«Nächst... Halt: Höl...»

Unterwegs mit der schlechtesten Regionalbahn der Schweiz – und mit der besten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

27,91 Punkte trennen Jubel von Konsternierung. Top von Flop. Den Anführer vom Nachzügler: die Meiringen-Innertkirchen-Bahn (MIB) von der Waldenburgerbahn. Eine Qualitätsmessung des Bundesamtes für Verkehr hat letzte Woche den Berner Oberländer Zug zur besten Regionalbahn der Schweiz gekrönt, jenen aus dem Baselland zur schlechtesten gestempelt. Ein Augenschein bei den beiden Kleinstbahnen:

Waldenburg BL

Im angealterten Sackbahnhof der 1100-Seelen-Gemeinde stehen drei rot-weisse Waggons der Waldenburgerbahn. Es ist kurz nach 7 Uhr. Auf dem Perron zieht ein Mann in Arbeiterkluft noch ein letztes Mal an seiner Zigarette. Hastig nimmt er die drei hohen Stufen, kurz bevor sich die Falttür schliesst, und setzt sich in eines der Viererabteile. Auf der anderen Seite des Ganges nickt eine Dame im Zweierabteil ein stummes «Guten Morgen» und tippt weiter auf ihrem Handy. Hinter ihr packt ein Geschäftsmann im ­Anzug seinen Laptop aus und legt den ­Rechner auf seine Knie. Tischchen hat es in der Bahn keine. Eine Schülerin schmökert in einer Pendlerzeitung. Es ist mucks­mäuschenstill.

Innertkirchen BE

Bunte Blumen und ein hölzerner Zwerg schmücken die moderne Station Grimseltor im Haslital. Der rot-weisse Triebwagen der MIB fährt vor. Es ist kurz nach 7 Uhr. Ein Seniorenpaar und eine junge Frau sind mit dem Bus aus dem Nachbarsdorf Guttannen angereist. Die Rentner unterwegs zur Enkelhüeti, die junge Hotelangestellte zur Arbeit. Auf dem Weg nach Meiringen nehmen sie ab hier die Bahn. Dass diese in die Gegenrichtung fährt, kümmert sie nicht. «Es ist gemütlicher im Zug als hier draussen», sagt die Seniorin. Deshalb fahren sie bis zur folgenden Endstation mit, wo die Bahn beim Hauptsitz der Kraftwerke Oberhasli (KWO) wendet. Dort marschiert Lokführer Werner Schneider durch den Waggon in den anderen Führerstand. Seit 19 Jahren lenkt er die MIB und begrüsst im Vorbeigehen seine Fahrgäste.

Bilder: Top und Flop

Waldenburg

Die Dreierkomposition setzt sich in Bewegung. Kaum hat sie Tempo aufgenommen, ist es mit der Ruhe vorbei – nicht nur, weil einige Fenster offen stehen. Durch den Fahrtlärm verkommt die Ansage der nächsten Station zu einem unverständlichen Knattern: «Nächst.... Halt: Höl...» kündigt Hölstein an. Das ist der Hauptgrund, weshalb die Bahn bei der Qualitätsmessung schlecht abschnitt. «Die Fahrgastinformation ist im fahrenden Zug schlecht hörbar», sagt Alfred Schödler, stellvertretender Direktor der Baselland Transport AG (BLT). Die Betreiberin der Waldenburgerbahn hat darauf reagiert. Sie hat ihre Angestellten angewiesen, künftig den nächsten Halt im noch stehenden Zug anzukündigen.

Innertkirchen

Lokführer Werner Schneider fährt an, bereits zum fünften Mal geht es an diesem Morgen Richtung Meiringen. Keine zwei Minuten später kündigt er die Station Grimseltor an. Seine Durchsage ist hörbar, obschon auch sein Fahrzeug laut ist. «Das ist der alte ­Wagen», weiss die Seniorin. Der reguläre Zug sei leiser. Die Ansagen darin automatisiert und in Deutsch, Französisch und Englisch. «Das reguläre Fahrzeug ist in der Werkstatt, deshalb verkehrt der alte Ersatzzug», sagt Schneider.

Waldenburg

«Die Bahn ist eine Zumutung», sagt der Geschäftsmann. Laut, im Sommer stickig heiss, weil unklimatisiert, und die Platzverhältnisse jene der Holzklasse. Das wird deutlich, je näher die Endstation Liestal kommt. Der Zug füllt sich mit Pendlern, was Gross­gewachsene zwingt, die Knie seitlich anzuziehen, damit sie nicht die Beine ihres Gegenübers berühren. Trotzdem zeigt der Geschäftsmann gewisses Verständnis, schliesslich ist eine Besserung in Sicht: Die Waldenburgerbahn werde im Zuge der nächsten vier Jahre totalsaniert. «Wir investieren bis zum Fahrplanwechsel 2022 rund 250 Millionen Franken in die Infrastruktur und weitere 60 Millionen in neues Rollmaterial», sagt der stellvertretende Direktor Schödler.

