«Wenn ich als Captain nicht solidarisch bin, wer sonst?»

Stephan Lichtsteiner erklärt das Innenleben der Schweizer Mannschaft und den Hintergrund um den Doppeladler-Jubel.

Am Dienstag gegen Schweden gesperrt: Stephan Lichtsteiner, der Chef, dem viel am Thema Integration liegt. Foto: Maja Hitij/Getty Images

Am Dienstag gegen Schweden gesperrt: Stephan Lichtsteiner, der Chef, dem viel am Thema Integration liegt. Foto: Maja Hitij/Getty Images

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Was ist an dieser WM für die Schweiz möglich?
Wir waren in einer schweren Gruppe. Wir sind unbesiegt geblieben, haben fünf Punkte gewonnen, sieben wären drin gelegen. Schade, bekamen wir in der letzten Minute gegen Costa Rica noch einen Elfmeter. Aber fünf Punkte sind top.

Und jetzt? Was liegt drin?
Wir sind in einem Tableau mit spannenden Perspektiven. Schweden ist machbar. Wenn wir weiterkommen, haben wir mit England oder Kolumbien einen sehr guten Gegner, aber es ist keiner wie ­Argentinien, von dem du vor vier Jahren sagtest: Okay, da brauchst du ein Wunder, um zu gewinnen. Wir sind in den letzten drei Turnieren immer über die Gruppenphase hinausgekommen – und das souverän. Zweimal schieden wir im Achtelfinal knapp aus. Ich ­glaube, dass es nun endlich klappen wird.

Viertelfinal also.
Ja. Das muss unser Anspruch sein. Und wir wissen alle, wie viel dafür stimmen muss.

Was macht diese Mannschaft aus, gerade im Vergleich zu 2014 und 2016? Was ist jetzt anders als damals?
Die Hauptpunkte sind die Erfahrung, die Reife, das Vertrauen. Jetzt haben wir eine Superqualifikation für die EM hinter uns, eine sehr gute EM, eine Superquali­fikation für diese WM mit zehn Siegen in zwölf Spielen, inklusive dieser schweren Barrage gegen Nordirland. Das hat Vertrauen ­gegeben, das sah man beim Test gegen Spanien, das Gleiche gegen Brasilien, auch da glichen wir einen Rückstand aus. Gegen Serbien machten wir nach zwanzig sehr schweren Minuten einen sehr, sehr guten Match und gewannen 2:1.

Das zeigt …
… genau das zeigt, dass diese Mannschaft reifer geworden ist, dass sie nicht nervös wird, weil sie ihre Qualitäten kennt. Sie weiss, wenn sie ruhig bleibt, kann sie ­diese auch abrufen. Dazu kommt, dass fast alle auf höchstem Level spielen und dass immer mehr in Topclubs sind, wo sie wichtige ­Erfahrungen gemacht haben, mit Siegen, mit Kritiken, mit dem Druck, gewinnen zu müssen.

Was ist der Anteil von Vladimir Petkovic als Trainer?
Der Chef ist immer wichtig. Er gibt die Richtung vor und sagt vor dem Spiel gegen Spanien: Wir wollen gewinnen. Er sagt es vor dem Spiel gegen Brasilien, auch wenn wir alle wissen, dass es schwer wird. Er hat einen extrem guten Einfluss aufs Team, er unterstützt uns. Er gibt uns viele Freiheiten, weil er weiss: Morgen um zehn Uhr geben im Training alle wieder Vollgas und wollen auch das kleinste Spiel gewinnen. Dieses Gen, gewinnen zu wollen, haben wir uns erarbeitet. Fussball spielen ist schön, siegen ist noch schöner.

Petkovic hat nach dem Spiel gegen Costa Rica gesagt, in einigen Situationen hätte die Mannschaft versucht zu ­verlieren, aber im Augenblick sei es schwierig zu verlieren. Ist das für Sie sinnbildlich?
Unser Problem ist im Moment, dass wir die Spiele schlecht beginnen. Allein gegen Costa Rica liessen wir durch individuelle Fehler drei von vier Grosschancen zu. Da müssen wir uns sagen: He, da sind noch nicht alle zu hundert Prozent im Spiel. Da müssen wir künftig aufpassen.

