Blitzsauber für die Hygiene – was für ein Irrglaube!

Welche Hygienemassnahmen unnötig oder sogar schädlich sind und was Sie stattdessen beachten sollten.

Nicht jeder Putzfimmel macht Sinn. Foto: iStock

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Das mit der Hygiene ist so eine Sache. Jeder Zweite benutzt gemäss einer Umfrage zumindest gelegentlich Desinfektionsmittel. Gleichzeitig sparen sich zwei Drittel das gründliche Händewaschen nach dem ­Toilettenbesuch. Hygiene ist ein Bereich, in dem übertriebener Aktionismus und gefährliche Lässlichkeit gleichermassen verbreitet sind. Welche Hygienemassnahmen unnötig oder sogar schädlich sind und was Sie stattdessen beachten sollten.

Vorwäsche in der Waschmaschine

Wer meint, besonders gründlich zu sein, stellt gerne noch zusätzlich das Vorwaschprogramm der Waschmaschine an. «Unnütz und unter Umständen kontraproduktiv», urteilt Ernst Tabori, ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene des Uni­versitätsklinikums Freiburg.

Der Vorwaschgang beseitigt keine Keime, dafür verteilt er sie aber besonders gut. Das heisst, er spült unter Umständen Bakterien von der Unterhose aufs Geschirrtuch. Läuft der Hauptwaschgang dann bei niedrigen Temperaturen, werden Erreger nicht ausreichend beseitigt. Die Folge: Manche Wäschestücke kommen verkeimter aus der Waschmaschine, als sie hinein­kamen.

Die Alternative: Wäsche sollte, sofern es das Material verträgt, bei 60 Grad gewaschen werden. Diese Behandlung überleben die meisten Keime nicht. Das Kochprogramm bietet dagegen kaum einen zusätzlichen Nutzen. Dürfen Kleidungsstücke nur bei niedrigen Temperaturen gewaschen werden, kann man den Keimen unter Umständen auf anderem Weg mit Hitze zu Leibe rücken: mit der Sonne beim Trocknen im Freien und dem Bügeleisen.

Hygienezusätze in der Waschmaschine

«Desinfizierende Zusätze zum Waschpulver sind im normalen Haushalt unnötig», sagt Tabori. Dafür erhöhen sie das Allergie­risiko, wenn Wirkstoffreste an der Kleidung zurückbleiben. Zudem belasten diese Zusätze die Umwelt.

Ob aus der Waschmaschine, dem WC oder dem Putzeimer: All die Desinfektionsmittel, die aus Haushalten ins Abwasser gelangen, schaden jenen Bakterien, die Schadstoffe biologisch abbauen. Schädliche organische Verbindungen und Chemikalien können so in Gewässer und möglicherweise über die Nahrungskette zurück zum Menschen gelangen.

Die Alternative: Nach Möglichkeit sollten Vollwaschmittel verwendet werden. Die enthaltene Bleiche greift Bakterien an. Ausserdem gilt: Die Waschmaschine sollte austrocknen können, damit sich keine Feuchtkeime ansiedeln. Dazu Tür und Dosierfach auswischen und offen lassen sowie das Flusensieb regelmässig reinigen.

Fussduschen im Schwimmbad

Pflichtschuldig halten viele Schwimmbadbesucher ihre Füsse unter den kalten Strahl aus Des­infektionsmittel. Doch: «So, wie diese Duschen angewendet werden, haben sie keinen Nutzen», sagt Tabori.

Wollte man die Füsse ernsthaft desinfizieren, müssten sie vorher abgetrocknet und längere Zeit in der konzentrierten Lösung belassen werden. Das typische Absprühen im Schwimmbad ist zu kurz und zu ungenau, um Keime sicher zu beseitigen. Dem mangelnden Nutzen steht das Risiko entgegen, dass die Lösung die Haut angreift und allergisierend wirkt.

Die Alternative: Badeschuhe im Schwimmbad schützen besser vor Fusspilz.

WC-Reinigung unter dem Rand

Sie werben damit, Mikroorganismen bis unter den Rand zu vertreiben: WC-Reiniger mit gebogenem Flaschenhals. Tabori hat für diese Erfindung nur ein Wort: «Humbug». Erstens dürften sich unter dem Rand nicht allzu viele Keime ansiedeln, denn bei jedem Spülgang fliessen ungefähr neun Liter Wasser dort hinab und reissen viele der Mikroorganismen mit. Und selbst wenn sich dort Bakterien finden sollten: Kaum jemand kommt mit ihnen in Berührung. Welcher normale Mensch greift denn unter diesen Toilettenrand?

Auch alle anderen Desinfektionsmittel für die Toilette hält Tabori für überflüssig. Sollten sie das WC wie versprochen keimfrei machen, müsste man sie konsequenterweise nach jeder Benutzung anwenden. Das aber hat mehr Risiken als Nutzen: Denn die Mittel belasten während ihrer Anwendung die Atemluft und schaden der Umwelt.

Die Alternative: Im Privathaushalt gesunder Menschen reicht es, das WC mit einem umweltverträglichen Reinigungsmittel zu säubern – und sich klarzumachen: Die ­Toilette ist dazu da, Keime aufzunehmen. Benutzt man sie auf die vorgesehene Weise, gelangen ­Mikroorganismen nicht wieder in den Körper zurück.

Das Desinfizieren der Hände

Der Sitznachbar in der U-Bahn hustet, die Frau in der Warteschlange hinter einem niest: Sollte man da nicht sofort sein Des­infektionsfläschchen oder -tuchherausholen? Oder wenigstens zu Hause gleich zur antibakteriellen Seife greifen?

Auch dafür gebe es keine Notwendigkeit, sagt Tabori. Im Gegenteil: Wer permanent Desinfektionsmittel anwendet, läuft Gefahr, die natürliche Hautflora zu be­einträchtigen. Im vermeintlichen Kampf gegen Krankheitserreger beschädigt er damit genau jene Barriere, die der natürlichen Abwehr der Erreger dient. Ausserdem können Desinfektionsmittel und ihre Zusätze allergische Hautreaktionen hervorrufen.

Die Alternative: Erreger werden gut beseitigt, wenn die Hände mit Wasser und (normaler) Seife gründlich gewaschen werden. Besonders wichtig ist dies nach der Benutzung der Toilette, nach dem Aufenthalt in vollen öffentlichen Räumen wie U-Bahnen und vor dem Essen. Das mag trivial klingen, Untersuchungen zeigen jedoch, dass in rund zwei Dritteln aller Fälle das WC ohne korrektes Händewaschen verlassen wird. Händedesinfektionsmittel sind dagegen ausserhalb von medizinischen Einrichtungen höchstens dann angebracht, wenn man unterwegs ist und keine Möglichkeit hat, sich die Hände vernünftig zu waschen.

Die Rasur der Körperhaare

«Für die Hygiene spielt es keine Rolle, ob man die Haare am Körper entfernt oder stehen lässt», sagt Tabori. Weder die Menge des Schweisses noch sein Geruch werden von der Behaarung beeinflusst. Beim Rasieren allerdings kann die Haut geschädigt werden und sich entzünden.

Die Alternative: Duschen mit mildem Duschbad und regelmässiges Wechseln der Kleidung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.12.2018, 16:29 Uhr

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