Innertkirchen

In Meiringen verabschieden sich die Senioren von ihrer jungen Nachbarin – und von Lokführer Werner Schneider. Er wendet sein Fahrzeug. Dieses auf der nächsten Fahrt zum Hauptsitz der Kraftwerke Oberhasli, der Betreiberin der Bahn, zum mobilen Stammtisch mutiert. Die KWO-Angestellten tauschen auf ihrem Weg zur Arbeit den neusten Klatsch aus, reden übers Wetter, den anstehenden Tag. Man ist per Du.

Waldenburg

Die Waldenburgerbahn wendet in Liestal. Dort nimmt Stammpendler Finn in einem Viererabteil Platz. Er hat sich an den alten Zug gewöhnt und findet auch lobende Worte: «Er ist immer pünktlich.» Gewöhnungsbedürftig sei indes, dass man wie im Bus bei einigen Stationen einen Halt per Knopfdruck verlangen müsse. «Die Bahn ist auch schon weitergefahren», sagt er schmunzelnd. Er bemängelt hingegen, dass die Billettkontrolleure meist unfreundlich seien.

Innertkirchen

Auch auf der Strecke von Meiringen nach Innertkirchen hält die Bahn mancherorts nur auf Verlangen. So etwa bei der Station Aareschlucht-Ost, einer der spektakulärsten Haltestellen auf dem Schweizer Schienennetz. Sie befindet sich in einem Tunnel, wo die Platzverhältnisse eng sind. Der Stopp lockt etliche Touristen an und fordert Lokführer Schneider Präzision ab, denn dort öffnet sich nur eine einzige Zugtür. Die Habitués der MIB stellen den Bahnangestellten ein hervorragendes Zeugnis aus: Nicht nur freundlich, sondern auch pünktlich bis überpünktlich. «Manchmal halten sie sogar nochmals an, wenn sich ein Pendler verspätet hat und sie ihn rennen sehen.»

Waldenburg

Eine Gruppe rüstiger Rentner nimmt in Liestal Platz. Sie gehen gemeinsam wandern. Sie erinnern sich an ihre Schulzeit und ihre Fahrten mit dem «Waldenburgerli», damals noch mit Dampf betrieben. «Es fuhr so langsam, dass wir uns einen Spass daraus machten, auszusteigen, mitzulaufen und wieder reinzuspringen», erinnert sich ein Senior und grinst spitzbübisch. Unisono heisst es in der Gruppe: Klar freue man sich auf die neue Bahn. Doch irgendwie werde das ­«Waldenburgerli» dann fehlen. In dieselbe Kerbe schlägt eine junge Frau. Die fehlende Klimaanlage macht ihr nichts aus, sie schätzt es, dass sie in diesem Zug noch die Fenster öffnen kann. Zwar sei es nicht das modernste Verkehrsmittel. «Aber es ist heimelig und gehört zu unserem Tal. Ich werde es vermissen.»

Innertkirchen

Nicht wegzudenken ist die MIB nicht nur für die Angestellten der Kraftwerke, sondern auch für jene Schüler des Haslitals, die nach Meiringen zur Schule gehen. Sie bevölkern den Waggon vor und nach dem Unterricht und geniessen die aufsichtsfreie Zeit sichtlich. Zwei Freundinnen stecken die Köpfe zusammen und flüstern. Im Abteil nebenan geben vier Jungs mit ihren jüngsten ­Gamer-Erfolgen an. Und im Führerstand sagt Werner Schneider zum zigsten Mal die Station Grimseltor an.

Fazit

Die Meiringen-Innertkirchen-Bahn hat einen Spitzenplatz verdient, nicht zuletzt dank der Identifizierung ihrer Mitarbeiter. Die Waldenburgerbahn entspricht zwar nicht mehr dem gängigen Standard, das lässt sich nicht schönreden. Fakt ist aber auch, dass in der Qualitätsmessung des Bundes die emotionalen Komponenten fehlen – etwa, die Verbundenheit der Bevölkerung mit der historischen Bahn. Schon allein deshalb hat das «Waldenburgerli» den zweifelhafte Titel als schlechteste Schweizer Regionalbahn nicht verdient.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 8. Juli 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.07.2018, 15:27 Uhr

Artikel zum Thema

Das sind die schlechtesten Regionalbahnen der Schweiz

Eine Erhebung des Bundes zeigt: Die Qualität im Regionalverkehr ist sehr unterschiedlich. Welche Bahnen durchfallen und welche obenaus schwingen. Mehr...

Zürcher S-Bahn: Klima-Anlagen statt Toiletten

Die SBB haben 115 Doppelstockzüge generalüberholt. Spürbar wird die Auffrischung an heissen Tagen und in der 1. Klasse. Eine Neuerung ist sehr speziell. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Umstrittene Tradition: Der spanische Matador Ruben Pinar duelliert sich am San Fermin Festival in Pamplona mit einem Stier. (14. Juli 2018)
(Bild: Susana Vera ) Mehr...