«Lieber Pöstler, bring das nächste Mal doch etwas Geduld mit»

Aus Zeitnot verzichten Postboten oft aufs Klingeln – oder sind bereits weg, wenn man die Tür öffnet. Wer trägt die Schuld?

«Wiederholt» Beschwerden: Päcklipöstler würden teilweise gar nicht klingeln, sondern direkt den Abholschein in den Briefkasten werfen. Bild: Keystone

«Wiederholt» Beschwerden: Päcklipöstler würden teilweise gar nicht klingeln, sondern direkt den Abholschein in den Briefkasten werfen. Bild: Keystone

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Es ist die Art passiv-aggressiver Hinweiszettel, die Mieter in Mehrfamilienhäusern nur zu gut kennen: viele Grossbuchstaben, Leuchtstift-markierungen, mehr Ausrufezeichen als nötig. Doch er richtet sich nicht an Anwohner, welche die Waschküche blockieren oder ihr Velo falsch parkieren. «Lieber Paketbote!!», steht auf diesem Exemplar, angebracht an der Haustür eines Altbaus in Zürich-Enge. «Ich beginne mich zu fragen, ob es dich wirklich gibt. Ich war wirklich, wirklich, wirklich daheim!!!», geht es weiter. «Die Klingel funktioniert, ich war aufmerksam. Doch als ich dann nach vergeblichem Warten nach unten ging, fand ich im Briefkasten nur einen unlesbar bekritzelten Abholzettel vor!»

Der Verfasser ist mit seiner Sorge nicht allein. Wiederholt erzählen Postkunden, dass ihr Päcklipöstler gar nicht erst klingelt, sondern direkt den Abholschein in den Briefkasten wirft – obwohl jemand zu Hause war. Das bestätigt die Ombudsstelle Postcom. Sie erhalte «wiederholt» Beschwerden zum Thema, sagt Ombudsfrau Marianne Sonder.

In anderen Fällen beklagten sich Kunden, dass der Bote zwar läute, aber nicht warte, bis man es zur Tür geschafft habe. «Irgendwann bin ich regelrecht obsessiv geworden», berichtet eine Kundin. Sie habe die Zeit gestoppt, die sie zur Tür brauche. «Bis zu 30 Sekunden sollte man schon auf mich warten können», sagte sie. Irgendwann habe sie dem Boten dann «aufgelauert» und ihn auf die Problematik angesprochen.

«Wenn man pro Auslieferung weniger als eine Minute hat, dann geht es nicht anders.»Ehemaliger Paketbote

Die Erkenntnis aus dem Gespräch: Die Schuld nur bei den Pöstlern zu suchen, sei nicht weit genug gedacht. Denn oft liegt es an den Umständen und der Arbeitslast, dass die Boten so handeln. Auch Marianne Sonder vermutet hinter dem Problem, dass die Anzahl der Päckli stark zugenommen hat und die Postboten daher unter Zeitdruck stehen.

Das bestätigt ein ehemaliger Bote, der inzwischen als Taxifahrer arbeitet und anonym bleiben möchte. «Teilweise hat man auf den Touren so wenig Zeit, dass man die Tour in der Arbeitszeit nicht erledigen kann. Da kann man nicht warten, bis jemand öffnet», berichtet er. Auch er habe teilweise ganz aufs Klingeln verzichtet und nur hektisch den Zettel ausgefüllt und eingeworfen. «Wenn man pro Auslieferung weniger als eine Minute hat, dann geht es nicht anders.»

Mehraufwand für Kunde und Bote

Wie viel Zeit pro Päckchen die Boten haben, variiert – und wird von der Post nicht klar kommuniziert. «Aus Konkurrenzgründen können wir die Tourenplanung der Paketboten nicht offenlegen», so Sprecherin Masha Foursova. Für die täglichen Zustelltouren gebe es zeitliche Richtwerte. Diese berechne die Post anhand von Distanzen, Topografie, Paketmenge, Kundenstruktur und Erfahrungswerten. «Es kann nicht pauschal beantwortet werden, wie lange ein Bote für die Zustellung eines Paketes Zeit hat oder wie viele Pakete ein Bote pro Tag zustellen muss.»

Es bringe weder dem Kunden noch dem Paketboten einen Vorteil, die Abholeinladung anstelle des Paketes zurückzulassen, betont die Sprecherin. «Ansonsten müssen Kunde und Pöstler einen Mehraufwand leisten – wie etwa den Gang zur Filiale oder das Ausfüllen der Abholungseinladung.»

Foursova sagt aber auch: «Es ist unbestritten, dass der Online-Einkauf laufend an Beliebtheit gewinnt, was dazu führt, dass Paketboten täglich mehr Pakete ausliefern.» Daher habe man in den letzten fünf Jahren rund 300 Paketboten zusätzlich angestellt.

Kunde soll den Zeitpunkt der Zustellung bestimmen

Dennoch: Gerade in dicht besiedelten Gebieten sei der Druck immer noch hoch, so Christian Capacoel, Sprecher der Gewerkschaft Syndicom. Die Boten stünden unter Druck, die erforderliche Menge auszuliefern. Was man in seiner Arbeitszeit nicht schaffe, müsse man als Gratisarbeit ausserhalb der bezahlten Stunden erledigen – oder die entstandene Lücke sehr genau rechtfertigen können. Und das sorge für psychischen Druck: Wenn ein Mitarbeiter öfter seinen Richtwert nicht erreiche, könne das im Mitarbeitergespräch zur Sprache kommen.

Die Post bleibt dabei: Man sei sich keiner Häufung von Fällen bewusst, in denen die Boten nicht klingeln. Man bitte betroffene Kunden, sich beim Kundendienst zu melden. Doch die Stiftung für Konsumentenschutz bemängelt den Umgang der Post mit Beschwerden. Die Abläufe seien «wenig kundenfreundlich», so Geschäftsleiterin Sara Stalder. Viel zu oft werde die Verantwortung an die Konsumenten abgeschoben. «Die Kunden befinden sich natürlich in einem Beweisnotstand», sagt auch Ombudsfrau Sonder.

Die Post beruft sich zum einen auf die elektronisch erstellten Zustellbestätigungen – also auf das, was die Boten bei der Auslieferung in ihre kleinen, tragbaren Geräte eingeben. In anderen Fällen sei entgegnet worden, die Klingel habe nicht funktioniert, auch wenn sich die Kunden sicher waren, dass das nicht stimme. Verhindern könne man Unannehmlichkeiten, indem man online oder am Schalter genau angebe, wie, wann und wo das Päckli ausgeliefert werden solle. Das klingt zunächst zwar nach viel Aufwand. Gegenüber dem Lauern auf den Boten oder dem Schreiben aggressiver Zettel scheint es allerdings die beste Alternative.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 16. September 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.09.2018, 16:37 Uhr

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