Aber kann Ihr Team nicht mehr verlieren?
Ich hoffe es. (lacht)

Valon Behrami redete davon, dass die Mannschaft gar ein wenig arrogant gewesen sei.
Arrogant glaube ich nicht. Ich glaube, dass wir zu viel Vertrauen hatten. Wir wussten eben, es muss ganz dumm laufen, um nicht weiterzukommen. Und wir hörten: 1:0 für Brasilien… Wir dachten: Was soll noch passieren? Aber daran müssen wir arbeiten. Wir müssen uns sagen: Im Fussball geht es so schnell, Erfolg und Misserfolg liegen so nahe beisammen, dass du jedes Detail beachten musst. Da kommt der Captain ins Spiel, der die Mitspieler daran erinnert. Dafür sind die erfahrenen Spieler da, die schon viel gewonnen haben.

«Da hat einer einmal einen schlechten Tag und sagt etwas, das nicht so gut ist. Dann lässt man ihn in Ruhe und sagt: Das kann es geben.»

Was fehlt dieser Mannschaft? Ein absoluter Torjäger?
Natürlich willst du einen Stürmer, der aus nichts ein Tor machen kann. Trotzdem sage ich: Unsere Stürmer arbeiten defensiv so hervorragend, sie bewegen sich gut, sind immer anspielbar, gehen in die Tiefe. Vielfach werden sie aufs Toreschiessen reduziert. Aber ich bin sehr zufrieden mit ihnen. Und nicht vergessen: Josip Drmic hat gegen Costa Rica getroffen.

Wie funktioniert diese Mannschaft mit ihren höchst unterschiedlichen Charakteren?
Es macht viel Spass. Auf dem Platz ist das eine Mannschaft, die un­bedingt siegen will, in der ein ­Spieler auch einmal anecken kann, weil er einem anderen sagt, was er ­machen muss. Daraus ergibt sich das eine oder andere Wort, aber für mich ist das sehr positiv.

Und daneben?
Ist es eine junge, verspielte Gruppe, die gerne zusammen ist. Da gibt es eine Runde, die gerne pokert, heute (am Freitag) hat es ein Pingpongturnier gegeben, andere spielen Playstation miteinander. Manchmal zieht sich einer zurück und liest lieber. Aber immer sind alle integriert.

Wenn Sie von jung reden, Sie sind mit Ihren 34 …
. . . alt, ja.

Macht Sie diese Gruppe jünger?
Ich bin immer ein Kind gewesen. (lacht) Ich habe immer gerne gespielt, auch Blödsinn gemacht. Mir passt das, dass der Ehrgeiz auch beim Pingpong oder beim Fussball-Tennis durchkommt. Ich fühle mich wohl in dieser Gruppe. Aber es ist klar, sie hat seit zwei Jahren eigentlich nur Erfolg. Es wird dann interessant sein, wenn einmal eine Phase kommen sollte, in der es etwas schwieriger wird, in der wir unglücklich verlieren. Wie reagiert die Gruppe darauf?

Wo sind Sie daheim? Beim Pokern oder beim Tischtennis?
Ich habe jetzt angefangen, ein wenig zu pokern. Das ist spannend.

Der Einsatz sind Streichhölzer?
Nein, nein, ganz kleine Beträge. Damit es einfach um etwas geht.

Wie stehen Sie da?
Nach zwei schlechten Tagen bin ich wieder auf plus-minus null.

Eine WM ist mental anspruchsvoll. Wie erleben Sie das?
Wichtig ist die ganze Vorbereitung. Der Verband hat alles so organisiert, dass wir uns wohlfühlen können. Und es braucht extrem viel Feingefühl. Da hat einer einmal einen schlechten Tag, ist «hässig», reklamiert und sagt etwas, das nicht so gut ist. Dann lässt man ihn in Ruhe und sagt sich: Das ist halt passiert, das kann es geben. Darum lebt diese Gruppe. Jeder weiss, er kann einmal einen Fehler machen oder einen schlechten Tag haben, und die anderen verzeihen ihm.

Den besonderen emotionalen Moment gab es beim Spiel gegen Serbien, mit dem ­Doppeladler-Jubel von Xhaka und Shaqiri – und zur grossen Überraschung auch von Ihnen. Was ist da im Team passiert?
Wenn du ein solches Turnier anschaust, weisst du: Du hast drei Spiele, da musst du bereit sein, und wenn du es nicht bist, dann … (bricht ab) In den Köpfen war am Anfang drin: Die Konstellation ist sehr wahrscheinlich so, dass wir das zweite Spiel gewinnen müssen. Wir begannen mit dem 1:1 gegen ­Brasilien, alles gut. Aber dann ­kommen die Provokationen …

. . . vor dem Spiel gegen Serbien.
Ja, zwei, drei Tage vorher schon. Die Spieler lesen viel, sie hören viel: Das sei ja nicht die Schweiz, die spiele, sondern eine albanische ­Auswahl … Unschön. Dann kennt man die Geschichte der Eltern von Mitspielern.

