Der Sigrist hörte ihn nachts wegfahren

Pfarrer Werner F. verjubelte Spenden im Wert von 2 Millionen Franken im Glücksspiel. Weshalb die Küssnachter ihren «Werni» dennoch lieben.

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Werner F.* hat 1000 Kinder getauft, Hunderte Brautpaare verheiratet und um die 1000 Menschen begraben. 21 Jahre lang war er katholischer Pfarrer in Küssnacht am Rigi im Kanton Schwyz. Die Leute im Dorf am Vierwaldstättersee haben ihn geliebt, ihren «Werni». Und sie lieben ihn immer noch. Trotz allem, was passiert ist.

Der Pfarrer hielt das Dorf während Jahren zum Narren. Er war schwer spielsüchtig. Und um seine Sucht zu finanzieren, borgte er sich Geld. Jahrelang funktionierte die Masche gut. Werner F. betrieb eine Art Schneeballsystem. Mit immer neuem Geld tilgte er alte, längst fällige Schulden.

Die Eiterbeule platzte im Sommer 2018. Eine Person hatte dem Kirchenrat in Küssnacht gemeldet, der Pfarrer bettle bei Mitgliedern der Pfarrei um beträchtliche Darlehen. Der Kirchenrat forschte nach, wurde fündig – und handelte: Knall auf Fall wurde der Pfarrer entlassen.

Welche Straftatbestände untersucht werden, geben die Ermittler nicht bekannt.

Seither sorgt der 47 Jahre alte Geistliche für Schlagzeilen. Einen vergleichbaren Skandal gibt es nicht in der katholischen Kirche in der Schweiz. Die vorläufige Bilanz des Schlamassels: Bei 65 Gläubigern steht Werner F. bis heute mit mehr als 2 Millionen Franken in der Kreide.

Aktuell befassen sich gleich zwei Staatsanwälte mit dem Fall. Im Kanton Schwyz läuft ein Strafverfahren gegen Werner F. Und wie jetzt bekannt wurde, hat auch die Staatsanwaltschaft Luzern ein Verfahren eröffnet. Ein Sprecher bestätigt dies auf Anfrage. Welche Straftatbestände untersucht werden, geben die Ermittler nicht bekannt. Vermutlich geht es aber um Betrug und Urkundenfälschung.

«Werni» schaute während der Predigt auf sein Handy

Es ist nicht strafbar, sich Geld auszuleihen. Werner F. aber bettelte anscheinend auch bei betagten Kirchgängern. Und er tischte, wie er selber einräumte, seinen Gläubigern Lügen auf. So dachten seine Geldgeber teilweise offenbar, er setze das Geld, das sie ihm borgten, für karitative Zwecke ein. Doch stattdessen stopfte er damit die Löcher in seiner privaten Kasse.

Noch offen ist, ob der Pfarrer auch mit Pfarreigeldern spielte. Auf die Gelder in der Kollekte der Kirche hatte er anscheinend keinen Zugriff.

Nach dem Auffliegen des Skandals hat die SonntagsZeitung versucht, mit Werner F. zu reden. Mehr als ein paar hastig getippte SMS kamen damals nicht zurück. Er weilte an der Fussball-WM in Russland – während hier die Scherben weggekehrt wurden. Heute lässt sein Anwalt ausrichten, sein Mandant äussere sich nicht, solange ein Strafverfahren laufe.

Mit Sammelaktion zu 16'000 Franken

Der Fall bleibt ein Mysterium. Wie schaffte es der Pfarrer, seine Sucht und seine Bettelei jahrelang verborgen zu halten? Wie meisterte er sein Doppelleben?

Sicher ist, der Pfarrer war und ist überaus beliebt. Das dürfte geholfen haben. Ein Kirchenmusiker aus Küssnacht sagt, er sei «nett, hilfsbereit, dankbar und charismatisch. Alle lieben ihn im Dorf. Es ist magisch.» Die Leute schwärmen von seinem Witz, seiner Volksnähe. «Werni war einer von uns», heisst es. Er konnte es sich sogar leisten, während seiner Predigten sein Handy auf den Altar zu legen, um bei für ihn wichtigen Fussballspielen über den Zwischenstand auf dem Laufenden zu bleiben.

Die Verbundenheit zum Pfarrer ging so weit, dass die Küssnachter nach seinem Abgang eine Petition lancierten, um ihn zurückzuholen – 1400 Leute haben unterschrieben. Und eine Gruppe startete sogar eine Sammelaktion für ihn – da kamen immerhin 16'000 Franken zusammen.

Der Sigrist hörte den Pfarrer nachts wegfahren

Für Aussenstehende sind solche Aktionen kaum zu verstehen. Man denkt an eine Art Stockholm-Syndrom: Die Geprellten im Dorf, die wütend und enttäuscht sein müssten, sympathisieren mit dem Urheber ihres Leids.

2008 hatte der Pfarrer einen Auftritt in einem offiziellen Werbefilm für Kirchenberufe. Der Film vermittelt eine Ahnung von «unserem Werni». Er zeigt ihn lachend bei der Segnung des neuen Feuerwehr-Fahrzeugs, grinsend beim Kerzenziehen mit Kindern und im Gespräch mit einer Witwe, bei der er mit Süssgebäck aufkreuzt. «Ich kann auf Menschen zugehen und den Draht zu ihnen finden», sagt der Pfarrer im Interview.

Tatsächlich schien er den Draht zu den Leuten in Küssnacht gefunden zu haben – doch diesen Draht hat er ausgenützt.

