie von Pro Senectute Schweiz und des Instituts zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität in Neuenburg: Jeder zehnte 85-Jährige ist Opfer von finanziellen Übergriffen, begangen von ihm nahestehenden Personen. Etwa Angehörige, die ihre Eltern nicht ins Altersheim ziehen lassen, weil die Kosten das Erbe schmälern. Oder ihnen aus diesem Grund in einem Pflegeheim kein Einzelzimmer gönnen. Aber auch Töchter, die sich heimlich vom Konto des Vaters bedienen, während sie für ihn Geld abheben. Oder erwachsene Söhne, die in der Wohnung der Mutter hausen, ihr dafür aber keine Miete zahlen und sie so um Ergänzungsleistungen bringen, weil der Staat damit rechnet, dass der Mieter seinen Beitrag leistet.

Die Studie veranschaulicht, dass es häufig um die missbräuchliche Kontrolle der Ausgaben oder um die Verwendung von Geld ohne Einwilligung geht. Hochgerechnet sind 87 761 Betagte allein zwischen Februar und März 2018 Opfer geworden: Weil Nahestehende versuchten, ihre Ausgaben zu begrenzen (27 457), diese Geld gegen ihren Willen verwendeten (23 691), gegen ihren Willen auf ihre Kosten lebten (19 383) oder weil ein Angehöriger Druck ausübte, um Geld zu erhalten (17 230).

Sie schweigen aus Angst vor Liebesentzug und Ausgrenzung

Die Forscher stellen fest, dass finanzielle Übergriffe im privaten Kontext stets im Rahmen einer Vertrauensbeziehung begangen werden. Sie sind «ohne Zweifel die am schwierigsten messbare Missbrauchsform». Ihre Studie fördert an den Tag, dass die Senioren kaum über diese Fälle sprechen – noch seltener holen sie sich deswegen Hilfe. «Selbst dann nicht, wenn sich die Senioren nur deshalb in einer finanziellen Notlage befinden», sagt Marcel Amhof, Kommunikationsverantwortlicher der Gemeinde Wallisellen ZH. Dort ist die Stiftung Lunaplus gemeinsam mit der Beauftragten für Altersfragen um das Wohlergehen von älteren Menschen besorgt.

Die Betreuer würden eher zufällig darauf stossen, denn diese Situationen seien stets mit viel Emotionen verbunden – und die Hemmungen, Familienmitglieder anzuschwärzen oder gar zu beschuldigen, meist viel zu gross. «Das Familiengefüge ist für alte Menschen ein sehr wichtiges Gut, wovon sie mit fortschreitendem Alter abhängiger werden», sagt Amhof. Die Angehörigen hätten deshalb viel Macht. Etwa wenn sie andeuteten, auf Besuche zu verzichten, wenn das Finanzielle nicht nach ihrem Gusto laufe. «Das Schweigen der Senioren über diese Fälle wurzelt in der Angst vor Liebesentzug oder vor sozialer Ausgrenzung.» Für Amhof steht fest: «Das Thema ist nicht neu, nur redet man heute darüber.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.10.2018, 10:41 Uhr

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