Wie die Kesb einer Mutter drei Kinder wegnimmt

Weil eine Zürcherin ihre Kinder zu Hause schulte und alternativ lebt, rückte die Polizei aus.

Eltern wird das Aufenthaltsbestimmungsrecht über ihre Kinder meist dann entzogen, wenn physische und psychische Gewalt oder Drogenkonsum im Spiel sind. (Illustration: Melk Thalmann)

Eltern wird das Aufenthaltsbestimmungsrecht über ihre Kinder meist dann entzogen, wenn physische und psychische Gewalt oder Drogenkonsum im Spiel sind. (Illustration: Melk Thalmann)

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Es ist der 1. November 2018. Andrea P. ergreift im Sitzungszimmer des Sozialzentrums einen Stuhl, weil sie über der Türe ein Oberlicht sieht. Sie ist im Raum eingesperrt und hört von draussen auf dem Flur die Rufe ihrer Kinder. Sie steigt auf den Stuhl, zieht sich mit den Händen zum Fenster hoch, die Fussspitzen auf der Stuhllehne, und beobachtet, wie schwer bewaffnete Polizisten in Vollmontur und Helm ihre Kinder wegzerren, die sich wehren. Als die fünf- und siebenjährigen Buben nicht mehr in ihrem Blickfeld sind, ruft sie der 13-jährigen Tochter zu, sie solle aufgeben und mitgehen, damit sie sehe, was man mit den Kleinen mache.

Zwei Polizisten ziehen sie vom Stuhl herunter, drücken sie an die Wand und halten sie im Polizeigriff fest. Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde der Stadt Zürich (Kesb) hat Andrea P. an diesem Tag die Kinder weggenommen und sie an einem ihr unbekannten Ort untergebracht. Ohne Vorwarnung.

Eltern wird das Aufenthaltsbestimmungsrecht über ihre Kinder meist dann entzogen, wenn physische und psychische Gewalt, Drogenkonsum, schwere psychische Krankheit eines Elternteils oder Vernachlässigung im Spiel sind – und der Gefährdung der Kinder nicht mit weniger eingreifenden Mitteln wirksam begegnet werden kann. 2018 wurden in der Stadt Zürich 280 Kinder fremdplatziert, im Kanton waren es 768.

Grosse kantonale Unterschiede beim Kindesentzug

Die gesamtschweizerischen Zahlen von 2017 (neuere sind nicht verfügbar) zeigen grosse kantonale Unterschiede, obwohl überall die gleichen Gesetze gelten. In den Kantonen Neuenburg und Solothurn verfügte die Kesb bei 38 von 1000 Kindern eine Massnahme. In den Kantonen Aargau und Zürich waren es 23 und 28, in Uri und Obwalden 14 respektive 16 von 1000 Kindern.

Professor Christoph Häfeli ist einer der besten Kenner des Kinder- und Erwachsenenschutzes. Er sagt: «Es gibt keine schlüssige Erklärung für die Unterschiede. Die der Kesb-Massnahme vorgelagerte Hilfe für Erwachsene und Kinder ist in den Kantonen zwar unterschiedlich, aber das erklärt nicht alles. Wir tappen weitgehend im Dunkeln, weil es nicht erforscht ist. Es gibt aber sicher auch unterschiedliche Vorgehensweisen der Behörden», sagt er.

Generell sieht Häfeli seit der Einführung der Kesb keine Zunahme von massiven Eingriffen. «Ich beobachte, dass man eher zurückhaltend ist mit harten Massnahmen.»

Die Geschichte von Andrea P. wirft die Frage auf, ob der Staat mit derart massiven Mitteln in die Lebensführung eingreifen darf.

Andrea P. hat ihre Buben und die Tochter weder geschlagen noch psychischer Gewalt ausgesetzt. Sie hat sie aber zu Hause unterrichtet, statt sie in die Schule zu schicken. Und sie führt ein Leben ausserhalb gesellschaftlicher Normen. Sie nervt die Behörden, weil sie Anweisungen der Schul- und Sozialbehörde zuweilen unvollständig befolgt. Darf man einer Mutter deswegen die Kinder wegnehmen?

