Wer in der «Arena» am meisten zu Wort kommt

Eine Frau führt die Rangliste der Vielredner an: So viel Raum erhalten Politiker und Parteien in der Polit-Sendung.

Die «Arena» mit Christoph Blocher (SVP), Corrado Pardini (SP), Moderator Jonas Projer, Petra Gössi (FDP) und Tiana Angelina Moser (GLP). Foto: SRF

Die «Arena» mit Christoph Blocher (SVP), Corrado Pardini (SP), Moderator Jonas Projer, Petra Gössi (FDP) und Tiana Angelina Moser (GLP). Foto: SRF

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Vorwurf wird bei rechten und bürgerlichen Politikern immer wieder laut: SRF sei zu grün, zu links und berichte nicht ausgewogen über rechtsbürgerliche Politik. Erst kürzlich machte SVP-Präsident Albert Rösti das Schweizer Fernsehen gar für die Niederlage seiner Partei bei den kantonalen Zürcher Wahlen verantwortlich. Das Fernsehen habe in den Wochen vor den Wahlen regelrechte Klima-Propaganda betrieben. Grüne und linke Politikerinnen und Politiker seien teils ohne Widerrede zu Wort gekommen. Gegen solche mediale Meinungsmache komme seine Partei nicht an.

Zumindest in der «Arena» kamen allerdings SVP-Politiker und -Politikerinnen in der laufenden Legislatur öfter zu Wort als Vertreter anderer Parteien. Das zeigt die erstmalige Auswertung der Wortmeldungen der wichtigsten Schweizer Politsendung durch das Digital Democracy Lab der Universität Zürich.

Untersucht wurden die Untertitel aller 130 Ausstrahlungen der Jahre 2016 bis 2018; rund 1000 Gäste nahmen in der Periode an der Sendung teil. Die Universität hat jeden einzelnen gesprochenen Satz einem Redner oder einer Rednerin zugeordnet, um den Text dann mithilfe von Computer-Codes zu analysieren. Am zweitmeisten redeten demnach SP-Politiker und -Politikerinnen; am drittmeisten solche aus der FDP.

Die hohe Anzahl gesprochener Wörter von SVP-Mitgliedern hat eine Logik. Im Sinne der Fairness und des Service public versuchen die «Arena»-Macher, Politikern so viel Zeit am Bildschirm zu geben, dass diese der prozentualen Stärke der Partei im nationalen Parlament entspricht. Das grosse Problem: Wenn in einer politischen Diskussion oder bei einer Abstimmung fünf Parteien der gleichen Meinung sind und nur eine andere Positionen vertritt, entstehen oft einseitige Diskussionen.

Als der «Arena»-Moderator Jonas Projer vor fünf Jahren die Sendung übernahm, wollte er genau damit aufräumen. Er warf die hintere Bank aus der Sendung und lud jeweils noch vier Hauptgäste ein; nur solche, die zum Thema wirklich etwas zu sagen haben. Damit die Gäste gesamthaft dennoch die Wähleranteile der Parteien repräsentieren, führt die «Arena»-Redaktion seither eine peinlich genaue Strich-Liste. So soll die Sendung über die Zeit dennoch ein Abbild des Parlaments bleiben. Öffentlich ist die Liste nicht. Doch SRF weist darauf hin, dass sie jeder bei Bedarf anfordern kann.

Einzelne Politiker reden schneller, andere langsamer

Trotz aller Mühe der «Arena»-Redaktion: Die Wörter-Analyse des Democracy Lab zeigt, dass die Verhältnisse nicht so ausgeglichen sind, wie sie sein könnten. Die SVP spricht zwar von allen Parteien am meisten. Doch gemäss ihrem Anteil von gut 30 Prozent in National- und Ständerat, sollte sie auf wesentlich mehr Wörter kommen. Noch grösser ist das Missverhältnis bei der CVP: Sie kommt im Vergleich zu ihrer Stärke im Parlament auf viel weniger Inhalt.

SRF argumentiert, die Wörtchen-Zählerei sei kein faires Mittel, um die Ausgewogenheit der «Arena» zu prüfen. Einzelne Politiker würden schneller und andere langsamer reden. Zudem bedeute die Verwendung weniger Wörter nicht unbedingt, dass eine Partei damit weniger Beachtung bekomme. Die knappsten Aussagen seien oft diejenigen, die am meisten Gewicht hätten.

Für die betroffenen Parteien zählt das nicht. CVP-Präsident Gerhard Pfister hat zwar zum Teil Verständnis für das schlechte Abschneiden seiner Partei. Er sagt: «Das liegt sicherlich auch daran, dass die CVP als konstruktive Mittepartei keine polarisierenden Meinungen vertritt und somit nicht wie andere Parteien mehrheitlich für Spektakel sorgt.»

