Die Zeiten haben sich geändert

Carrie Symonds ist die offizielle Freundin des verheirateten britischen Premiers Boris Johnson – und hat ein Medien-Mobbing überstanden.

Mehr als nur blond und jung: «First Girlfriend» Carrie Symonds. Foto: Reuters/Toby Melville

Mehr als nur blond und jung: «First Girlfriend» Carrie Symonds. Foto: Reuters/Toby Melville

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Sie ist blond. Langhaarig. Und jung. Vor allem: Jünger. Carrie Symonds, Freundin von Britanniens neuem Premier Boris Johnson, ist 31, er 55. Aaah, ein Klassiker. Stimmt. Aber viel pikanter: Johnson lebt – ausgerechnet ein Tory! – als erster Premierminister im Dienste Seiner Majestät in wilder Ehe in der Downing Street, dem offiziellen Amts- und Wohnsitz. Denn: Er ist immer noch verheiratet. Carrie Symonds ist nicht heimliche Mätresse, sondern offiziell die Partnerin von Boris Johnson. Inoffizieller Titel: «First Girlfriend». Das macht sie zur ersten unverheirateten Frau in der Downing Street.

Natürlich hatten sie sie Flittchen genannt und Schlimmeres, als im September des letzten Jahres bekannt wurde, dass sich Johnson und seine zweite Frau nach 25 gemeinsamen Jahren scheiden lassen wollen. Das Paar gab damals gemeinsam eine Erklärung ab, nachdem kurz davor einmal mehr Gerüchte wegen der angeblichen Untreue seitens Johnsons die Runde gemacht hatten.

Als Schuldige ausfindig gemacht wurde: Carrie Symonds. Die britische Boulevardpresse schickte ihre Spürtrupps los, suchte und fand jedes noch so unbedeutende Techtelmechtel aus der Vergangenheit der jungen Frau, jedes Foto, das sie im Bikini zeigt, jedes bierselige Rumalbern. Symonds wurde seziert, kommentiert, diskreditiert.

Einflussreiche Frauen stoppten Mobbing der Medien

Es war heftig. Oder eher: Es war das, was die Presse mit jungen Frauen, die sich mit älteren, einflussreichen Männern einlassen, halt so macht. Bislang. Nur lag der Fall dieses Mal anders.

Zum einen haben sich die Zeiten geändert. Die öffentliche Demontage einer jungen Frau wurde nicht mehr einfach so als unvermeidliche Gegebenheit hingenommen wie die Launen des britischen Wetters. Es gab Protest. Und zwar nicht von irgendwem, sondern von weiblichen Schwergewichten aus Politik und Medien.

70 «women working in Westminster» erklärten in einem offenen Brief, veröffentlicht in der «Huffingtonpost», «angewidert und schockiert» davon zu sein, wie Symonds behandelt werde. Das müsse aufhören, sofort. Es waren Frauen aller politischer Couleur, die da zusammenstanden, um einer anderen Frau beizustehen; die Aufforderung an die Medien am Ende des Textes lautete kurz und bündig: «Do better. Be better.»

Wobei: Ganz so geschlossen sind die weiblichen Reihen dann doch nicht. Unterschrieben hatte den Aufruf auch eine bekannte Kolumnistin des «Guardian», der nicht für seine Sympathie für die Tories bekannt ist. Dieselbe Zeitung schrieb nun kürzlich über Symonds, es handle sich bei ihr keineswegs um das naive Blondchen an der Seite eines reichen, mächtigen Mannes. Es sei fast noch schlimmer: Sie verkörpere die sichtbare Legitimierung der Marke Boris Johnson.

Sie verhinderte die Freilassung eines Massen-Vergewaltigers

Dass sie das Klischee unterwandert und etwas im Kopf hat, ist nun offenbar auch nicht recht. Dass sie damit dem politischen Gegner aber Sorgen macht, leuchtet ein. Symonds sollte man nicht unterschätzen. Sie hat den gesellschaftlichen Aufstieg nicht nötig – ihr Vater war Gründer des «Independent», ihre Mutter ist Anwältin, sie selbst besuchte Nobelschulen –, und wer gleich nach dem Studium einen Job in der Presseabteilung der Konservativen ergattert und 29-jährig, 2017, deren Chef-Mediensprecherin wird, scheint was auf dem Kasten zu haben. Blond und jung hin oder her.

Zudem kann sie kämpfen. Mit 19 Jahren wurde Carrie Symonds das jüngste Opfer eines Londoner Taxifahrers, der Dutzende Frauen betäubt und vergewaltigt hatte. Er war deswegen 2009 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Symonds weiss bis heute nicht, was in der Zeit, als sie bewusstlos im Auto lag, mit ihr passiert ist.

Als ein Bewährungsausschuss 2018 entschied, der Täter komme frühzeitig frei, ging sie auf die Barrikaden. Brach ihr Schweigen, schrieb unter eigenem Namen über ihr Trauma in der «Sunday Times», verlangte, dass der Entscheid rückgängig gemacht werde, der Mann sei gefährlich, die Justiz lasse seine Opfer im Stich. Sie bekam nicht nur recht, sondern sorgte auch dafür, dass Betroffene künftig mehr Einsprachemöglichkeiten haben.

Wenn angesichts der Wahl ihres wirklich hinreissenden Kleides (von Ghost, für 140 Franken) zur Antrittsrede ihres Boyfriends also gefragt wird, ob Carrie Symonds die neue Stil-Ikone Grossbritanniens sei, dann kann man sagen: Nicht nur das.



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Erstellt: 10.08.2019, 18:18 Uhr

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