Philosophen entdecken den Sex

Gleich mehrere Bücher sind erschienen, die Philosophie und Sexualität miteinander verkuppeln. Was taugen sie? Der Test.

Es sind fast ausschliesslich ältere Männer, die über das Thema nachgedacht und geschrieben haben. Illustration: Stephan Schmitz

Es sind fast ausschliesslich ältere Männer, die über das Thema nachgedacht und geschrieben haben. Illustration: Stephan Schmitz

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Wer seine Fantasie etwas galoppieren lässt, kann sich wohl alles Mögliche vorstellen, was in den Momenten geschieht, für die das Wörtchen Sex reserviert ist: Sensationelles und Sinnliches, Komisches, Peinliches und Abartiges. Nur eines übersteigt wahrscheinlich das Vorstellungsvermögen der meisten: dass jemandem mitten im Liebesspiel der drängende Gedanke durchs Gehirn zischt, was Immanuel Kant oder ein anderer Philosoph wohl dazu sagen würde, was da gerade geschieht.

Nun aber sind gleich mehrere Bücher erschienen, die Philosophie und Sex miteinander verkuppeln und einen Platz auf unserem Nachttischchen erobern wollen. Darunter ein inhaltsschweres Büchlein mit dem Titel «Sexistenz» und eine «Philosophie des Orgasmus». Es sind fast ausschliesslich ältere Männer, die über das Thema nachgedacht und geschrieben haben. Die Frauen haben wohl Relevanteres zu tun, retten wahrscheinlich gerade den Planeten oder kämpfen ausserhalb des Bettes für soziale Gerechtigkeit.


Wer philosophisch über Sex schreibt, betritt immer noch Neuland.
Illustration: Stephan Schmitz

Warum aber eine Philosophie des Sexes? Zunächst einmal, weil das Thema einen Eroberungstrieb befriedigt: Wer philosophisch über Sex schreibt, betritt immer noch Neuland. Zwar haben Philosophen über alle Megathemen nachgedacht – Liebe, Gott, Geld, Tod –, aber just über Sex haben sie sich zurückhaltend geäussert, sind über das Thema hinweggegangen oder schwiegen sich ganz aus.

«Ich würde gerne hören, wie sie über ihr Sexleben reden», sagte der französische Philosoph Jacques Derrida, als man ihn fragte, was er in einem Dokumentarfilm von Hegel, Kant oder Heidegger erfahren möchte. «Also ich will jetzt keinen Porno über Hegel oder Heidegger sehen», so Derrida weiter, «aber warum präsentieren sie sich als asexuell in ihren Werken? Warum haben sie ihr Privatleben aus ihren Texten entfernt?»

Narzisstische Kränkung von Willen und Vernunft

Ja, warum? Weil das Erleben von Sex radikal subjektiv ist, vom Begehren, den Trieben, Affekten und dem Selbstverlust bestimmt und damit allem Vernünftigen und allem widerspricht, was sich verallgemeinern lässt. Beim Grossteil der Philosophen erscheint Sex denn auch zunächst als Problem, als eine narzisstische Kränkung, die «Willen und Vernunft» demütigt. So zumindest der französische Philosoph André Comte-Spon­ville, der jüngst eine kleine Philosophie des Sexes geschrieben hat. Ihr zufolge ist alles am Sex zu viel: die Emotionalität, der Egoismus und die Gier. Nicht zuletzt wohl auch die Dummheit, was für Philosophen so etwas wie der Nullpunkt ist, von dem sie sich in ihrem Denken und Schreiben hinwegbewegen wollen.

Die Hirnforschung könnte hier ihr Veto einlegen: Gemäss ihren Studien ist das Gehirn des Mannes im Moment des Orgasmus stark durchblutet, das der Frau sei sogar hyperaktiv. Aber was wäre so schlimm, für einige Momente ein wenig blöd und unvernünftig zu sein, wenn es Spass macht, wenn wir uns dabei ganz frei fühlen? «Das Licht der Aufklärung schreckt davor zurück», heisst es bei Comte-Sponville. Im grossen Bogen seines kleinen Buches kommentiert er, was Philosophen zur Sexualität gesagt haben, wobei diese Zusammenschau einem Stück Raubtierkunde gleicht: Die Frauen seien «mit einem gefrässigen, unersättlichen Tier» ausgestattet, die Männer mit einem «aufsässigen und tyrannischen Glied», heisst es bei Montaigne, einem Mann des 16. Jahrhunderts. Beide – das «tyrannische Glied» und das «unersättliche Tier» – würden «keinerlei Aufschub» dulden und «Menschen wie Tiere auf eine Stufe» stellen.

