Wicki und die weit gereisten Männer

Viele Vorstellungen über die Wikinger sind falsch – ausserdem zogen sie ein riesiges Handelsnetz auf.

Mit solchen Schiffen (Rekonstruktion) bereisten die Nordmänner die Meere. Foto: John McConnico (AP)

Mit solchen Schiffen (Rekonstruktion) bereisten die Nordmänner die Meere. Foto: John McConnico (AP)

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Das Unheil hatte sich angekündigt, mysteriöse Vorzeichen verschreckten die Menschen im Norden Englands schon Monate zuvor. Das behauptete zumindest ein Chronist im achten Jahrhundert, als er vom Überfall der Wikinger auf die englische Klosterinsel Lindisfarne im Jahr 793 berichtete: Feurige Drachen seien über den Himmel gezogen, Blitze zur Erde geschossen, Stürme über das Land gewirbelt. Die Heiden seien im Haus Gottes über die Leichen toter Brüder getrampelt und hätten ohne Skrupel Heiligtümer entwendet, berichtet ein anderer. Der Überfall gilt als Beginn der Wikingerzeit. Auch die Menschen im Rest Europas hatten nun gemerkt, dass im Norden ein Volk lebte, das so einiges von Schiffen verstand.

Während der Überfall für die Bewohner des Klosters Lindisfarne gewiss traumatisch war, zeigt diese historische Quelle ein Grundproblem der Wikingergeschichte. Die erzählerischen Quellen über die Nordmänner stammen alle von ihren Feinden und meist von christlichen Chronisten, denen schon die Vorstellung von andersgläubigen Europäern kalten Schweiss auf die Stirn trieb. Als mordende, kulturlose Wilde porträtierten christliche und islamische Schriftgelehrte die Menschen, die vom 8. bis zum 11. Jahrhundert im heutigen Skandinavien lebten.

Von wegen wild: So sah ein Krieger aus dem schwedischen Birka (10. Jh.) aus. Foto: Nordic Image

Die aktuelle Forschung zeichnet aber ein anderes Bild, sie stützt sich vor allem auf Ausgrabungen und widerlegt viele Mythen, die noch heute in populären Verfilmungen wie den TV-Serien «Vikings» oder «The Last Kingdom» ­herumgeistern – gerade auch, was das Aussehen der frühen Skandinavier betrifft. Die einzigen schriftlichen Quellen, die die Wikinger selbst hinterliessen, sind Runensteine. Auf ihnen stehen aber nur kurze Botschaften. «Schon die Bezeichnung ‹Wikinger› ist eigentlich ein Missverständnis», sagt Matthias Toplak, Archäologe und Skandinavien-­Experte von der Universität Tübingen. Toplak hat gerade den neuen Sammelband «Die Wikinger» zur aktuellen Forschung herausgegeben.

Von Nordamerika bis zum Kaspischen Meer

«Wikinger» heisst Seeräuber und bezeichnet so nur eine kleine Gruppe der Menschen im damaligen Nordeuropa. Die grosse Mehrheit lebte als Bauern, Fischer und Handwerker. Tatsächlich waren die Wikinger für Überfälle verantwortlich, bei denen sie nicht vor grausamer Gewalt zurückschreckten, doch ihre Taten unterschieden sich nicht wesentlich von anderen mittelalterlichen Piraten- und Räuberbanden. Und viele der zur See fahrenden Wikinger hatte anderes im Sinn: Sie bauten ein internationales Handelsnetz auf und legten mit ihren für die damalige Zeit raffiniert konstruierten Schiffen lange Strecken zurück.

Während die dänischen Wikinger vor allem auf die britischen Inseln und nach Mitteleuropa reisten, machten sich die norwegischen Wikinger nach Island, Grönland und Nordamerika auf, ihre schwedischen Kollegen zogen vor allem Richtung Osten, ins Baltikum und bis ans Schwarze und Kaspische Meer. Weil die Wikinger vor allem Wasserwege nutzten, hinterliessen sie auf dem Gebiet der heutigen Schweiz keine Spuren.

Englische Frauen zogen Nordmänner den eigenen vor

Ausgrabungen in der Stadt Ribe im Südwesten Dänemarks zeigen fürs 8. Jahrhundert eine Kultur, in der nicht nur Waffengewalt eine Rolle spielte. Archäologen fanden dort Musikinstrumente, ­Schmuckstücke, Gussformen und aufwendig hergestellte Kämme aus Rentierhorn. Dass die Wikinger ungepflegte, tätowierte Wilde mit langen Bärten und Haaren waren, gehört ­ebenfalls ins Reich der Legenden. In Schweden fanden Forscher eine Büste, die einen Wikinger mit ­sorgfältig gestutztem Bart zeigt. Auch seine Haare reichten nur bis in den Nacken.