Im Kern fühlt sich Pfister aber übergangen. Etwa bei der Abstimmungs-«Arena» zum AHV- und Steuerpaket vom 12. April. Obwohl die CVP die Architektin dieser Vorlage sei, hätte sie nie in der ersten Reihe stehen dürfen. «Redaktionelle Freiheit in Ehren, aber dies ist für mich schwer erklärbar.» Die Analyse der Universität Zürich zeigt für Pfister eben auch, dass es die «Arena» nicht schaffe, eine ausgewogene politische Diskussion zu führen. Pfister sagt: «Spektakel und Einschaltquoten gehen beim SRF einer sachlichen Meinungsbildung offenbar vor. Das ist schlechter Service public.»

Die SVP, die andere «Arena»-Verliererin, ärgert sich über das gute Abschneiden der Grünen. Parteipräsident Rösti sagt: «Die Ergebnisse haben mich nicht überrascht. Es ist doch so, dass die kleinen Parteien mit weniger als 10 Prozent Wähleranteilen in der ‹Arena› ähnlich behandelt werden wie eine SVP, die einen Wähleranteil von gegen 30 Prozent hat.» Das sei unfair.

Für die Grünen zählt das Parteigrössen-Argument nicht. Die Partei sagt auf Anfrage: «Die Berichterstattung kann nicht einfach die Grösse der Parteien abbilden, sondern ist ein Wettbewerb der Meinungen und Ideen.» Nach dem Rechtsrutsch im Parlament vor vier Jahren hätten die Grünen ihre Aktivitäten ausserhalb des Parlaments verstärken müssen. Da die «Arena» jeder Abstimmungsvorlage eine Sendung widme, habe sich das positiv auf die Präsenz ausgewirkt.

Stringenter, profilierter, aber auch lauter

Zwischen den Zeilen kritisieren also auch die Grünen das Prinzip der «Arena», den Service-public-Anspruch, den Parteien entsprechend ihren Anteilen im Parlament eine Bühne zu bieten. Fair bleiben und trotzdem eine für die breite Öffentlichkeit relevante, unterhaltende Sendung machen: Ist diese Quadratur des Kreises weiterhin möglich?

Matthias Ackeret, Verleger des Medienportals Persoenlich.com, sagt: «Die ‹Arena› hat für die politische Meinungsbildung in der Schweiz sicherlich an Relevanz verloren.» Schuld sei auch der Medienwandel. Und es gebe mittlerweile lokale TV-Konkurrenz, die ihre Gästelisten weniger politisch korrekt zusammenstellen könnten. Ackeret sagt: «Der ‹SonnTalk› von TeleZüri ist heute wohl genauso relevant für die politische Meinungsbildung wie die ‹Arena›.»

Der Politologe Mark Balsiger sagt, dass die «Arena» in der Ära Jonas Projer stringenter und profilierter, aber auch lauter geworden sei. Ihm missfällt etwa die Lust des scheidenden Moderators, sich auf polarisierende Figuren und immer wieder auf einen Schlagabtausch einzulassen. Er sagt: «Man sollte Gäste einladen, die etwas zu sagen haben – und das unter Druck auch können.» Die verschleierte Nora Illi beispielsweise hätte schlicht keine Akzente setzen können. Trotzdem spiele die «Arena» weiterhin eine zentrale Rolle in der Schweizer Politik, so Balsiger.

So sieht es auch Fabrizio Gilardi, Leiter des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität Zürich und Mitgründer des Digital Democracy Lab. Er sagt: «Die ‹Arena› wird nicht von allen Stimmberechtigten geschaut, sie hat aber eine Strahlkraft, insbesondere in den sozialen Medien.» Die Sendung sei vor allem ein Ort, an dem Parteiparolen getestet würden: Was im Fernsehen funktioniert, wird auf Podien genutzt.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.04.2019, 12:00 Uhr

So wurde die «Arena» vermessen

Das Digital Democracy Lab (DigDemLab) der Universität Zürich erforscht, wie die digitalen Technologien die Demokratie beeinflussen und allenfalls verändern. Der Fokus liegt dabei auf Prozessen in der Schweiz. Finanziert wird das Labor mit einer Viertelmillion Franken vom Schweizerischen Nationalfonds. Das im September 2018 gegründete DigDemLab sammelt Daten von sozialen Medien oder aus bisher nicht berücksichtigten Datenquellen für seine Politforschung: Im vorliegenden Fall die Untertitel der «Arena»-Sendungen, die von der SwissTXT AG aufbereitet werden, einer Tochter der SRG.

Unter https://github.com/digdemlab/2019_srfarena ist das genaue Verfahren der «Arena»-Text-Analyse dokumentiert. Im nächsten Schritt nimmt sich das Labor den Textinhalt vor, um Themenfluktuationen zu zeigen. (bsk)
https://digdemlab.io

Artikel zum Thema

Faktenchecks

In kontroversen Debatten wird gerne behauptet, postuliert, konstatiert und beteuert. Aber was stimmt wirklich? Mehr...

Entwaffnete Schweiz? Die «Arena» im Faktencheck

Ist die Verschärfung des Waffenrechts ein EU-Diktat oder notwendig für das Schengen-Abkommen? 7 Aussagen auf dem Prüfstand. Mehr...

Wer soll die «Arena»-Moderation übernehmen?

Jonas Projer verlässt das SRF. Stimmen Sie über seine Nachfolge ab. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...