Die Geschichte von Andrea P. wirft die Frage auf, ob der Staat mit derart massiven Mitteln in die Lebensführung seiner Bürgerinnen und Bürger eingreifen darf, wenn sie Regeln nicht einhalten. Ist das zulässig, wenn die gesellschaftliche Ordnung durch den Regelverstoss zwar gestört wird, aber nicht klar ist, ob irgendwer tatsächlich zu Schaden gekommen ist?

Eigentlich beginnt alles vor vierzig Jahren. Schon die Mutter von Andrea P. ist in den 70er-Jahren alleinerziehend. Weil die ausländischen Väter der drei Kinder von der Bildfläche verschwinden, werden die Kinder der Schweizerin bevormundet – und sie gerät verschiedentlich in Konflikt mit den Behörden.

Ihre Tochter macht es ihr nach. Auch Andrea P. lebt unkonventionell, auch sie hat drei Kinder von zwei Vätern aus Afrika. Und sie weicht den Behörden manchmal aus, wenn Forderungen kommen. Sie unterrichtet die Kinder zu Hause in Mathematik, Deutsch und Englisch. Und sie bringt ihnen zusätzlichen Stoff bei, wenn sie alle im Schrebergarten arbeiten. Unterstützt wird sie von ihrer Familie, die eng zusammenhält. Mit ihrer eigenen Mutter und der Schwester bilden sie einen Verbund, der sich um die Kinder kümmert.

Bis 2017 finanziert sie die Familie selbst, dann erhält sie Sozialhilfe. Die Kinder seien offen und sehr lebendig, notiert zu dieser Zeit der Sozialarbeiter.

Sie war mit dem Kind und dem Leiterwagen nachts unterwegs

Doch dann kommt es zu zwei Szenen, die später zur Eskalation beitragen.

Am 9. Juli 2017 um 23.15 Uhr wird sie von einer Streife der Stadtpolizei angehalten. Im Polizeibericht steht: «War mit Sohn und Leiterwagen unterwegs.» Aufgrund des Erscheinungsbildes und der fortgeschrittenen Tageszeit habe er sich entschlossen, sie einer Kontrolle zu unterziehen, schreibt der zuständige Polizist. Sie habe erklärt, sie sei mit ihrem Sohn unterwegs, um Dinge zu sammeln, die andere fortwerfen würden. Nach Rücksprache mit der Einsatzzentrale wird entschieden, dass es keinen Handlungsbedarf gibt. Doch die Kesb wird informiert.

Dann kommt – mehr als ein Jahr später – der 16. Oktober 2018. An diesem Tag geht sie mit den Kindern früh am Morgen in den Schrebergarten. Es gibt viel zu tun, Gemüse ernten, Erde umgraben, den Garten winterfest machen. Dort erhält sie eine Mail vom Sozialzentrum, sie müsse vorbeikommen. Weil sie ab und zu gerügt wurde, sie sei schlecht erreichbar, beschliesst sie, gleich hinzugehen, obwohl alle von der Gartenarbeit müde sind.

Im Sozialzentrum fällt die Familie auf. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort sehen die Kinder verwahrlost aus. Obwohl sie dunkelhäutig sind, steht im Bericht von diesem Tag, sie seien sehr bleich. Zudem erschöpft. «Die Kinder wirkten wie Strassenkinder», heisst es. Die Erklärung der Mutter, sie kämen von harter Gartenarbeit, überzeugt die Behördenmitarbeiter nicht.

Man muss annehmen, dass hier zwei Welten aufeinanderprallen. Hier Vertreterinnen und Vertreter des Staates, die Regeln durchsetzen müssen und zudem die Aufgabe haben, Kinder vor Schaden zu bewahren. Sie sind frustriert, weil sich Andrea P. immer wieder verweigert, ab und an Termine nicht einhält, es unklar ist, wo die Kinder genau leben – bei der Mutter, bei der Grossmutter, bei der Tante oder bei allen ein wenig? Es fehlt die Kontrolle über die Familie, weil die Kinder nicht zur Schule gehen. Auf der anderen Seite steht Andrea P., die sich von morgens bis abends für ihre Kinder einsetzt, wie sie sagt, sie schult, sie erzieht, ihnen Manieren beibringt. Sie will es auf ihre Art tun, ohne Einmischung der Behörden.