Diesen Gjermundbu-Helm fand man in einem Hügelgrab. Foto: Ullstein Bild

«Ohne eine gewisse Hygiene wären die langen Schiffsreisen kaum möglich gewesen», sagt Toplak. Die Wikinger hatten vermutlich eine ausgiebige Badekultur, wie es sie noch heute in Island gibt, das schlug sich auch in der Sprache nieder. Der Samstag heisst in skandinavischen Sprachen übersetzt Waschtag. Auch eine englische Quelle aus dem 13. Jahrhundert bestätigt dies. Der Chronist beschwert sich, dass die englischen Frauen der Ankunft der Männer aus dem Norden jeweils entgegenfieberten, weil die Wikinger viel gepflegter seien als die lokalen Männer. Auch die Helme mit den Hörnern und die Doppeläxte sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die meisten Wikinger nutzten eine simple Axt, mit der sie auf dem Hof Holz hackten, zum Kampf.

«Die Wikinger waren weltoffene Reisende, heute würde man sie ‹Global Players› nennen», sagt Toplak. In vielen Gegenden, die sie bereisten, liess sich ein Teil von ihnen auch nieder. Ihr Zugang zur Religion war ein pragmatischer, teilweise übernahmen sie schon früh das Christentum, verehrten aber trotzdem noch die alten Götter. «Tatsächlich wissen wir viel weniger über ihren Glauben, als man allgemein annimmt», sagt Toplak. In der Heldensaga Edda kommen zwar die nordischen Götter vor, doch auch die Edda entstand erst im 13. Jahrhundert. Geschrieben haben sie isländische Gelehrte nach der Christianisierung.


Warum die Wikinger so viele Fans haben

Die anhaltende Begeisterung für die Nordmänner sagt viel über die jeweilige Epoche aus.

Kaum ein frühmittelalterliches Volk hat in den letzten 200 Jahren so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die Wikinger. Fast jeder hat irgendeine Vorstellung davon, wie die Nordeuropäer gewesen sein müssen. Auch die Populärkultur der letzten Jahrzehnte ist ihnen sehr zugetan. Noch heute schauen Kinder die Zeichentrickserie «Wickie und die starken Männer», während ihre Eltern die Produktion «Vikings» vorziehen.

In der Populärkultur dominiert das Bild des Wikingers als edler Wilder, sie gelten als Rocker des Frühmittelalters, auch wenn das in vielen Aspekten nicht unbedingt den historischen Tatsachen entspricht. Die Nordmänner stehen für rohe, hemmungslose Gewalt, aber auch für archaische Tugenden, was heute viele Menschen zu faszinieren scheint.

Die Begeisterung für die Wikinger begann schon mit der Nationalromantik im 19. Jahrhundert, als man die Abenteuerlust der waghalsigen Seefahrer feierte und die Menschen die nordische Welt der Götter und Sagas wiederentdeckten. Die deutschen Nationalsozialisten verherrlichten die Wikinger dann im Rahmen ihres rassistischen Weltbildes.

Ein Sehnsuchtsort, an dem die Welt noch in Ordnung war

Dass die frühmittelalterlichen Skandinavier gerade heute wieder so beliebt sind, hat für die Archäologin und Wikinger-Expertin Nina Nordström viel mit unserer heutigen Welt zu tun. Auch weil sie durchaus historische Parallelen sieht. Die Wikingerzeit sei eine «Epoche grosser Veränderungen in sozialer, religiöser und ökonomischer Hinsicht» gewesen, wie Nordström in dem neuen Sammelband «Die Wikinger» schreibt.

Viele Menschen nehmen auch die heutige Welt mit ihren Umbrüchen als bedrohlich wahr und suchen sich als Korrektiv einen Sehnsuchtsort, an dem die Welt scheinbar noch in Ordnung war. Dass die Wikinger gleichzeitig weit gereist und weltoffen waren, macht die Identifizierung mit ihnen noch einfacher. Sie bieten scheinbar viele Anknüpfungspunkte.

Gut dazu passt auch die Debatte um das Geschlechterverhältnis. Obwohl die Forschung viele Fragen zu der Stellung der Frauen noch nicht beantworten kann und die Wikinger beispielsweise auch Sklavinnen hatten. Trotzdem hat sich die Meinung durchgesetzt, dass die Nordeuropäer schon im Frühmittelalter – wie im heutigen Skandinavien – bei der Gleichstellung der Geschlechter besonders fortschrittlich gewesen sein müssen.



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Erstellt: 19.10.2019, 18:12 Uhr

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