Wenn perfekt noch nicht gut genug ist

Der Selbstoptimierungswahn hat einen neuen Namen: Bio-Hacking. Man «hackt» sich, um die bestmögliche Version seiner Selbst zu schaffen. Warum tun sich Menschen das an?

Nahrungsergänzungsmittel sind old school, heute schluckt man pflanzliche Kapseln. Foto: PD

Nahrungsergänzungsmittel sind old school, heute schluckt man pflanzliche Kapseln. Foto: PD

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Das Morgenritual ist für den Bio-­Hacker heilig. Gleich nach dem Aufstehen trinkt der 20-jährige Patrick* einen Liter Wasser mit Pfefferminze, Ingwer und Zitrone. In Boxershorts geht er dann in den Garten – egal bei welchem Wetter. Dort macht er Sprünge und schreit «Yes, yes, yes», weil das Körper und Geist motiviert. Anschliessend kombiniert er Liegestütze mit Atemübungen, die das Immunsystem stärken sollen. Oft meditiert er auch, bevor er unter die kalte Dusche steigt, worauf sein Körper das Glückshormon Serotonin ausschüttet. Zum Frühstück gibt es Grüntee mit Eiern, Salat oder Nüssen, damit der Blutzuckerspiegel tagsüber harmonischer bleibt. Danach liest Patrick noch zehn Minuten in einem Klassiker, um «gute Ideen» mitzunehmen. Erst dann fühlt sich der Student für den Tag «inspiriert».

Big Business für Anbieter von Upgrade-Präparaten

Andere wären nach diesem Morgenprogramm wahrscheinlich komplett erschöpft. Doch Patrick testet damit erst seine Selbstdisziplin. «Wenn ich die Morgenroutine bewältige, ist die Chance grösser, dass ich auch meinen Tag durchziehe.

Selbstoptimierung betreibt heute so gut wie jeder. Man macht Fitness und Diäten, schluckt Vitamintabletten, kauft Bio-Food, meditiert. Patrick geht allerdings noch weiter: Er zieht sein Programm konsequent in allen Lebensbereichen durch. Es ist kein Extra, sondern eine Haltung. Human Performance Enhancement oder, salopper ausgedrückt, Bio-Hacking nennt sich dieser Life­style­trend, bei dem es darum geht, die bestmögliche Version seiner Selbst zu schaffen. Erlaubt ist alles, was hilft. Oder so tut als ob.

Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine oder gesunde Bakterien sind inzwischen old school. ­Heute schluckt man pflanzliche Moringa- oder Maca-Kapseln. Bio-Hacker vermessen ihre Körperfunktionen und optimieren den Schlaf. Manche stehen auf Vitalpilze, die das Energieniveau und die Sauerstoffaufnahme steigern sollen. Andere schwören auf technische Gadgets wie Mind Machines oder sogenannte Smartdrugs, die Konzentration und Lernfähigkeit verbessern sollen. Einige greifen gar zu Ritalin. Und alle treiben Sport.

Inzwischen ist die Selbstoptimierung ein boomendes Business. Im Internet kann man alle möglichen Upgrade-Präparate bestellen, deren Wirkung jedoch umstritten ist. Gemäss der American Academy of Neurology haben zum Beispiel nicht rezeptpflichtige Smartdrugs so gut wie keinen optimierenden ­Effekt. Welche Risiken die vielen Lifestyle-Produkte bergen, ist kaum erforscht. Den Konsumenten scheint es egal zu sein, dass ihnen findige Anbieter vor allem das Geld aus der Tasche ziehen. Hauptsache, man fühlt sich optimiert.

Ersatz für fehlenden Lebenssinn mit Suchtpotenzial

Warum aber tun wir uns diesen Perfektionswahn an? Für Claude Allaz, Kulturanthropologe an der Uni Zürich, ist Selbstoptimierung kein neues Phänomen. Potenz­mittel haben eine uralte Tradition, und die Griechen quälten sich auch schon mit Abnehmdiäten. Interessant findet Allaz aber die Motive der heutigen Gesellschaft. «Wer sich selbst optimiert, will seinen Erfolg und seine Leistung selbst kontrollieren können», erklärt ­Allaz. Man wolle sich gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil verschaffen, weil man fürchte, sonst nicht zu genügen. «Manche werden aber auch aus purer Langeweile zu Bio-Hackern. Weil ihnen eine Herausforderung im Leben fehlt», so Allaz. Wie beim Extremsport testet man seine Grenzen aus oder macht sich zu seinem eigenen Experiment. «Für einige ist Selbst­optimierung reiner Selbstzweck, der eigentliche Lebensinhalt, und natürlich kann Bio-Hacking auch zur Sucht werden.»