Nichts ahnend geht sie aufs Amt – dann kommt die Polizei

Die Geschichte nimmt ihren fatalen Lauf. Die Schulbehörde macht Ende Oktober – zwei Wochen nach dem Besuch der Familie im Sozialzentrum – eine Gefährdungsmeldung, weil die Kinder nicht in der Schule sind. Andrea P. hatte zwar für 2017 eine Bewilligung für den Unterricht zu Hause erhalten, doch für 2018 willigte sie ein, die Kinder zum Unterricht zu schicken. Doch als das Schuljahr Mitte August beginnt, erscheinen sie nicht. Die Mutter hat die Anmeldefrist für die Schule, die sie als geeignet erachtet, verpasst, und hängt weitere Wochen «homeschooling» an.

Generell befürchten Behörden, wenn Kinder nicht zur Schule gehen, dass ihnen Schulstoff fehlt und sie der Möglichkeit beraubt werden, im Umgang mit anderen Kindern Sozialkompetenz zu lernen. Einem Elternpaar im Kanton Bern wurde deswegen kürzlich der Sohn weggenommen, einem Paar im Kanton St. Gallen droht mit den Töchtern ein ähnliches Schicksal. Sie alle kämpfen vor Gerichten.

Statt Andrea P. eine Erziehungshilfe oder einen Beistand zur Seite zu stellen, statt ihr mitzuteilen, dass es eine Gefährdungsmeldung gibt und es Ernst gilt, statt die Kinder zu einer Abklärung einzuladen – macht jetzt auch das Sozialzentrum eine Meldung an die Kesb. Tenor: Die Mutter sei nicht kooperativ und lasse die Kinder verwahrlosen. Die höchste Eskalationsstufe ist erreicht – zwei Tage später, am 1. November, wird die Polizei in Vollmontur aufgeboten.

Die Kesb kann aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes zu diesem Fall keine Angaben machen, sagt Behördenmitglied Gabriela Meier.

Man lockt sie in eine Falle, wird Andrea P. später vor Gericht sagen. Sie erhält an diesem Tag erneut eine Mail mit der Mitteilung, man müsse mit ihr Dokumente besprechen. Wieder ist sie mit den Kindern im Schrebergarten. Sie ernten Kürbisse, schnitzen und bemalen sie.

Nichts ahnend kommt sie mit den Kindern aufs Amt – alle in dreckigen Kleidern, der Kleinste mit zwei rechten Schuhen an den Füssen. Man lässt sie länger warten, Andrea P. bemerkt hektisches Treiben, dann kommt die Polizei. Sie werden separiert. Die fünf- und siebenjährigen Knaben, die 13-jährige Tochter – sie wissen nicht, wie ihnen geschieht. Sie können sich von ihrer Mutter nicht verabschieden, hören nur ihre Rufe durch die Türe, während sie von Polizisten abgeführt und laut Kesb-Beschluss in ein für die Mutter geheimes Heim gebracht werden.

Die Kesb kann aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes zu diesem Fall keine Angaben machen, sagt Behördenmitglied Gabriela Meier. «Es gibt Situationen, wo man keinen genügenden Kontakt mit den Eltern aufbauen kann, um abzuklären, wie es einem Kind geht. In absoluten Ausnahmefällen kann es nötig sein, die Unterstützung der Polizei dafür in Anspruch zu nehmen. Das ist eine Chance, die Situation zu klären, es ist zum Wohl des Kindes.»

Zürcher Obergericht bremst im Mai 2019 die Behörde

Andrea P. ist in Panik, schwankt in den nächsten Tagen und Wochen zwischen Verzweiflung und Depression. Sie darf ihre Kinder lange nicht, dann nur unter strengster Bewachung sehen.

