Wie die Uni Zürich Politik macht

Zürcher Historiker wollen sich mit ihrem Blog «Geschichte der Gegenwart» in aktuelle Debatten einbringen. Was dort steht, ist jedoch an Einfalt und Schmallippigkeit kaum zu übertreffen.

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Ein Angriff von Christoph Mörgeli bringt keine Freude. Der ehemalige SVP-Nationalrat redet giftig und schreibt böse. Ein Angriff von Christoph Mörgeli bringt dafür Freunde. Sofort hat man mindestens zwei Drittel des Landes auf seiner Seite. Besonders gut kennen das die Geschichtsprofessoren der Universität Zürich, denen Mörgeli vor ein paar Jahren vorwarf, sie seien alle viel zu links, viel zu konformistisch und ohnehin viel zu deutsch.

Das ganze Theater gipfelte in hässlichen Mobbingvorwürfen, orchestrierten Kampagnen, juristischen Klagen, Prozessen und letztlich dem Rauswurf Mörgelis und einer seiner Kontrahentinnen aus der Uni. Die ursprünglichen Vorwürfe gingen dabei vergessen. Letztes Jahr nun starteten die Zürcher Historiker einen eigenen Blog namens «Geschichte der Gegenwart», in dem sie sich in aktuelle Debatten einbringen wollen. Beste Gelegenheit also, um nachzuprüfen, ob da an Mörgelis Kritik was dran gewesen ist.

«Vor lauter Nazis traut man sich kaum mehr aus dem Haus.»

Um es gleich vorwegzunehmen: Ein Lesespass sind die Beiträge nicht. Die meisten Texte sind länglich und umständlich geschrieben. Das ist bei Akademikern nicht weiter überraschend oder sonderlich schlimm. So kompliziert die Sprache, so einfach ist hingegen das Weltbild der Autoren. Gut sind: Sozis, Burka, linker Populismus und Schokoküsse. Böse sind: SVP, direkte Demokratie, rechter Populismus und Mohrenköpfe. Ein Lieblingsbegriff der Zürcher Historiker ist «rechte Hetze», abgewandelt bisweilen in «notorische Hetze» – beides zieht sich wie ein Singsang durch den Blog. Überall werden «offener Rassismus» und «rechtsnationale Fake-News» gewittert, Andersdenkende sind «Idioten», SVP-Nationalrat Roger Köppel erhält gar den wenig akademischen Titel eines «Hasspredigers». Nach ein paar Stunden Lektüre traut man sich kaum mehr aus dem Haus vor lauter Nazis. Nichts gegen deutsche Historiker: Ihre Texte sind oft klug und sprachlich fast durchgängig am besten. Bloss möchte man sie bei ihrer Vergangenheits­bewältigung gelegentlich daran erinnern, dass der ­Zweite Weltkrieg nicht auf dem Rütli ausbrach.

Das alles ist weder unzulässig noch problematisch – wenn die Beiträge nur nicht so einseitig und durchwegs humorfrei wären. Von einem Wettstreit der Ideen und einer gesunden Portion Selbstreflexion, wie es an einer Universität eigentlich Voraussetzung sein sollte, ist auf diesem Blog weniger zu spüren als am Kongress der Kommunistischen Partei Chinas. Statt geistiger Esprit und Debattierlust herrschen Schmallippigkeit und Meinungskolchose.

Ein Empfehlungsschreiben ist das nicht. Der international erfolgreichste Schweizer Historiker, Oliver Zimmer von der renommierten Oxford University, erklärte kürzlich in einem Interview mit der «Basler Zeitung», warum er es in Zürich nicht mehr ausgehalten hat. Er beklagte einen «moralischen Ton», «dogmatische Tendenzen» und ein «Klima des Konformismus». Seine Zürcher Kollegen hätten sich «auf die Ebene der Ideologie» begeben und begriffen nicht, «wie religiös ihr Denken ist». Das linke Lager beanspruche «die Wahrheit und eine höhere Form der Wissenschaftlichkeit» für sich, es verstehe «Geschichte als Politik mit anderen Mitteln». Das Fehlen einer Meinungsvielfalt empfinde man jedoch nicht als befremdlich, sondern als «absolut in Ordnung». All dies führt laut Zimmer zu einer «Negativselektion beim Nachwuchs»: Die Querköpfe, die Unangepassten, die Provokateure verliessen die Uni oder gingen ins Ausland.

«Man muss neugierig sein. Man muss bereit sein, sich irritieren zu lassen», forderte Zimmer. Schade nur, dass die Geschichtsstudenten dafür den weiten Weg nach Oxford gehen müssen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.10.2017, 18:48 Uhr

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