Wieso die Schallplatte das Streaming-Zeitalter überlebt

Das schwarze Gold aus Plastik lebt weiter und sprengt zuweilen sein natürliches Nischendasein. Ein Essay.

Die Schallplatte hält sich im Zeitalter der Digitalisierung hartnäckig. Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Schallplatte hält sich im Zeitalter der Digitalisierung hartnäckig. Foto: Getty Images/iStockphoto

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Meine erste LP war eine CD. Aber genau dieser Silberling hats weniger wegen der Musik in mein Kinderzimmer geschafft; entscheidend war die historische Aufnahme des brennenden Zeppelins. Jenes mächtige Bild, das im kleinen Quadratformat und eher lieblos auf dem Cover abgedruckt war: Es führte mich zur Musik von Led Zeppelin – und nicht umgekehrt.

Seither liebe ich physische Tonträger, nur, dass ich seit einigen Jahren weniger CDs, sondern vermehrt Schallplatten kaufe. Sei es in den gut sortierten und nicht allzu vollgestopften Plattenläden, die es in den meisten Schweizer Städten nach dem Ende der grossen Ketten noch immer gibt. Sei es bei internationalen Onlineshops fernab der Giganten oder via Plattformen wie das Plattensammlermekka Discogs und Bandcamp, wo man direkt bei kleineren Labels neue Musik bestellen kann.

«Ich kann behaupten, dass bei mir keine Nostalgie im Spiel ist.»

Natürlich frage ich mich immer wieder, was diese Materialschlacht soll, in Zeiten, in denen so viel verschiedene Musik via Streaming­giganten wie Spotify, die ich natürlich auch nutze, verfügbar ist. Die Platte ist ja eigentlich ein hoffnungslos veraltetes Medium, das bereits in meiner Kindheit von einer silbernen und wesentlich kompakteren Scheibe abgelöst wurde. So kann ich behaupten, dass bei mir keine Nostalgie im Spiel ist, zumal diese immer vergiftet ist und verklärend wirkt, und auch kein Hang zu ausgetüftelter Hi-Fi-Kennerschaft vorliegt, dafür ist meine Stereoanlage schlicht zu schlecht. Eher ist es ein trotziger Protest gegen die ­Mari-Kondoisierung des Alltags, in dem alles so gut aufgeräumt ist und alles scheinbar Überflüssige keinen Platz mehr hat. Und es mag auch Ausdruck eines hoffnungslosen Kampfes gegen das Verschwinden von allen physischen Dingen in Zeiten der Digitalisierung sein.

Vielleicht bin ich aber auch einfach ein Opfer eines Lifestyles geworden, in dem die Platte zum hippen Accessoire geworden und das Analoge ein hübscher Fetisch ist. Und ich damit ein Mensch, den man einen Vinyl-Spiesser schimpfen könnte. Denn die Schallplatte wird ja seit einigen Jahren auch in Kleider- und Schöner-Wohnen-Gadgetläden angeboten, dazu gibts passende Vintage-Abspielgeräte, meist in Kofferform, zu kaufen. Man konnte in den letzten Jahren auch viel vom Vinylboom lesen, gar von der «Rache des Analogen», wie ein weitherum beachtetes Buch heisst, in dem vor allem die haptischen Qualitäten der Platte gelobt werden.

Doch wenn das überhaupt ein Boom ist, dann ist es einer, der in einer winzigen Nische stattfindet. Zumal in der Schweiz: 170 Millionen betrug der Gesamtumsatz des Schweizer Tonträgermarkts im Jahr 2018, wie die Ifpi – der Verband der Schweizer Musiklabels – kürzlich meldete. Der Grossteil des Umsatzes fällt dabei auf das boomende Streaming; die physischen Tonträger tragen nur noch 24 Prozent zum Resultat bei, Tendenz sinkend. Wer dieses knappe Viertel weiter aufsplittet, sieht, dass Vinyl verschwindend kleine 2 Prozent beiträgt, wobei berücksichtigt werden muss, dass in diesen Zahlen keine Importe erfasst sind – und damit der Grossteil der Plattensammler unter dem Radar durchfliegt.

«Musik hat einen Wert, der über das Materielle hinausweist.» 

Aber Vinyl – dieses schwarze Gold aus Plastik – lebt weiter und sprengt zuweilen sein natürliches Nischendasein, was gerade in diesen Tagen wieder feststellbar ist. Denn am 13. April wird auch in der Schweiz der Record Store Day gefeiert.

Ursprünglich wurde dieser Tag 2008 von unabhängigen Plattenläden ins Leben gerufen, damit in den für die Geschäfte verheerenden Jahren der damaligen Downloadkultur wieder mehr Kundschaft angezogen wird. Die Läden lockten mit Konzerten und exklusiven Platten. Nach und nach wurde der Record Store Day – vorab in den USA und England – wichtiger als das gesamte Weihnachtsgeschäft. Und wie das so ist, wenn etwas im Untergrund erfolgreich ist, standen die Grossen der Musikindustrie rasch auf dem Plan – und die Majorlabels fluten den Markt mit limitierten Spezialpressungen, die online weiterversteigert werden.

Wo die Algorithmen versagen

Auch wenn der Jubel über den Record Store Day bei gewissen Labels und Läden einer Skepsis oder gar einem Boykott gewichen ist, strahlt dieser Tag etwas aus, was im Streamingalltag oft verloren geht. Denn man spürt wieder einmal, dass Musik nicht einfach Content ist, an dem die Musiker nichts verdienen. Vielmehr hat sie einen Wert, der über das Materielle hinausweist.

Kommt dazu, dass viele Plattenläden längst nicht mehr von grantigen Geschmackspolizisten geführt werden, so, wie es Nick Hornbys Plattenladen-Ode «High Fidelity» einst zementierte. Man kann da auch auf freundliches, junges Personal treffen, das auf Alben aufmerksam macht, die kein Algorithmus dieser Welt für einen auswählen könnte.

Und vielleicht sieht man ja auch einfach ein Cover, das einen in den Bann zieht – und einem Dasein einen neuen Dreh geben kann. Es muss ja nicht Led Zeppelin sein.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.04.2019, 17:53 Uhr

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