Die Befürchtung, die Kinder könnten verwahrlost und ungebildet sein, bewahrheitet sich nicht. Sie werden im Heim als «aufgeweckt, fröhlich, höflich und interessiert geschildert». Später heisst es in einer Evaluation, die ältere Tochter zeige ein sehr gutes Sozialverhalten, sei hilfsbereit und immer anständig gegenüber Lehrpersonen. Es gebe keine Stofflücken, in Mathematik löse sie Aufgaben auf Niveau Gymi-Prüfung.

Und trotzdem bleibt die Kesb hart. Sie bestätigt Anfang Dezember 2018 die Fremdplatzierung: Die Tatsache, dass die Mutter ihre Kinder langfristig aktiv von der Schule ferngehalten habe, sei bereits für sich allein eine derart grosse Kindeswohlgefährdung, dass eine Platzierung weiterhin gerechtfertigt und notwendig sei. Die Kinder bleiben sieben Monate im Heim.

Erst das Zürcher Obergericht bremst im Mai 2019 die Behörde und verfügt, dass die Mutter ihre Kinder zurückerhält. Es fehlten Anhaltspunkte für eine Verwahrlosung, halten die Richter in ihrem Entscheid fest. Auch «eine Gefährdung der Kinder im Bereich der schulischen Entwicklung» habe sich nicht bestätigt. Es gebe zudem keine Hinweise auf «Verhaltensauffälligkeiten». Im Gerichtsverfahren äussert sich auch der Hausarzt. Er sagt, die Frau verhalte sich wohl nicht ganz gesellschaftskonform, sie sei aber eine gute Mutter und habe auch ihre Stärken.

Die Familie steht unter strenger Beobachtung

Seit diesem Entscheid schickt Andrea P. die Kinder zur Schule. Doch noch gibt es kein Happy End. Die Anordnung des Obergerichts ist nur ein Zwischenentscheid. Und das Verhältnis zwischen Andrea P. und den Behörden scheint zerrüttet. Während der Zeit im Heim und unter der Obhut der Kesb hat sich ihre Tochter schwer am Fuss verletzt. Sie muss mehrere Operationen über sich ergehen lassen. Und einer der Söhne soll jetzt in der Schule eine Klasse repetieren, offenbar ist er schulisch auf dem Stand vom vergangenen Herbst, als ihn noch die Mutter unterrichtete – vor der Heimplatzierung.

Andrea P. spürt das Damoklesschwert eines weiteren Kindesentzugs im Nacken. Die Familie steht unter strenger Beobachtung der Ämter. Zwar stehen im Zeugnis der 13-jährigen Tochter alles Noten zwischen 4,5 und 5,5. Doch bereits hat die Schule des 8-jährigen Sohnes der Kesb eine ganze Liste von Bemängelungen geschickt. Unter anderem komme er oft zu spät oder habe die «Turntäppeli» für den Musikunterricht nicht dabei.



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Erstellt: 20.07.2019, 21:38 Uhr

In Zahlen

7000
Franken. So viel kostet eine Heimplatzierung im Schnitt pro Monat. Die Eltern müssen für einen Teil des Betrags aufkommen – auch wenn die Kinder gegen ihren Willen im Heim sind.

4099
So viele Kinder wurden 2017 in der Schweiz in Heimen oder Pflegefamilien fremdplatziert.

39
Im Kanton Jura verhängt die Kesb bei 39 von 1000 Kindern eine Schutzmassnahme. Im Kanton Obwalden passiert das nur bei
16 von 1000 Kindern.

2000
So viele Kinder werden in der Schweiz zu Hause unterrichtet – mehrheitlich nur während der Primarschulzeit.

41'902
Für so viele Kinder ordnete die Kesb 2017 in der Schweiz eine Schutzmassnahme an. In 77 Prozent der Fälle ging es um eine Beistandschaft.

246
So viele Knaben und Mädchen werden im Kanton Aargau privat geschult. Im Gegensatz zum Kanton Zürich ist «homeschooling» dort relativ einfach möglich. Liberal sind auch die Westschweiz, Bern und Appenzell Ausserrhoden.

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