Man munkelte über Frauengeschichten

Ungefähr in jenem Jahr, als der Werbefilm gedreht wurde, machte Werner F. seine ersten Erfahrungen mit dem Geldspiel. Es war im Casino in Luzern, als er plötzlich 200 Franken gewann. Er war euphorisiert und glaubte, er könne schnell viel Geld verdienen und damit Gutes tun.

Nächtelang spielte er fortan Roulette oder Blackjack – doch der Geldregen blieb aus. Der Sigrist aus dem Dorf berichtete, wie er den Pfarrer jeweils gegen zehn Uhr abends habe wegfahren hören. Erst in den frühen Morgenstunden sei er wieder zurückgekommen. Man munkelte damals, es gebe Frauengeschichten.

Jahrelang zockte er im Geheimen weiter

Im Sommer 2011 offenbarte sich Werner F. seinem Bischof Vitus Huonder. Dieser schickte ihn zum Psychiater, verlangte eine Sperrverfügung für Casinos und zog eine Schuldenberatung bei. Der Psychiater stellte Werner F. eine gute Prognose aus, die Schulden galten als sanierbar. Zudem gab es laut dem Bistum Chur damals keine Hinweise auf strafrechtliches Verhalten. Also entschied der Bischof, am Pfarrer festzuhalten.

Eine Meldung an die Kirchgemeinde in Küssnacht gab es auf Bitten des Pfarrers nicht. Die Begründung des Bistums Chur klingt heute absurd: dann wäre der Pfarrer vermutlich entlassen worden.

Das Perfide an der Spielsucht ist, dass selbst Beinahe-Gewinne Glückshormone freisetzen. Und wie bei einer Drogensucht brauchen die Spieler einen immer stärkeren Reiz. Sie wollen öfter spielen und setzen mehr Geld. Fast alle Spielsüchtigen durchlaufen drei Phasen: Zuerst kommt das Abenteuer, es gibt erste Gewinne; dann folgt die Verlustphase, dann die Verzweiflungsphase. Letztere endet oft im finanziellen und psychischen Kollaps.

So muss es auch bei Werner F. gewesen sein. Jahrelang zockte er im Geheimen weiter – verschuldete sich immer stärker. Aus Chur heisst es dazu: «Es ergaben sich für das Bistum in den Jahren 2012 bis 2018 keine Anhaltspunkte dafür, dass die Sanierung nicht ordnungsgemäss verlaufe.»

Gegen den Pfarrer laufen erste Betreibungen

Als die Sache im Sommer 2018 dann doch öffentlich wurde, gab es kein Zurück mehr. Die Zeit von Werner F. in Küssnacht war abgelaufen. Zuerst verbrachte er mehrere Monate in einer Suchtklinik in Basel. Dann zog er in ein Kloster. Das Bistum Chur kümmert sich jetzt um den gestrauchelten Pfarrer.

Mitte Oktober räumte Werner F. seine Pfarrwohnung in Küssnacht, das Mobiliar stellte er ein. Damit verschwanden auch seine letzten Spuren im Dorf.

Der Luzerner Anwalt Robert Bühler wurde vom Bistum Chur beauftragt, die Schulden des Pfarrers zu erfassen. Bühler führt eine Tabelle, in der jeder geschuldete Franken akribisch verzeichnet ist. Der Anwalt sagt über Werner F.: «Es ist illusorisch, dass er die offenen Forderungen jemals begleichen kann. Dass er Privatkonkurs anmelden wird, ist sicher ein realistisches Szenario.»

«Der Diabolos, der Durcheinander-Werfer, hat alles zunderopsi gebracht.»Werner F.

Denn trotz aller Liebe im Dorf, die betroffenen Küssnachter wollen ihr Geld zurück. Von den 65 Gläubigern haben bislang nur gerade fünf beim Anwalt deponiert, dass sie auf eine Rückzahlung des Geldes verzichten. Alle anderen halten an ihrer Forderung fest – auch wenn sie fast sicher keinen Rappen mehr erhalten werden.

Immerhin kann mit einem Privatkonkurs sichergestellt werden, dass alle Gläubiger gleich behandelt werden. Denn bereits laufen erste Betreibungen gegen den Pfarrer. Bliebe ein Konkurs aus, würden die Gläubiger, die eine Betreibung eingeleitet haben, bevorzugt. Vor einer Woche fand in der Kirche Küssnacht eine Verabschiedung des Pfarrers statt. Die Pfarreibeauftragte verlas einen Brief von Werner F., in dem er sich für seine Taten entschuldigte. «Der Diabolos, der Durcheinander-Werfer, hat alles zunderopsi gebracht», schrieb Werner F. Er hätte viel früher fachliche Hilfe holen sollen. «Es werden Wunden zurückbleiben.» Wie es weitergehe, wisse er noch nicht. «Ich vertraue aber auf Gott, dass ich wieder ein Plätzchen finden werde, um mein Charisma einzubringen.»

Wie die Lokalzeitung «Freier Schweizer» berichtete, stellten die Küssnachter eine Woche vor dem Abschiedsgottesdienst zwei Briefkästen auf. Der eine war für Briefe gedacht, in denen die Leute ihre negativen und traurigen Gedanken über den früheren Pfarrer festhielten – im anderen Kasten landeten die Briefe mit positivem Inhalt. Letztere wird Werner F. im Kloster lesen können.

Die Kiste mit den negativen Briefen haben die Küssnachter nach dem Gottesdienst vor der Kirche verbrannt.

* Name der Redaktion bekannt

* Dieser Artikel erschien erstmals am 2. Dezember 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.12.2018, 16:18 Uhr

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