Wie das Defizit beim Postnetz schlagartig wuchs

Die Aufsichtsbehörde der Post hat Auskunft über die Buchhaltungspraxis beim Filialnetz verlangt.

My-Post-24-Automaten rechnen sich nicht: Die Post verschob defizitäre Bereiche ins Postnetz. Foto: Keystone

My-Post-24-Automaten rechnen sich nicht: Die Post verschob defizitäre Bereiche ins Postnetz. Foto: Keystone

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Die Post hat nachweislich getrickst, um aus Subventionen für ihre Postautolinien Gewinne zu erschleichen. Vor diesem Hintergrund sind Vorwürfe von Syndicom brisant, die Firma schummle auch in anderen Geschäftsbereichen bei der Buchhaltung.

Konkret kritisiert die Gewerkschaft: Die Post rechne ihr Stellennetz gezielt schlecht, um den Abbau von Filialen besser rechtfertigen zu können. Auslöser für die heftige Reaktion von Syndicom war ein öffentlicher Auftritt von Poststellennetz-Chef Thomas Baur Mitte Oktober.

Tatsächlich zeigt das Jahresergebnis des Geschäftsbereichs Postnetz in der Zeit zwischen 2015 und 2016 eine auffällige Veränderung. Der Verlust dieser Sparte verdoppelt sich beinahe. Aussergewöhnlich ist ebenfalls, dass die inzwischen zurückgetretene Postchefin Susanne Ruoff im Herbst 2016 ankündigte, mehr als jede dritte Poststelle zu schliessen.

Der Verlust der Sparte ­verdoppelte sich fast

Die Vorgänge haben die staatliche Aufsichtsbehörde über die Grundversorgung der Post auf den Plan gerufen, zumal Anfang Jahr die Postauto-Affäre bekannt wurde. Recherchen zeigen, dass Postcom-Präsident Hans Hollenstein der Post-Revisionsgesellschaft KPMG im Frühling einen ausgedehnten Fragenkatalog zur Rechnungslegung bei Postnetz zukommen liess. Aufgrund der Antworten lautet das Fazit: Die Buchhaltung steht in Einklang mit den hiesigen Gesetzen und internationalen Standards. Er behalte die Post aber weiterhin im Auge, sagte Hollenstein.

Den Berner SVP-Nationalrat Manfred Bühler überzeugt das nicht. Er hat im Parlament bereits eine dringliche Interpellation zum Postauto-Skandal und Abbau der Filialen deponiert. Er kündigt auf Anfrage an, im Fall Postnetz weitere politische Vorstösse zu prüfen. «Auch wenn die Rechnungslegung rechtens ist, so verfügt die Post doch über einen gewissen Spielraum, um Geschäftsbereiche gut oder schlecht darstellen zu können», sagt der Vizepräsident der Fernmeldekommission. Der Ausschuss beaufsichtigt die Bundesbetriebe politisch.

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Und so kam es zu den Auffälligkeiten zwischen 2015 und 2016: Vor zwei Jahren hat die Post Produkte wie die My-Post-24-Automaten und die Pickpost-Abholstellen vom Geschäftsbereich Logistik ins Segment Postnetz verschoben. Laut firmeninternen Kreisen sind diese Angebote defizitär. Durch die Verschiebungen stieg der Verlust bei Postnetz von 110 Millionen Franken im Jahr 2015 auf 193 Millionen Franken ein Jahr später.

Doch nicht nur organisatorische Veränderungen innerhalb der Sparte Postnetz beeinflussten das Ergebnis, sondern auch eine andere Rechnungslegung. Einfach ausgedrückt, kalkuliert der Konzern bei der Anzahl Poststellen neu mit dem geplanten Zielwert aus der Zukunft von 800 bis 900 Filialen. Heute betreibt das Unternehmen mit knapp 1200 Filialen aber mehr Poststellen. Das heisst, es fallen mehr Aufwände an, welche das Defizit vergrössern.

Leiter für die Kunstsammlung gesucht

Bemerkenswert ist schliesslich eine aktuelle Stellenausschreibung der Post: Die Firma sucht einen Leiter für ihre Kunstsammlung. Angesiedelt ist der Job dem Bereich Postnetz und wird dort als Kostenstelle belastet. Es sei ihm «schleierhaft», warum der Chefkurator ausgerechnet für Postnetz arbeite und nicht etwa für die Management- und Servicebereiche, sagt Christian Capacoel von Syndicom. Bei der Lohnsumme handle es sich bestimmt um einen kleinen Betrag, gemessen an der Grösse des Budgets von Postnetz. «Doch steht er sinnbildlich dafür, wie die Post Verluste konsequent den Poststellen zuschieben will.»

Post-Sprecher François Furer sagt zu den Vorwürfen: «Egal, welches Verrechnungsmodell wir benützen, eines bleibt gleich: Unsere Kundinnen und Kunden nutzen die Poststellen immer weniger.» Die angewendete Rechnungslegung schaffe Transparenz über die effektiven Kosten des Netzes.

Und die Stelle des Leiters Kunstsammlung? Die Post erklärt: Man habe 1998 bestimmt, dass das Budget für die Kunstkommission dem Geschäftsbereich belastet werde, der den Präsidenten dieses Gremiums stelle. Seit zehn Jahren sei das die Sparte Postnetz.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2018, 16:52 Uhr

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