Wie gefährlich sind berauschte Skifahrer?

Alkoholkonsum auf der Piste? Für BfU und Suva kein Problem. Dabei belegen Studien, dass alkoholisierte Wintersportler häufiger stürzen.

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Vor dem Mittag ein «Schümli Pflümli» an der Schneebar, zum Mittagessen ein Bier und zum Ausklang ein «Holdrio» auf dem Liegestuhl vor dem Tipi-Zelt. Auf und neben den Skipisten sind die trinkenden und betrunkenen Wintersportler derzeit kaum zu übersehen. Schnee liegt in Massen, die Pisten sind voll – und die Touristen sind es oft auch.

Tatsächlich wird reichlich gebechert im Hobby-Skisport: Befragungen aus Österreich zeigen, dass jeder dritte Skifahrer beim Wintersport Alkohol trinkt.

Und gemäss einer aktuellen Auswertung der schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) trinken 15 Prozent aller Skifahrer und 19 Prozent aller Snowboarder gelegentlich oder oft während dem Sport Alkohol – das ist der Spitzenwert über alle Sportarten hinweg.

Bei so viel Alkoholkonsum müsste klar sein: Wer beschwipst oder betrunken auf die Piste geht, verletzt sich auch öfter bei Stürzen oder Kollisionen.

Die Experten der Unfall-Beratungsstelle BfU winken allerdings ab. «In welchem Ausmass Skiunfälle mit Alkohol zusammenhängen, können wir nicht sagen. Das wird nicht untersucht», sagt BfU-Mediensprecher Marc Kipfer. Er verweist auf die Schweizerische Kommission für Unfallverhütung auf Schneeabfahrten (SKUS): «Deren Mitglieder sind der Überzeugung, dass der Alkoholkonsum bei Skiunfällen nicht zu den grössten Risikofaktoren gehört», sagt Sprecher Kipfer.

Fachstellen setzen Präventionsgelder anderweitig ein

Ähnlich klingt es bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt Suva. In den Unfallprotokollen für die Arbeitgeber wird zwar in der Regel nicht erfasst, ob jemand Alkohol getrunken hatte. Trotzdem sagt der Suva-Schneesport-Experte Samuli Aegerter: «Wir gehen davon aus, dass der Alkoholkonsum kein grosser Risikofaktor für Unfälle darstellt.»

Sowohl bei der BfU als auch der Suva heisst es, andere Faktoren seien entscheidender für Unfälle auf der Piste. Aegerter nennt das Gefahrenbewusstsein, die Geschwindigkeit oder die körperliche Fitness. Und BfU-Sprecher Kipfer sagt: Man setze die Präventionsgelder «lieber dort ein, wo wir den grössten Nutzen erwarten». Wichtiger sei zum Beispiel eine gute Pisten-Infrastruktur mit Langsam-Fahr-Pisten.

Angesichts der bekannten Folgen des Alkoholkonsums wie verminderter Reaktionsfähigkeit oder Selbstüberschätzung kommen diese Aussagen überraschend. Und offenbar ist die Meinung auch intern nicht immer klar – wie ein Beispiel bei der Suva zeigt: Noch bis in der letzten Woche führte die Unfallversicherung auf ihrer Webseite den Alkoholkonsum als einen der Hauptfaktoren für Skiunfälle auf. Nach Rückfrage der SonntagsZeitung, was denn nun stimme, hat die Suva den Begriff «Alkoholkonsum» auf der Webseite kurzerhand entfernt.

Tatsächlich kann man die Gefahr auch anders einschätzen: So haben Sportwissenschaftler der Universität Innsbruck durch systematische Befragungen von Tausenden von Skifahrern immer wieder deren Sturzhäufigkeit nach Alkoholkonsum erfasst. Das Fazit der letzten publizierten Befragung aus dem Jahr 2014 lautete: «Alkoholkonsum beispielsweise spielt bei Stürzen nach wie vor eine nicht zu vernachlässigende Rolle.»

«Trinken Sie keinen Alkohol während des Turniers»

Dass der Konsum von Alkohol oder anderen Drogen nicht nur zu mehr Stürzen auf der Skipiste führen kann, sondern auch zu mehr Verletzungen, belegte 2010 eine Studie des Universitären Notfallzentrums des Inselspitals Bern. Das Resultat einer Auswertung von über 300 Snowboard-Unfällen war: Wintersportler, die Cannabis konsumiert haben, verletzen sich häufiger bei Stürzen.

Auch neueste Untersuchungen aus den USA bestätigen diese Erkenntnisse aus Europa. Wissenschaftler der Rush University und der Yale School of Medicine haben in einer landesweiten Untersuchung über 6000 Fälle verunfallter Skifahrer und Snowboarder ausgewertet. Die Autoren kommen zum Schluss, dass gerade der Alkohol- und Drogenkonsum das Risiko für schwere Unfälle auf den Pisten erhöht.

Die Wissenschaftler schlagen vor, die Erkenntnisse könnten genutzt werden, um die Prävention gezielter zu gestalten.

In der Schweiz passiert im Wintersport trotzdem nichts: Dass Hobby-Fussballer nicht trinken sollen, das war der Suva in der Vergangenheit bereits eine Kampagne wert. «Trinken Sie keinen Alkohol während des Turniers. Sonst kann das Spiel gefährlich werden», hiess es 2010 auf Plakaten, die einen Fussball auf einem grünen Bierscherben-Teppich zeigten.

Aber dass Skifahrer nicht trinken sollen – dazu haben weder Suva noch Bfu laut eigenen Angaben jemals eine Kampagne gemacht. Auch wenn beide Fachstellen natürlich betonen, Skifahren und Alkoholkonsum vertrügen sich nicht.

Zuständig für die Pistenrettung ist der Verband Seilbahnen Schweiz. Laut Mediensprecher Andreas Keller gibt es «kein Sicherheitsproblem wegen Alkoholkonsum auf den Pisten». Unfälle mit Alkoholisierten gebe es gemäss Rückmeldung der Pisten- und Rettungsdienste «extrem selten». Laut Keller kommt es zudem kaum vor, dass die Pistenretter betrunkene Skifahrer ermahnen, ihnen das Ticket entziehen oder sie sogar anzeigen. Allerdings wird dies nicht systematisch erfasst – Statistiken dazu gibt es keine.

Alkoholkontrollen auf der Piste?

Die Fachstelle Sucht Schweiz beurteilt die Situation denn auch ganz anders. Mediensprecher Markus Meury sagt: «Für uns ist es klar, dass Alkohol auf den Skipisten ein Problem ist, umso mehr, als dass Alkoholbars in den letzten 20 Jahren auf den Skipisten wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.» Laut Meury müsste man über «eine Einschränkung des Alkoholverkaufs auf den Skipisten nachdenken». Und er würde auch «vermehrte Alkoholkontrollen auch auf Skipisten» begrüssen.

Die Polizei jedoch ist kaum einmal in einem Skigebiet zu finden – zumal es nicht verboten ist, in der Freizeit Alkohol zu trinken und im Vollrausch eine Piste runterzubrettern. Im Gegensatz übrigens zum Gummiboot-Fahren. Da gilt – vermutlich noch bis 2020 – eine Promille-Obergrenze von 0,5 Promille. Wer von der Polizei erwischt wird, muss eine Busse zahlen.

Erstellt: 13.01.2019, 07:13 Uhr

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