Die Vertierung des Menschen ist für die Aufklärer das Hauptproblem, an dem sie sich abarbeiten – und das nur auszuhalten ist, wenn es einem Zweck dient, sprich, der Fortpflanzung. So ist für Kant die «Liebe zum Geschlecht» nur dafür da, die Menschengattung zu erhalten. An anderer Stelle schreibt er von einer «Geschlechtsgemeinschaft», worunter er den «wechselseitigen Gebrauch» zu erfassen versucht, «den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht». Viel technischer kann man das Schöne wohl nicht beschreiben. Kant selbst war denn auch nie Teil einer solchen organischen Gemeinschaft: Er starb kinderlos und soll bei seinem Tod im Alter von knapp 80 Jahren noch jungfräulich gewesen sein.

Genuss ohne Zweck – wie der weibliche Orgasmus

Kant wirkt antiquiert. Zumindest in einer Zeit, in der im Bett fast alles erlaubt ist und für die Reproduktion andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Heute wünscht man sich von den Philosophen wohl eine Rechtfertigung des Sexes, die über das «macht Spass» hinausgeht – im Namen eines guten Lebens oder zwecks Veredelung unseres Selbstbildes. Gerade in seinem zu viel und seiner Zwecklosigkeit könnte der Zweck des Sexes zu erkennen sein, können wir uns dabei doch allem widersetzen, was uns sonst so fest im Griff hat: der Zielgerichtetheit und dem Gewinnstreben, also kurz dem, was bei einigen Philosophen verdinglichte Rationalität genannt wird.

Das ist der Hintergrund, vor dem Claus-Steffen Mahnkopf in seiner «Philosophie des Orgasmus» den weiblichen Höhepunkt zum Ideal im Sinne eines guten Lebens erhebt: Da eine Fortpflanzung auch ohne den Orgasmus der Frau möglich ist, sei er evolutionär überflüssig – ohne Zweck, ausser demjenigen, Lust zu bereiten. Zugleich sei der weibliche Orgasmus physiologisch komplexer: Er «kommt, wenn er kommt, häufiger und dauert länger». Mahnkopf liefert dazu auch die Zahlen: 12,2 Sekunden sind es im Durchschnitt, die der Mann «orgasmiert», die Frau «kommt» zwischen 13 und 51 Sekunden lang.

Für Mahnkopf liegt die «Aufgabe der Stunde» daher in der «Feminisierung» des Orgasmus, ja «darin liegt seine Befreiung». Dafür müsse man den männlichen Orgasmus von Vorstellungen der Macht, Stärke, Kraft, Potenz, Schnelligkeit und linearer Zielgerichtetheit befreien, ihn von seiner biologischen Funktion «ein Stück weit» befreien, «um sich zu humanisieren und zu kultivieren». Wenn man Mahnkopfs «Philosophie des Orgasmus» folgt, ist es bis zur kultivierten Vermenschlichung und der damit einhergehenden Befreiung des Mannes noch ein langer Weg: In seinem Leben kommt ein Mann im Durchschnitt auf gesamthaft zwölf «Orgasmusstunden», eine Frau auf lediglich zwei, «da viele ihn nicht kennen», wie Mahnkopf schreibt.

Der Orgasmus als Gott

Nichts gegen eine Feminisierung unserer Gesellschaft. Aber klingt Mahnkopfs Forderung nach einer Angleichung des männlichen Orgasmus nicht etwas arg nach Optimierung von Quantität und Qualität, nach Beckenbodenübungen, Tantra und Tao? Gewiss, die Vorstellung klingt schön, dass heterosexuelle Paare sich so aufeinander einschwingen könnten, dass von einer Art geschlechtlichem Mini-Kommunismus die Rede sein könnte, weil die beiden dann tatsächlich «gleich» sind. Die Homosexuellen haben uns da allenfalls schon etwas voraus.

Irgendwie wirkt das aber alles ein wenig esoterisch. Und tatsächlich finden wir bei Mahnkopf einige Stellen, die als Vorlage für eine Art Sex-Religion dienen könnten – mit dem Orgasmus als Gott. Wenn da etwa Friedrich Nietzsche zitiert wird mit seinem «alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit». Oder wenn Mahnkopf das Gedankenspiel anfügt, wir könnten uns mit allen in der Menschheitsgeschichte verbunden fühlen, weil wir über männliche (!) Orgasmen in einer Art Kette mit den Urmenschen verbunden sind. Andernorts wird die Amélie erwähnt, die im Film über ihre «wunderbare Welt» darüber nachdenkt, wie viele Menschen in Paris gerade in diesem Moment einen Orgasmus haben. Sie kommt auf 15.

Vielleicht sollten wir nochmals an den Raubtierkäfigen der Aufklärer vorbeigehen, um den Trieb in Rechnung zu stellen.

