Sie sieht in jeder Rolle gut aus

Model, Celebrity, Unternehmerin: Die britische Stilikone Alexa Chung ist eine nahezu bruchlose Erfolgsgeschichte.

Auch schlicht gut gekleidet: Alexa Chung in einem weissen Baumwollkleid und einem camelfarbenen Mantel von Alexachung in München.

Auch schlicht gut gekleidet: Alexa Chung in einem weissen Baumwollkleid und einem camelfarbenen Mantel von Alexachung in München. Bild: Natalie Neomi Isser

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Eigentlich mag man ja solche Frauen nicht. Die grossartig aussehen, wenn sie morgens mit zerwühlten Haaren und verlaufenem Make-up vom Vorabend aus dem Bett kriechen. Die sich auf dem Weg zum Bäcker ein schnelles Outfit überwerfen, für das sie dann in Stilblogs gefeiert werden. Die mit genau den richtigen Leuten aus den Sparten Mode, Musik, Film, wahre Welt befreundet sind, mindestens einen Rockstar zum Freund hatten und nur auf den wirklich guten Partys auftauchen, wo sie auch noch aussehen, als hätten sie wirklich Spass. Frauen wie Alexa Chung eben, die das coole, hippe Fashion-Leben so vorschriftsmässig zelebrieren, dass es schon wieder nach Strebertum riecht. Man findet sie anstrengend.

Mit Ausnahme von Alexa Chung natürlich. Die findet man super. Erklärungshalber eine kleine Episode: Empfang in einem angesagten Münchner Lokal, früher Nachmittag. Die britische Stil­ikone Alexa Chung hat zu diesem Zeitpunkt schon etliche Mode-Sünden begangen. Sie hat, nachdem sie Vorspeise und Hauptgang gegessen hat, auch den Käsekuchen anstandslos verdrückt. Sie hat dazu zwei Gläser Weisswein getrunken und drei Camel Lights geraucht. Alle am Tisch wissen, dass sie am nächsten Abend zwar als Markenbotschafterin zu einer Gala von L’Oréal in Paris geladen ist, aber keinen Schimmer hat, was genau der Anlass ist («must google it»). Sie hat ausserdem ein bisschen gesungen und die Wiesenblumendeko zerpflückt.

Ja, Alexa Chung ist lustig. Und nett. Und sie ist zweifellos neugierig auf Menschen. In der Branche sind das schon mal drei Alleinstellungsmerkmale. In ihrem beruflichen Portfolio ist die 35-Jährige als Model, Moderatorin, Autorin und Designerin gelistet, was nach grobem Unernst klingt. Alles ein wenig, nichts wirklich. Doch Alexa Chung ist eine nahezu bruchlose Erfolgsgeschichte.

Sie mag es nicht, auf ein Podest gestellt zu werden

Es ist bestimmt nicht das schlimmste Schicksal, mit sehr grünen Katzenaugen, einem makellosem Teint und langen, dünnen Gliedern in Privett, Hampshire, geboren worden zu sein. Aber was Chung definitiv nicht will, ist auf ein Podest gestellt und angestaunt werden. Die Alexa im Alexa-Narrativ ist deshalb immer eine nur minderberühmte Dilettantin, die in haarsträubende Situationen gerät, aus denen sie sich dann auf die schnodderigste Weise und höchst unterhaltsam wieder hinausrettet. Ihr nächstes Erfolgsgeheimnis: Sie schüchtert die Leute nicht ein. Das Modeln, mit dem sie mit 16 angefangen hatte, schmiss sie nach vier Jahren, weil es ihr «ein verzerrtes Körperbild» bescherte und ihre Selbstachtung beschädigte. Hatte sie nicht auch etwas zu sagen?

Sie begann, Pop- und Mode­sendungen in London und New York zu moderieren. Tauchte in Musikvideos auf. War ein paar Jahre lang mit dem Sänger der Arctic Monkeys zusammen. Ging in niemals langweiliger Garderobe auf all die richtigen Partys. Schrieb ein Buch über guten Stil («It»), lief hie und da noch über den Laufsteg, wurde das Gesicht diverser Labels und entwarf als Gastdesignerin höchst erfolgreich Taschen, Brillen, Schuhe, Mäntel, Jeans, die sie im richtigen Leben allesamt auch trug.

Irgendwann war sie über die Grenzen Grossbritanniens hinaus bekannt – doch selbst da liefen ihre Anfragen nach luxuriösen Outfits für den roten Teppich oft ins Leere. «Ich habe bei Balmain angefragt: Könnt ihr mir ein Kleid des neuen Designers leihen? Sie sagten Nein. Also habe ich mir ein Vintage-Paillettenkleid gekauft und den Saum abgeschnitten. Ich habe bei Miu Miu angefragt: Könnt ihr mir etwas aus eurer Circus-Kollektion leihen? Sie sagten Nein. Also haben ich mir einen Kragen gekauft und ihn mit einem meiner alten Kleider kombiniert.» In beiden Fällen landete sie auf Platz eins der «Vogue»-Best-Dressed-Liste. Von 2010 bis 2012 gewann sie legendärerweise dreimal in Folge den British Style Award. Heute bekommt sie die Kleider, die sie haben will.

Man muss um die Kunst, sich zu kleiden, kein unnötiges Aufhebens machen. Andererseits muss man es auch erst mal hinbekommen, aus dieser Kumuluswolke von Looks, die das Modebusiness allwöchentlich auf die Menschheit niederregnen lässt, ein Outfit zusammenzustellen, das nicht nur gut aussieht und zu einem passt, sondern sich dazu noch charismatisch abhebt von all den anderen. Alexa Chung kann das. Es gehört Fantasie dazu, mit Jeans und einem Hoodie anzufangen und dann zu erkennen, dass hier noch Glitzerpumps, eine perlenbesetzte Tasche und ein bodenlanger Kunstpelzmantel fehlen.

Was sie anzieht, entscheidet sie beim Duschen

Ihre Outfits sind gerne etwas retro und spontan – Leute, die sich beim Anziehen zu sehr angestrengt hätten, langweilten sie, so steht es in ihrem Stilbuch. Was streng betrachtet natürlich der Gipfel der Eitelkeit ist: grossartig aussehen und sich dann nicht mal bemüht zu haben. Als man sie danach fragt, rudert sie zurück: Ein klein wenig anstrengen müsse man sich schon. Aber es sei nun mal so: «Ich denke morgens beim Duschen über mein Outfit nach, dann ziehe ich mich an und verlasse das Haus.» An diesem Tag trägt Alexa Chung ein weisses Baumwollkleid mit hoher Taille und einen camelfarbenen Mantel, beides von Alexachung. So heisst ihr Label, vor zwei Jahren hat sie es gegründet. Der Branchendienst Business of Fashion bescheinigte ihr eine angenehm «schrullige, feminine Interpretation klassischer Designs».

Jetzt ist sie also Arbeitgeberin, verantwortlich für Produktion, Vertrieb, Marketing, 26 Angestellte und eine Laufstegshow auf der London Fashion Week. Wo sie zehn Jahre lang mit wippendem Bein in der ersten Reihe sass. Ein Standortwechsel in jedem Sinne des Wortes. Manchmal muss sie auf den Tisch hauen und verlangen, dass die Dinge bitte schön genau so gemacht werden, wie sie das will. Es kostet sie Überwindung. «Aber ich kann das, nur keine Sorge. Obwohl ich es natürlich immer netter finde, wenn alle Spass haben zusammen.»



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Erstellt: 21.04.2019, 13:41 Uhr

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