Wer keinen festen Job hat, ist öfter psychisch krank

Unsichere Arbeitsverhältnisse nehmen zu. Nun zeigt sich: Die Betroffenen haben eine schlechtere Gesundheit als die übrigen Beschäftigten.

Ein Gefühl der Ohnmacht: Unsichere Arbeitsverhältnisse schaden der Gesundheit. Foto: Getty Images

Ein Gefühl der Ohnmacht: Unsichere Arbeitsverhältnisse schaden der Gesundheit. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zu viel Arbeit kann krank machen. Zu wenig aber auch. Und unsichere Arbeit, die nicht zum Leben reicht, erst recht. Das haben zwei Forscher der Universität Lausanne erstmals nachgewiesen. Sie können aufgrund von Befragungen mehrerer Tausend Schweizerinnen und Schweizer aufzeigen, dass es einen statistischen Zusammenhang zwischen atypischer Beschäftigung und psychischen Erkrankungen gibt.

«Unstete Beschäftigungsverhältnisse sind verbunden mit einer schlechteren psychischen Gesundheit als Vollzeitbeschäftigungen», schreiben die beiden Sozialwissenschafter Francesco Giudici und Davide Morselli in ihrer Studie, die kürzlich in der Fachzeitschrift «Social Science and Medicine» erschienen ist. Die psychische Belastung, die solche unregelmässigen, von Unterbrechungen gekennzeichneten Beschäftigungen mit sich bringen, sei «nicht unerheblich.»

Die Anzahl der atypisch Beschäftigten steigt an

Das ist ein neuer und beunruhigender Befund, denn: Unsichere Arbeitsverhältnisse, die zu wenig Lohn zum Leben bringen, nehmen in der Schweiz infolge der Flexibilisierung der Arbeit zu. Noch vor einem Jahrzehnt waren 100'000 Personen in einem sogenannt atypisch-prekären Arbeitsverhältnis, also in Jobs mit ungewissen Arbeitszeiten und Löhnen.

Bis 2016 war diese Zahl gemäss einer Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft auf 113'000 angestiegen. Konkret sind solche atypischen Beschäftigungen zum Beispiel Temporärarbeit, Beschäftigungen ohne Vertrag, Praktika, Arbeit auf Abruf, Unterbeschäftigung und Heimarbeit mit einer tiefen Entlohnung unter dem mittleren Einkommen aller Beschäftigten.

Das Gegenstück dieser Beschäftigungsformen ist die sogenannte Standardbeschäftigung. Darunter versteht man eine Vollzeitstelle mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag, festen Arbeitszeiten von Montag bis Freitag und einem Lohn, der zum Leben in der teuren Schweiz reicht.

Gefühl der Ohnmacht und einer unklaren Zukunft

Um den Zusammenhang zwischen Beschäftigungsverhältnissen und Gesundheitszustand zu untersuchen, verwendeten Giudici und Moriselli die Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik. Die Stichprobe umfasste 5690 Erwerbstätige. Personen, die beim Eintritt ins Erwerbsalter bereits unter gesundheitlichen Problemen litten, wurden ausgeschlossen.

Neben der Art des Beschäftigungsverhältnisses und dem Einkommen berücksichtigten die beiden Forscher die Angst einer Person, ihre aktuelle Stelle zu verlieren, und die Chance, bei einer Entlassung eine andere Stelle zu finden. Der physische und psychische Gesundheitszustand wurde gestützt auf die Selbstbeurteilung der Gesundheit, Suizidgedanken, Schwächegefühle, Herzschmerzen, Schlaflosigkeit, Niedergeschlagenheit und Einnahme von Antidepressiva beurteilt.

Das Ergebnis: Beschäftigte mit Temporärjobs, Arbeit auf Abruf, sehr tiefen Löhnen und wenigen Arbeitsstunden sowie solche, die Angst vor einem Stellenverlust haben und die bei einer Entlassung nur schwer wieder eine Beschäftigung finden würden, leiden deutlich mehr unter Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen als Arbeitnehmende in sicheren Arbeitsverhältnissen.

Die Frage ist nun: Kann man nachweisen, dass Temporärarbeit oder Arbeit auf Abruf mehr psychische Krankheiten verursachen? Es gebe dafür starke Hinweise, schreiben die beiden Autoren. Die bei Temporärarbeitenden und Arbeitnehmenden mit Angst vor Stellenverlust bestehende Unsicherheit führe zu einer hohen Stressbelastung.

Es entstehe ein Gefühl der Ohnmacht und einer unklaren Zukunft – nicht zuletzt aufgrund der tiefen Entlöhnung und des schlechteren Sozialversicherungsschutzes. Doch auch das geringere Ansehen in der Gesellschaft und die Hürden, ein geregeltes Familienleben zu führen, wirken belastend. Auffälligerweise kämen Arbeitsunfälle häufiger vor, wenn die Beschäftigten einer hohen Stressbelastung ausgesetzt sind und Angst vor einem Stellenverlust haben.