Das klingt jetzt fast zu friedlich, nach einer Philosophie mit staunend-verträumten Kulleraugen. Ist es nicht etwas naiv, dass wir tatsächlich erst dann frei sind, wenn wir einen «weiblichen» Orgasmus haben, der bei Mahnkopf mal mit einem «Mini-Urknall» assoziiert wird? Tollen nicht unterschiedliche Vorstellungen von Sex aus Filmen, der Literatur und der Pornografie durch unser Bett, wenn wir «es» machen, weil wir zwar einen Trieb haben, aber uns – so Comte-Sponville – die alles erschöpfende «Bedienungsanleitung» fehlt, wie er befriedigt werden kann?

Vielleicht sollten wir nochmals an den Raubtierkäfigen der Aufklärer vorbeigehen, um den Trieb in Rechnung zu stellen – und zu sehen, wie möglicherweise nochmals alles anders gedacht werden könnte: Der Eros, wie ihn Sigmund Freud beschreibt, «ist kein Gott, sondern ein Dämon, der uns vor die Aufgabe stellt, uns mittels einer Energie zu messen, die sich nicht erfassen und zuordnen lässt», lesen wir im Buch «Sexistenz» des Franzosen Jean-Luc Nancy. Ihm zufolge ist der Eros eine Kraft, «die ebenso ungestüm frei (und deshalb nicht ‹zu befreien›)» ist wie unwiderstehlich, also «fatal».

Sex und alltägliches Dasein als Ekstase

Was wir als unser unverfälschtes Inneres oder Ich halten, ist uns in seiner Vollständigkeit nicht nur unzugänglich. Gemäss Jean-Luc Nancy ist es auch von einem Aussen bestimmt, wo sich unser Begehren rumtreibt. Das heisst, wir sind immer schon ausser uns, ekstatisch, abhängig von anderen, auf die sich unser Begehren konzentriert – beim Sex oder in der Fantasie. Das ist das, was Nancy mit dem Wort «Sexistenz» zu beschreiben versucht.

Die Aufgabe der Stunde – und darüber hinaus – wäre daher ein Nachdenken über eine Art Ethik dieser Existenz. Nicht nur, wenn Sophie Wennerscheid in ihrem Buch über Sexmaschinen darüber nachdenkt, wie und für was Puppen und Maschinen in Anspruch genommen werden können, die der Befriedigung dienen. Nachzudenken wäre vielmehr darüber, wie Gemeinschaft möglich ist, wenn wir auch im Alltag ausser uns sind und wir trotz aller Panzerungen verletzbar und offen sind wie beim Sex.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.04.2019, 17:33 Uhr

Die philosophischen Sex-Bücher

Plädoyer für den weiblichen Orgasmus

Claus-Steffen Mahnkopf: Philosophie des Orgasmus. Suhrkamp, 246 Seiten, ca. 19 Fr.

Claus-Steffen Mahnkopf verbindet seine Beschäftigung mit dem Höhepunkt mit einem Plädoyer für eine Verweiblichung des Orgasmus. Da der Autor Musiker ist, gibt es bei ihm auch Ausführungen zur Kunst, ergänzt mit Belegen aus den Statistiken der Naturwissenschaften.

Sex als Abgrund und Sonne

André Comte-Sponville: Sex. Eine kleine Philosophie. Diogenes, 169 Seiten, ca. 14 Fr.

André Comte-Sponvilles Sex-Buch ist eine gute Zusammenfassung, was berühmte Philosophen wie Kant, Schopenhauer oder Nietzsche zum Thema gesagt haben. Comte-Sponville selbst sieht im Sex das Begehren am Werk: als Abgrund, eine Sonne, eine «Nacht am hellen Tag».

Sex als Ekstase

Jean-Luc Nancy: Sexistenz. Diaphanes, 160 Seiten, ca. 27 Fr.

Jean-Luc Nancy hat sein Leben lang über Formen der Gemeinschaft nachgedacht, die sich nicht in Ideologien wie dem Kommunismus erschöpfen. Nun also auch über den Sex. Entstanden ist ein sprachschönes, äusserst anspruchsvolles Buch, das weit über den Sex hinausweist.

Wie geht das mit den Maschinen?

Sophie Wennerscheid: Sex Machina. Matthes & Seitz, 239 Seiten, ca. 29 Fr.

Sophie Wennerscheid kann der Vorstellung des Robotersexes durchaus etwas abgewinnen – als ein unser «Selbstverständnis erweiterndes Miteinander». Sie erwägt aber auch Gefahren, etwa die, ob die Haltung gegenüber den Maschinen sich auf reale Frauen überträgt.

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