Wie der Apfel zu uns kam

Ein Archäobotaniker hat die Verbreitung der Frucht untersucht, bevor der Mensch sie zu züchten begann.

War schon im Römischen Reich ein beliebter Snack. Foto: iStock

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Ab und zu ein Bär, dann vielleicht ein Wildpferd, ein Hirsch oder auch mal ein Mammut, sie alle kamen auf ihren täglichen Streif­zügen an den Bäumen mit den grossen Früchten vorbei. Sie schnappten sich ein paar Wild­äpfel und schieden die Samen irgendwo, ein Stückchen weiter weg, wieder aus. Und weil grosse Säuge­tiere manchmal beachtliche Strecken zurücklegen, konnte dieses Stückchen auch mal ziemlich weit weg sein. Die Bäume mit den grossen Früchten wuchsen am Fusse des Tian-Shan-Gebirges im heutigen Kasachstan, und sie spielten eine wichtige Rolle in der Geschichte unseres Apfels.

Genetische Studien haben in den letzten Jahren gezeigt, dass der moderne Apfel (Malus domestica) vor allem von vier wilden Arten abstammt. Eine von ihnen wuchs im Tian-Shan-Gebirge (Malus sieversii). Wildäpfel sind meist kleiner als gezüchtete Arten, doch der Tian-Shan-Apfel erreichte Grössen bis zu einem Durchmesser von acht Zentimetern. Studien zur Domestizierung von Pflanzen thematisieren meist, was der Mensch unternahm, um aus der Wild- eine ­Nutzpflanze zu machen. Der Archäo­botaniker Robert N. Spengler konzentriert sich in seinen Forschungen ­jedoch auf die Vorgeschichte dieser Domestizierung. Spengler forscht am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Mehr als zehn Jahre hat der Amerikaner an archäologischen Fundstätten in Zentralasien gegraben und prähistorische Reste von Apfelkernen analysiert. In seiner neuen Studie «Die Ursprünge des Apfels» zeigt er, dass es zwei wichtige Faktoren gab, die den Apfel zu einer der bekanntesten Früchte machte:

Eine jahrtausendealte Handelsverbindung

Grosse Säugetiere spielten bei der Verteilung der Samen eine wichtige Rolle, lange bevor der Mensch begann, Apfelbäume zu kultivieren. «Es ist ein immenser evolutionärer Vorteil für eine Pflanze, wenn sie grosse süsse Früchte entwickelt und auf diesem Weg in neue Gebiete vorstossen kann», sagt Spengler. Dieser Prozess funktionierte über Jahrtausende gut, doch gegen Ende des Pleistozäns begannen die sehr grossen Säugetiere auszusterben, andere wurden mit der Ausbreitung des Menschen seltener.

Händler, die die Seidenstrasse bereisten, hatten Obst dabei

Für die Äpfel bedeutete das viel weniger Möglichkeiten, um ihr Erbmaterial zu verteilen. «Die grösseren Wildäpfel blieben so für rund 10 000 Jahre in gewissen Regionen isoliert», sagt Spengler. Nur kleine Früchte, deren Samen Vögel verteilen, konnten sich noch immer leicht ausbreiten. Doch dann sprang der Mensch in die Lücke, zunächst ohne Absicht. Schon vor mehr als zweitausend Jahren begann der Handel entlang einer Route, die noch heute als Seidenstrasse bekannt ist. Sie entstand aus alten Karawanenrouten und entwickelte sich als Handelsverbindung vom alten China bis ans Mittelmeer. Ihren Namen bekam sie im zweiten Jahrhundert vor Christus, als die chinesischen Kaufleute begannen, mit Seide in Richtung Westen zu ziehen.

Die Kaufleute hatten auch Äpfel bei sich, ob sie sie als Handelsware mit sich führten oder als Proviant, ist heute schwierig nachzuweisen. «Aber plötzlich gab es für die grossfruchtigen Wildäpfel wieder eine Möglichkeit, dass ihre Samen ein grösseres Verbreitungs­gebiet fanden.» Dabei müsse man sich weniger einen einzelnen Händler vorstellen, der seinen Apfel irgendwo fünfhundert Kilometer weiter westlich verspeiste, sondern einen langsamen Prozess über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende. «Immer mal wieder ein paar Flusstäler weiter, wo dann ein neuer Apfelbaum wachsen konnte.»

Die Domestizierung erfolgte nicht unbedingt planmässig

Äpfel sind Fremdbefruchter, können sich also anders als viele Pflanzen nicht selbst befruchten. Auch in Europa gab es schon vor Tausenden von Jahren Wildäpfel. Der europäische Wildapfel (Malus sylvestris) ist im Genom des heutigen Apfels ebenfalls vertreten. «Das Beispiel des Apfels zeigt, dass die Domestizierung der Pflanzen teilweise unabsichtlich und zufällig geschah», sagt Spengler. Und dass es kein allgemeingültiges Modell gegeben habe, nach dem alle Pflanzen den Weg von der Wild- zur Nutzpflanze gingen.

«Die Studie ist interessant, und sie fasst den aktuellen Stand der Erkenntnisse gut zusammen», sagt der Agronom Markus Kellerhals, Spezialist für Apfelzüchtungen an der Forschungsanstalt Agroscope in Wädenswil. Auch in der Schweiz habe man in Überresten von Pfahlbausiedlungen Obstsamen gefunden. «Die Obstkultur muss also auch hier schon früh vorhanden gewesen sein», sagt Kellerhals. Zudem gäbe es im Jura und im Klettgau noch heute einzelne Bestände von Wildäpfeln und Wildbirnen.

Archäobotaniker Spengler forscht nicht nur zu der Vorgeschichte des Apfels. Im Juli erscheint sein neues Buch «Fruit from the Sands». Darin zeigt Spengler auf, dass die Seidenstrasse bei vielem, was bei uns heute auf den Tisch kommt, eine entscheidende Rolle spielte. «Die Bedeutung von Zentralasien ist lange unterschätzt worden», sagt Spengler. Die Pistazien oder die Mandeln hätten ihren Ursprung ebenfalls dort.

Auch der Geschichte des Pfirsichs widmet sich Spengler in seinem Buch, das den Zeitraum von 3000 vor Christus bis ins Jahr 1200 abdeckt. Bekannt ist, dass der Pfirsich aus China stammt, doch schon im antiken Griechenland und im Römischen Reich war er ein etablierter Teil der Esskultur und tauchte, wie auch der Apfel, auf Bildern auf. Auch hier war die Seidenstrasse entscheidend. «Wir stellen uns die Zentren der alten Welt wie China oder den Mittelmeerraum als isolierte Hochkulturen vor», sagt Spengler. Doch in Wahrheit habe es schon sehr lange einen regen Austausch durch Zentralasien gegeben.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.06.2019, 18:24 Uhr

Der Apfel in Zahlen

16
Kilogramm Äpfel essen die Schweizer und Schweizerinnen pro Kopf und Jahr.

12
Milligramm Vitamin C steck in 100 Gramm Apfel.

1890
ist das Gründungsjahr der Forschungsanstalt Agroscope in Wädenswil. Dort begann schon bald darauf die Apfelzucht.

20
Kalorien hat ein 100 Gramm schwerer Apfel. 85 Gramm davon sind Wasser.

30'000
Apfelsorten gibt es schätzungsweise weltweit, doch nur wenige Sorten sind
weitverbreitet.

20
Jahre dauert es ungefähr, bis eine neue Apfelsorte gezüchtet ist.

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