Frauen überdurchschnittlich oft prekär beschäftigt

Trotzdem betonen Giudici und Moriselli, ihre Daten könnten keine Kausalität aufzeigen. So bleibt offen, ob die Beschäftigungsverhältnisse mitverantwortlich für den Gesundheitszustand einer Person sind, oder ob der Arbeitsmarkt mit seinen immer höheren Anforderungen nur Personen mit guter Gesundheit eine gewisse Stabilität garantiert.

Es könne gut sein, dass es in beide Richtungen geht, schreiben die beiden Autoren – und auch, dass sich die Betroffenen in einem Teufelskreis befinden. Das wäre der Fall, wenn prekäre Arbeit eine psychische Erkrankung verursacht und diese wiederum verhindert, dass eine feste Arbeitsstelle angenommen werden kann.

Der Verein Equilibrium, dem Menschen mit einer Depression und Angehörige Betroffener angehören, geht von einer Wechselwirkung zwischen prekärer Beschäftigung und psychischen Erkrankungen aus. Dies sei in ihrem Verein bei betroffenen Personen sehr häufig so, sagt Präsident Rico Nil. «Die Depression beeinträchtigt die Jobkarriere, dies führt zu zerrissenen Jobverläufen, Verunsicherungen der Arbeitgeber und zur Stigmatisierung, was sich wiederum auf die mentale Gesundheit auswirkt.»

Besonders junge Menschen mit psychischen Krankheiten hätten oft eine gebrochene berufliche Karriere, etwa mit Temporärstellen, sagt Roger Staub, Geschäftsleiter von Pro Mente Sana. Die Stiftung setzt sich für die Anliegen von psychisch erkrankten Menschen ein.

«Diejenigen, die die Arbeitswelt so verändern, dass sie den Beschäftigten keine soziale Sicherheit mehr geben, schaden der Gesundheit der Bevölkerung. Roger Staub, Geschäftsleiter von Pro Mente Sana

Staub geht mit einem Teil der Arbeitgeber hart ins Gericht. «Diejenigen, die die Arbeitswelt so verändern, dass sie den Beschäftigten keine soziale Sicherheit mehr geben, schaden der Gesundheit der Bevölkerung. Dasselbe gilt für jene Arbeitgeber, die ihre Arbeitnehmer so ausquetschen, dass es vielen einfach zu viel wird.»

Doch welche Berufstätigen sind von prekärer Arbeit überdurchschnittlich betroffen? Gemäss einer zweiten Studie der Universität Lausanne gibt es besonders unter Kassierinnen, Haushaltshilfen, Pflegekräften, Kellnerinnen, Boten, Nachtportiers, Druckereimitarbeitern, Maschinisten und Hilfsarbeitern in der Industrie unfreiwillige Temporärjobs.

Auch Berufe mit hohem Frauenanteil seien stärker der Prekarisierung ausgesetzt, schreibt der Autor Felix Bühlmann. Das heisst, Frauen arbeiten öfter in kleinen Pensen, mit befristeten Verträgen oder unregelmässigen Arbeitszeiten. Zusätzlich leisten Frauen deutlich mehr der familiären Betreuungs- und Sorgearbeit – was wiederum zu zusätzlichem physischem und psychischem Druck führt.

Es erstaune nicht, dass atypisch Beschäftigte öfter gesundheitliche Probleme haben als Arbeitnehmende mit fixer Anstellung, anständigem Lohn und geregelten Arbeitszeiten, sagt Philipp Zimmermann, Sprecher der Gewerkschaft Unia. Prekäre Arbeitsverhältnisse führten zu mehr Stress, unsicheren Zukunftsperspektiven und einem grösseren Unfallrisiko. Die Unfallversicherungsanstalt Suva stellt denn auch fest, dass das Unfallrisiko bei Temporärangestellten weit über dem Durchschnitt liegt.

Die Gewerkschaft Syna fordert deshalb, dass die Arbeitgeber, wenn immer möglich, auf Temporärarbeit verzichten. «Wenn sie feste Aufgaben haben, sollen sie das mit festen Angestellten machen», sagt Sprecher Dieter Egli. Und: «Zu Ende gedacht, müsste man Arbeit auf Abruf, wenn sie nicht absolut freiwillig ist, unterbinden.»

Der Schweizerische Arbeitgeberverband wollte sich zu den Ergebnissen der Studie trotz zweimaliger Anfrage nicht äussern.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 30.06.2019, 15:29 Uhr

Artikel zum Thema

Mehr als jeder Vierte hat Stress im Job

Vor allem jüngere Erwerbstätige sind zu stark belastet. Das hat Auswirkungen auf Gesundheit und Produktivität. Mehr...

Wenn beim Arbeiten der Sinn abhandenkommt

SonntagsZeitung Nach Burn-out und Bore-out kommt nun das Brown-out: Leistungsträger verlieren das Interesse am Job, weil die Firma sie zunehmend einengt. Mehr...

WHO erkennt Burn-out doch nicht als Krankheit an

Die Weltgesundheitsorganisation hat ihre Angaben korrigiert: Burn-out ist keine Krankheit, kann aber krank machen. Mehr...

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...