«Wie ein Supermarkt für Pädophile»

Für Kinderschützer sind Babysitter-Vermittlungen im Internet eine potenzielle Gefahr.

Betreuung fürs Baby: Auf rund 30 Onlineportalen sind Babysitter zu finden. Foto: iStock

Betreuung fürs Baby: Auf rund 30 Onlineportalen sind Babysitter zu finden. Foto: iStock

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Seit ihr Babysitter wegzog, sind Fiona und Mark* nicht mehr dazugekommen, gemeinsam auszugehen. Da sie in ihrem Bekanntenkreis keinen Ersatz finden, suchen sie auf dem Online-Marktplatz Babysitting 24 nach einer geeigneten Person. Sie erstellen ein Profil, beschreiben ihre Kinder und laden ein Familienfoto hoch.

Loredana* sucht nach einem Nebenerwerb. Als Jugendliche hat sie die Kinder ihrer Tante gehütet, einen Kurs hat sie jedoch nicht besucht. Auch Loredana erstellt auf Babysitting 24 ein Profil. Sie entdeckt das Inserat von Fiona und Mark. Die beiden wohnen im selben Quartier und haben ähnliche Gehaltsvorstellungen. Also bewirbt sich Loredana über die Plattform bei den Eltern.

Manche Eltern präsentieren ihre Kinder in Badehosen

In der Schweiz gibt es rund 30 Onlineportale, auf denen Eltern einen Babysitter finden können – oder umgekehrt. Für Regula Schwager von Castagna, einer Beratungsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche, ist das Angebot hochproblematisch: «Es wirkt wie ein Supermarkt, in dem man ein Kind nach Aussehen und Alter auswählen kann – auch Pädosexuelle können so ein Kind nach ihren Vorlieben auswählen.»

Bei der Profilerstellung können Babysitter ihre Präferenzen angeben: Anzahl Kinder, Alter der Kinder, bevorzugte Arbeitszeit (nur tagsüber oder auch über Nacht) sowie Arbeitsort (im Haus der Eltern oder in der Wohnung des Babysitters). Der Anmeldeprozess ist relativ niederschwellig, ein Identitätsausweis wird vom Betreiber nicht verlangt. Neben einer Adresse muss jedoch für die Anmeldegebühr eine Kreditkartennummer oder eine Bankverbindung angegeben werden.

Schwager sieht die Gefahr, dass sich Pädokriminelle als falsche Babysitter ausgeben und gezielt eine Familie angehen, die in einer Notlage ist, weil sie dringend einen Babysitter braucht. Oder sich schlicht an den Fotos bedienen, die auch ohne die oben genannten Hürden heruntergeladen und versendet werden können.

Es sei schwierig zu beurteilen, ob sich Eltern einer solchen Bildsprache bewusst bedienten oder ob sie nur extrem naiv seien.

Christoph Erdös vertritt als Anwalt auch minderjährige Opfer sexueller Gewalt. Geht den Ermittlern ein Pädokrimineller ins Netz, so lassen sich gemäss Erdös auf dessen Computer oft Tausende Kinderfotos finden, die von allen möglichen Plattformen heruntergeladen werden. «Das sind Triebtäter, die ständig Frischfleisch brauchen», erklärt Erdös die Sammelwut.

Vor diesem Hintergrund erschreckt die Freizügigkeit, mit der Eltern Fotos ihrer Kinder hoch­laden. Auf Babysitting 24 etwa lacht eine in Badesachen gekleidete Familie vom Gummiboot, um sich Babysittern vorzustellen.

Erdös schliesst nicht aus, dass solche Portale auch von Eltern genutzt werden könnten, die ihre Kinder Pädokriminellen gegen Geld anbieten: «Es wurden schon Leute verurteilt, nachdem sie ihre Neffen oder Stiefkinder auf einer Kreuzfahrt anderen Pädokriminellen zum Missbrauch zur Verfügung stellten.» Im Fall des erwähnten Familienfotos sei es jedoch schwer zu sagen, ob sich die Eltern dieser Bildsprache bewusst bedienten oder ob sie nur extrem naiv seien.

Rechtlich begeben sich jedoch weder die Eltern noch die Betreiber der Plattform in Schwierigkeiten: «Solange durch die Aufmachung nicht der Anschein des Angebots professioneller Betreuung erweckt wird und in den AGB steht, dass es sich bei den Babysittern um Laien und nicht etwa um ausgebildetes Fachpersonal handelt, ist der Betrieb von solchen Plattformen legal», sagt Erdös.

Fragwürdige Fotos würden nicht hochgeladen

Sandro Principe ist Gründer und Inhaber von Babysitting 24. Er anerkennt zwar, dass es grundsätzlich nicht unmöglich sei, dass seine Plattform von Pädokriminellen missbraucht werde, er wisse aber aufgrund seiner zwölfjährigen Erfahrung mit Zehntausenden Kunden, dass die Gefahr sehr klein sei: «Im Gegensatz zu anderen Anbietern und Social-Media-Plattformen wie Instagram verlangen wir eine Kontonummer, anhand derer sich ein Täter im Fall eines Verdachts identifizieren lässt.»

Zudem werden gemäss Principe neue Profile manuell überprüft, wobei fragwürdige nicht online gestellt würden. Dabei würden auch Zeugnisse, Referenzen und Bewertungen anderer Kunden kontrolliert. Dies schrecke Pädokriminelle ab. So habe es in zwölf Jahren nur zwei Fälle gegeben, in denen der Polizei relevante Daten zur Verhinderung eines möglichen Kontaktes weitergegeben wurden.

Am Ende müssten Eltern ihre Pflicht zur seriösen Selbstdarstellung wahrnehmen, sagt Principe. Dabei sollten sie sich auf ihr Bauchgefühl verlassen: «Auf unserer Website gibt es einen Ratgeber, in dem wir Eltern Tipps geben, nach welchen Kriterien sie sich einen Babysitter auswählen sollen.» Den Hinweis, dass man keine Fotos halb nackter Kinder hochladen sollte, sucht man im Ratgeber jedoch vergeblich. Principe hält das für «selbstverständlich».

* Namen geändert



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Erstellt: 16.11.2019, 21:29 Uhr

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