Wie der UNO-Hilfswerkchef das Arbeitsklima vergiftete

Pierre Krähenbühl stellte laut Ethikbericht Geliebte ein – mit Schweizer Geldern.

Weist die Vorwürfe zurück: Pierre Krähenbühl. (Foto: Keystone)

Weist die Vorwürfe zurück: Pierre Krähenbühl. (Foto: Keystone)

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Ein Bericht der internen Ethikkommission hat das UNO-Palästinenserhilfswerk UNRWA erschüttert. Die Rede ist von Machtmissbrauch, Missmanagement und Vetternwirtschaft. Die zurzeit von der UNO untersuchten Vorwürfe sind derart gravierend, dass die Schweiz die jährlichen Zahlungen von 22,3 Millionen Franken eingefroren hat.

Der SonntagsZeitung liegt der Bericht vor. Im Zentrum steht eine angebliche Liebesbeziehung des Schweizer UNRWA-Chefs Pierre Krähenbühl, die für ein «toxisches Arbeitsklima» gesorgt habe – und die von der Schweiz finanziell alimentiert wurde.

Ende 2015 schuf Krähenbühl eine Stelle als «Special Advisor», die er mit Maria M. besetzte. Deren offizielle Aufgabe war es, Krähenbühl bei der Suche nach Geldgebern zu unterstützen, wie UNRWA-Sprecherin Tamara Alrifai sagt. Bezahlt wurden die Auslagen für Maria M. von März 2015 bis Dezember 2018 von der Schweiz, wie das Aussendepartement (EDA) bestätigt. Wie viel Geld die Schweiz für die Chefberaterin ausgab und ob neben dem Lohn auch die Reisespesen bezahlt wurden, will das EDA mit Verweis auf die laufende Untersuchung der UNO nicht bekannt geben.

Gemäss dem Bericht verlief der Rekrutierungsprozess für Maria M. «ungewöhnlich schnell». Auch sei sie eine Lohnklasse höher als üblich eingestuft worden. Sprecherin Alrifai spricht von einem «kompetitiven Rekrutierungsverfahren», das Maria M. durchlaufen habe. Alrifai hebt auch M.s Erfahrung als Anwältin und deren jahrelange Arbeit für die UNRWA hervor.

Der UNRWA-Chef war kaum noch an seinem Arbeitsort

Sowohl intern als auch bei den Gönnerstaaten sei vielen klar gewesen, dass der verheiratete Krähenbühl und seine Chefberaterin ein Verhältnis hatten. Mitarbeiter hätten oft die Frage beantworten müssen, weshalb die beiden immer zu zweit reisten – «und was sie abends machen». Gemäss dem Bericht habe M. bei Reisen nach der Grösse der Betten gefragt. In konservativen Ländern wie Saudi­arabien kam das nicht gut an.

Während ein grosser Teil der Kader Economyclass flog, jetteten Krähenbühl und seine Chefberaterin meist in der Businessclass um den Globus. Der Schweizer sei kaum noch an seinem Arbeitsplatz in Jerusalem gewesen. Dafür immer öfter in Amman, wo Maria M. arbeitete. Ein ehemaliger Kader bezeichnet Krähenbühl als ein «U-Boot»: «Ab und zu tauchte er für einige Tage auf, danach verschwand er und war nicht erreichbar.»

Auf Anfrage verwies Maria M. an eine Sprecherin. Pierre Krähenbühl antwortete auf Fragen nicht, wies die Vorwürfe gegenüber dem TV-Sender al-Jazeera aber zurück. Bei der UNO ist die interne Aufsichtsbehörde OIOS daran, die Vorgänge zu untersuchen. Gemäss dem Bericht der Ethikkommission sind 25 aktuelle und ehemalige Kadermitarbeiter bereit, ihre Vorwürfe persönlich auszuführen.

Niederlande und Schweiz sistieren Zahlungen

Die UNRWA steht schon länger unter Druck. Die SonntagsZeitung berichtete, dass in Lehrmitteln, die an UNRWA-Schulen eingesetzt werden, teilweise Antisemitismus geschürt wird. Bereits 2018 kritisierte Aussenminister Ignazio Cassis das Hilfswerk. Trotzdem unterstützte die Schweiz das Palästina-Hilfswerk weiter. Das ist jetzt anders. Neben der Schweiz haben auch die Niederlande und Belgien Zahlungen sistiert.

UNRWA-Sprecherin Alrifai sagt, dass man die Untersuchung abwarten wolle. Sollten sich «Resultate ergeben, die korrektive Massnahmen oder Aktionen des Managements erfordern, werden wir nicht zögern, diese zu ergreifen». Den Bericht enthüllt hat der Journalist und Autor Ian Williams. Seine Auffassung ist eindeutig: «Pierre Krähenbühl ist nicht mehr haltbar. Die Frage ist nur noch, ob er freiwillig zurücktritt oder ob ihn der UNO-Generalsekretär entlässt.»



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Erstellt: 03.08.2019, 21:59 Uhr

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