Patrick versteht seine Selbst­optimierung als Mittel zu einem höheren Zweck: «Ändere dich selbst, damit du die Welt verändern kannst.» Seit zwei Jahren folgt der 20-Jährige einem optimal strukturierten Tagesablauf, ohne Alkohol, ohne raffinierten ­Zucker, ohne TV-Serien. Davor war er «ganz anders». Ein Phlegma, wie er selbst sagt, er trank, kiffte, ass Fertigpizza. «Irgendwann hatte ich genug.» Als er dann zum ersten Mal meditierte, fühlte er sich «hellwach». Nach diesem Schlüsselerlebnis erfand sich Patrick neu.

Heute lernt er an einem selbst gebastelten Laufbandpult, weil Bewegung gut für die kognitiven Funktionen ist. Mehrmals pro Tag macht er fünf Minuten lang Liegestütze. Dreimal pro Tag liest er zehn Minuten. Er ernährt sich optimal. Derzeit lässt er Laktose weg, um zu sehen, was das bei ihm bewirkt. Auch bei der Selbstoptimierung gilt: Der Weg ist das Ziel. Bio-Hacker entwickeln die eigene Optimierung ­immer weiter. Und natürlich finden sie immer neue Schwachstellen, die es zu beheben gilt. Es ist ein Justier­prozess, den man ad absurdum treiben kann.

Der soziale Druck wird massiv erhöht

Nikola Biller-Andorno, Leiterin des Instituts für Biomedizinische Ethik an der Universität Zürich, steht dieser Entwicklung skeptisch gegenüber: «Für viele ist Selbstoptimierung eher der verzweifelte Versuch, in der Leistungsgesellschaft mitzukommen. Man will nicht noch besser werden, man will primär die gefühlten Defizite kompensieren.» Jeder glaubt, perfekt sein zu müssen, was den sozialen Druck enorm erhöht. «Die Krux ist, dass wir heute nicht den Durchschnitt, das Erreichbare, sondern das Ideal als Norm betrachten.»

Claude Allaz holt noch weiter aus: «Werbung zeigt uns seit Jahrzehnten, wie das perfekte Leben aussieht.» Im realen Leben geht es aber nicht um Perfektion, sondern um Perfektibilität, um die menschliche Fähigkeit, sich vervollkommnen zu wollen. Allaz gibt ein einleuchtendes Beispiel: «Es gibt keine perfekte Beziehung, aber eine Beziehung, in der sich beide ­bemühen, dass sie den möglichen Vorstellungen entspricht.» Dafür müsse man nicht nach Idealen streben, sondern sich vor allem mit sich selbst auseinandersetzen. Doch daran hapert es. «Wir wollen heute möglichst lange leben, aber immer jung bleiben. Das hat etwas Pubertäres», diagnostiziert Allaz. «Es gehört zum Erwachsenwerden, dass man sich mit dem Leben, also auch mit dem Älterwerden, auseinandersetzt, statt alles Unangenehme mit Selbstoptimierungsmassnahmen möglichst lange hinauszuzögern.»

Implantate, die Glückshormone messen

Für den 20-jährigen Patrick stehen erst mal Selbst­disziplin und Spiritualität im Zentrum. «Ich will meinen Körper und Geist stärken, aber das gelingt nur, wenn ich ganzheitlich an mir arbeite.» Er enerviert sich über all die anderen aus seiner internationalen Community, die sich optimieren, um möglichst schnell erfolgreich und reich zu werden. Das sei egoistisch. Ist Bio-Hacking nicht per se eine selbstbezogene Angelegenheit? Patrick überlegt. Eigentlich schon, aber: «Ich optimiere mich, weil ich etwas in der Welt verändern möchte.» Zum Beispiel, dass «Menschen offener, authentischer und verständnisvoller miteinander umgehen». Selbstoptimierung ist Patricks «kleine Rebellion gegen das System».

Vielleicht stehen Bio-Hackern dafür künftig sogar smarte Helfer zur Seite. Zum Beispiel intelligente Hirnimplantate, die die geistige Leistung um ein Vielfaches erweitern. Jedenfalls glauben das Fortschrittseuphoriker. Die Biomedizinerin Nikola Biller-Andorno ist vorsichtiger, aber sie traut der Forschung einiges zu. Zum Beispiel smarte Kapseln, die injiziert werden und die den Blutzuckerspiegel messen und bei Bedarf Insulin abgeben. Oder gar «Happy-Pillen», die den Glückshormonspiegel überwachen und bei Abfall Nachschub abgeben. Auch für Kulturanthropologe Claude Allaz ist diese Entwicklung realistisch. Aber er warnt: «Wenn uns ein Chip sagt, was wir tun müssen, um perfekt zu funktionieren, wäre dies die völlige Aufgabe der Selbstkontrolle.» Sprich: das genaue Gegenteil dessen, was die meisten mit der Selbstoptimierung anstreben.

* Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 25.02.2018, 18:13 Uhr

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