Wie von Xhakas Vater, den die Serben über drei Jahre ins Gefängnis gesteckt hatten.
Trotzdem gehen wir nicht ins Spiel und empfinden Hass. Sondern wir wissen: Wir stehen unter Druck, wir müssen gewinnen. Es geht nur ums Sportliche. Wir beginnen schlecht, kriegen das 0:1, schrammen am 0:2 vorbei und gehen in die Pause. In der Garderobe gibt es zuerst ziemlich viel Unruhe, wir reden miteinander: «Jungs, bleiben wir ruhig.» Wir machen eine super zweite Hälfte, Granit erzielt das 1:1, jubelt so …

. . . mit dem Doppeladler …
. . . das ist keine böse Geste oder so. Es ist nur Freude ohne Ende. In der 90. Minute machen wir durch Xherdan das 2:1, wir wissen: He, die Qualifikation für die Achtel­finals ist jetzt ganz nah. Das ist so emotional, nichts von dem, was dann passiert, ist geplant. Es geht um Druck, um Emotionen.

Und dann jubeln Sie mit.
Wenn ich als Captain nicht solidarisch bin, wer soll es sonst sein? Wenn du dich nicht für deine Kollegen, Freunde, Lieben einsetzt, auch wenn du dich damit unbeliebt machst, hast du als Mensch wenig Werte. Es ist ein solidarischer Akt. Das hat uns noch mehr zusammengeschweisst: die 90. Minute, in einem solchen Spiel . . .

Video: Lichtsteiners Jubel

Der Captain der Schweizer Nationalmannschaft zeigt den Doppeladler. (Video: SRF/Tamedia)

Aber Ihre Reaktion, Ihr Adler, war das ein bewusster Akt?
Nein, er kam aus der Emotion heraus, aus der Solidarität. Ich musste zuerst überlegen, wie man den überhaupt macht. (lacht)

Haben Sie das Gefühl, dass die albanischstämmigen Spieler Ihnen dankbar sind? Dass sie sich sagen: Für unseren Captain sind wir jetzt erst recht da?
Es geht darum zu zeigen: Wir sind eine Einheit. Wir sind ein Land mit viel Multikulti. Ich weiss, dass das Thema spaltet, dass es für viele kein Grau gibt, sondern nur Weiss oder Schwarz. Ich weiss, dass ich ein Mensch bin, der polarisiert. Viele haben sich wohl gefragt: Wieso setzt sich der Lichtsteiner für die ein? Vor drei Jahren hat er doch . . .

. . . damals regten Sie eine Diskussion um kulturelle ­Offenheit an und um Schweizer Identifikationsfiguren, die man nicht vergessen dürfe …
. . . unter anderem, ja, und genau darum habe ich mich jetzt für Granit und Xherdan eingesetzt. Ich stehe für die Schweizer Werte ein und schaue, dass sie verteidigt werden. Solidarität ist ein Schweizer Wert, Integration ist ein anderer. Der Schweizer muss offen sein und versuchen zu helfen, damit Integration möglich wird. Wir haben ein Land, das so hervorragend funktioniert. Wenn wir es fertig bringen, solidarisch zu sein, kann es noch besser werden. Darum ist es mir gegen Serbien nie um einen politischen Akt gegangen, überhaupt nicht! Sondern nur darum: zu helfen und Farbe zu bekennen. Ich verstehe aber, dass nicht alle meine Ansicht teilen. Ich akzeptiere andere Meinungen und Haltungen. Meinungsfreiheit ist auch eine wichtige Qualität bei uns.

Bedankte sich Xhaka bei Ihnen?
Das muss er gar nicht. Wir sind eine homogene Gruppe. Ich muss auch sagen, unser Verband war sehr solidarisch mit uns Spielern. Er stand zu hundert Prozent hinter uns. Die Solidarität zog sich bei uns von A bis Z durch.

Was lernen Sie aus dem Vorfall?
Dass wir uns sagen: Probieren wir, die Emotionen im Griff zu haben! Gehen wir nicht über ein Limit! Aus den Emotionen heraus kann viel ganz spontan passieren. Aber wenn alle nur noch sagen: Okay, Tor, okay, Achtelfinal, Händeschütteln, fertig – dann stimmt doch etwas auch nicht mehr.

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(SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.06.2018, 23:58 Uhr

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